Gesundheit : Wie kommt die Luft in den Fahrradschlauch?

Martin Kiesler

Verfahrenstechniker finden Formeln für alltägliche Vorgänge. Ihr Wissen wird auch in der Umwelttechnik gebrauchtMartin Kiesler

"Alles strebt dem Zustand des größtmöglichen Chaos zu." So umschreibt Dagmar Gramatzki nicht nur leidvolle Alltagserfahrungen - etwa wenn die Luft aus einem undichten Fahrradschlauch zwar schnell hinaus-, aber freiwillig nicht wieder hineinströmt. Die Absolventin der Energie- und Verfahrenstechnik kann das durch den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auch in Formeln übersetzen. Denn in Verbrennungsmotoren laufen ähnliche Vorgänge ab, bei denen sich Druck, Temperatur und das Volumen ständig verändern.

Doch Formelwissen allein reicht für den Berufsalltag in der Technik kaum mehr aus. Sicherheit, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit von Anlagen spielen eine immer größere Rolle. Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenz und Teamfähigkeit sind zunehmend gefragt. Professor Gerhard Bartsch, langjähriger Dekan des Fachbereichs und mittlerweile emeritiert, bestätigt den Trend zu größerer fachlicher Breite: "Viele Studierende wählen ihre Hauptfächer sowohl aus der Energie- als auch aus der Verfahrenstechnik." Beide Studienrichtungen können an der TU auch als Kombination genommen werden. "Wir sind ein prozessorientierter Fachbereich", begründet Gerhard Bartsch dieses Konzept. Im Mittelpunkt stehen Wandlungsprozesse: sowohl von Stoffen als auch von Energien. Dass vor einigen Jahren die Umwelttechnik in den Fachbereich integriert worden ist, sei daher folgerichtig gewesen. Die Berufsaussichten seiner Studierenden beurteilt der Energietechniker positiv: "Wer eine gute Diplomarbeit macht und sich auch um die regenerativen Energien kümmert, hat gute Chancen."

Das Institut für Energietechnik, das früher stark auf Kernenergie ausgerichtet war, verfügt mittlerweile auch über gute Verbindungen zu mittelständischen Unternehmen und Ingenieurbüros. Dies zahlt sich in Form von Studien- und Diplomarbeiten oder auch Jobangeboten für die Studierenden aus.

Unter den klassischen Ingenieurstudiengängen der TU ist die Energie- und Verfahrenstechnik wohl derjenige, in dem das Studium am stärksten reformiert worden ist. Trotz jüngster Einschränkungen der Wahlmöglichkeiten haben die Studierenden große Freiheit bei der Gestaltung des Studiums. Dennoch empfand Marc Jüdes Grundstudiumsfächer wie Mathematik, Physik und Elektrotechnik als dröges Pflichtprogramm, bei dem zum Teil alter Schulstoff noch einmal aufgearbeitet werden musste. Mehr Spaß hatte er mit einem Projekt, das vom Energieseminar des Fachbereichs betreut wurde: Ein aus sieben Studierenden bestehendes Team hat das Konzept des vom Berliner Senat geplanten "Internationalen Solarzentrums" untersucht, mit dem die Solarenergienutzung gefördert werden soll.

Ursprünglich wollte Marc Umwelttechnik studieren. Da der Einstieg in diesen Studiengang jedoch nur zum Wintersemester möglich ist, hat er sich zunächst bei der Energie- und Verfahrenstechnik eingeschrieben. Heute will er nicht mehr wechseln: "Als Energietechniker kann ich konkrete technische Lösungen für ökologische Fragestellungen anbieten. Umwelttechniker dagegen sagen den Leuten immer nur, was sie gerade falsch machten."

Planspiele für die Umwelt

Das wollen Nadine Tubandt und Ines Koch, die beide Umwelttechnik studieren, so nicht stehen lassen. Zwar spiele die Konstruktion von Anlagen in ihrem Studium eine geringere Rolle. Dennoch fühlt sich Nadine auch für die Arbeit in einem Ingenieurbüro qualifiziert. Ines sieht ihr zukünftiges Betätigungsfeld ohnehin eher in Beratungstätigkeiten, etwa in einer Kommunalverwaltung oder als Umweltbeauftragte. Besonders interessieren sie die Mechanismen, durch die Schadstoffe auf Menschen wirken. Die Berufsorientierung wird - anders als in den meisten Ingenieurstudiengängen - in der Umwelttechnik bereits im Grundstudium gefördert. In einem Planspiel entwickeln die Studierenden Lösungen für die Energie- oder Wasserversorgung einer fiktiven Stadt. Dabei versetzen sie sich in verschiedene Rollen: Etwa in jene der Kommune, des Landes oder einer Bürgerinitiative. "Ich habe gelernt, Sensibilität bei Entscheidungsfindungen zu entwickeln. Sonst schimpft man immer nur auf die Politik - doch Lösungen sind häufig schwer zu finden", sagt Nadine.

Viele Ingenieurstudiengänge mussten in den letzten Jahren einen starken Einbruch bei den Neuimmatrikulationen verzeichnen. In der Umwelttechnik ist dieser Trend kaum zu spüren: 96 Leute fangen jedes Jahr in dem zulassungsbeschränkten Studiengang an. Die meisten stammen nicht aus Berlin und sind anfangs daher erst einmal auf Kontaktsuche. Wohl auch deshalb sei der Zusammenhalt am Institut für Technischen Umweltschutz sehr groß, meinen Ines und Nadine: "Zum Lernen findest du immer jemanden. Einmal in der Woche treffen wir uns mit sechs bis zehn Leuten in der Uni zum Frühstück." Regina Leiss, die das Studienbüro des Fachbereichs mehrere Jahre leitete, findet eine wissenschaftliche Ausdrucksweise dafür: "Die Studierenden gehen als Kohorte durchs Studium." Schmunzelnd fügt sie hinzu: "Man kann das auch als Klüngelwirtschaft bezeichnen."

Eines der Probleme des Studienganges sei, dass er mit der gültigen Studien- und Prüfungsordnung kaum mehr studierbar ist. Eine zu hohe Stundenzahl und unbesetzte Professuren im Bereich der Pflichtfächer haben zu überlangen Studienzeiten geführt. Doch der Entwurf einer neuen Ordnung soll bald vorgelegt werden.

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