Gesundheit : „Wie konnte die Kirche dagegen sein?“

US-Nobelpreisträger Kary Mullis über Gentechnik und Stammzellen

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Herr Mullis, Sie leben in Kalifornien. Wie gefällt Ihnen Europa?

Ich fühle mich hier immer wohler, habe gute Freunde in Italien und dort auch einen Vortrag gehalten.

Thema?

„Warum wir keine Angst vor Wissenschaftlern haben sollten.“

Und warum nicht?

Die meisten Gründe, warum Menschen sich fürchten, stellen sich nach 20 Jahren als töricht heraus. Beispiel Gentechnik. Viele fragen sich heute: Warum waren wir dagegen, ein menschliches Gen in Mikroorganismen einzubauen, um Proteine für therapeutische Zwecke herzustellen. Das war in Deutschland illegal, oder?

So ähnlich.

Deutsche Nachwuchsforscher kamen zu uns nach Kalifornien und haben hier das Gleiche gemacht, was sie sonst bei ihnen gemacht hätten.

Zurzeit ist in Deutschland die Stammzellforschung besonders streng reguliert.

Unglücklicherweise gibt es in dieser Debatte ein paar Reizwörter wie Embryo, Leben, Stammzelle. Für die Leute haben alle diese Wörter eine persönliche Bedeutung, die was mit historischen oder religiösen Werten zu tun hat. In 20 bis 30 Jahren werden sie darüber nicht mehr nachdenken. Als ich ein kleiner Junge war und in unserem Garten experimentierte, um Raketentreibstoff herzustellen, gab’s eine Menge Rauch und Feuer. Meine Mutter sagte: Kary, pass auf deine Augen auf!

Eine echte Gefahr …

Eine potenzielle Gefahr! Denn ich verstand, was geschah, und schützte mich. Ohne darauf zu verzichten. Es machte mir Spaß, Raketen zu bauen. Ähnliches passiert überall, wo etwas Neues erforscht wird. Die Leute sehen Rauch und Feuer, verstehen nicht genau, was passiert, und ziehen die falschen Schlüsse. Sie haben mehr Angst, als sie haben sollten. Wenn die ersten Gelähmten aus dem Rollstuhl aufstehen, weil sie durch Stammzellen geheilt wurden, wird man fragen: Wie konnte die Kirche dagegen sein?

Stammzellen und therapeutisches Klonen werden sich durchsetzen?

Im Sinne von Ersatzgewebe, ja. Einen ganzen Körper zu klonen, eher nein. Da sehe ich keinen Nutzen. Wenn es einen geben würde, wäre ich nicht dagegen.

Ähnlich umstritten ist die grüne Gentechnik, zumindest in Europa.

Wenn sie in einen Supermarkt kommen, werden sie nicht ein einziges Nahrungsmittel finden, das die gleiche DNS-Sequenz hat wie das Tier oder die Pflanze, von dem es abstammt. 10000 Jahre Ackerbau und Viehzucht haben alles geändert. Niemandem hat das jemals Sorgen gemacht. Aber mittlerweile gibt es Leute, die davon leben, sich über solche Sachen zu beschweren.

Welchen wichtigen Trend gibt es in der Biotechnik?

Die persönliche DNS-Sequenz wird Teil der Gesundheitsvorsorge werden. Medikamente wirken nun einmal anders, je nachdem, welche Gene wir besitzen.

Woran forschen Sie selbst?

Ich arbeite mit künstlich hergestellter Erbinformation. Sie lässt sich an jedes beliebige Molekül koppeln. Diese Technik wollen wir benutzen, um Krankheiten zu bekämpfen. Dazu habe ich eine Firma gegründet. Ich möchte endlich auch mal selbst mit einer Entwicklung Geld verdienen. Für die Polymerase-Kettenreaktion habe ich nämlich nichts bekommen!

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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