Gesundheit : Wie Malaria nach Deutschland kommen kann

Ein heißer Sommer sorgte in Duisburg für drei Krankheitsfälle: Moskitos hatten den Erreger verbreitet

Hermann Feldmeier

Drei erst kürzlich publizierte Krankheitsfälle aus Duisburg belegen, dass die Malaria keinesfalls die Tropenseuche ist, für die sie heute gehalten wird. Die Erreger sind äußerst anpassungsfähig. Und bieten wir ihnen die Möglichkeit, dann könnte es bald auch bei uns in warmen Sommern heißen: „Malaria! Vorsicht bei geöffneten Fenstern!”

Sommer 1997. Zu Anfang sah alles aus wie Routine. Ein sechsjähriges Mädchen aus Angola war in die Kinderabteilung des Klinikums Duisburg eingeliefert worden. Es hatte eine Eiteransammlung im Unterkiefer, die operativ entfernt werden musste. Da der Abszess ungewöhnlich groß war, dauerte die Operation mehrere Stunden. Vier Wochen, so schätzten die Ärzte, würde der Heilungsprozess schon benötigen. Es war Juli und ausgesprochen heiß. Deshalb schlief die kleine Patientin in ihrem Zimmer mit offenem Fenster.

Was die Ärzte nicht wussten: Das angolanische Mädchen hatte nicht nur Bakterien im Unterkiefer, sondern auch Malariaparasiten im Blut. Und zwar jene Plasmodien, die die gefährlichste aller Malariaformen, die Malaria tropica, hervorrufen. Allerdings äußerte sich die Malaria in diesem Fall nur in gelegentlichem leichten Fieber, was bei Bewohnern der Tropen, die eine gewisse Immunität gegenüber den Erregern entwickelt haben, nicht ungewöhnlich ist. Dafür machten die Ärzte die bakterielle Entzündung im Unterkiefer verantwortlich.

Erst fünf Wochen nach dem Eingriff wurden bei einer routinemäßigen Untersuchung des Bluts die Malariaerreger entdeckt. Bis die Parasiten durch Medikamente beseitigt wurden, vergingen noch ein paar Tage. Insgesamt rund sechs Wochen hatte also das Kind auf der Kinderstation gelegen, ohne dass jemand die im Blut zirkulierenden Plasmodien entdeckt hatte.

Ein paar Zimmer weiter wurde zur gleichen Zeit ein vierjähriges Kind wegen einer Nierenbeckenentzündung behandelt. Kaum als geheilt entlassen, wurde es mit hohem Fieber erneut in die Klinik eingewiesen. Der behandelnde Kinderarzt vermutete eine Blutvergiftung.

Unerklärliche Fieberschübe

Rein zufällig entdeckte eine medizinisch-technische Assistentin die wirkliche Ursache der hochfieberhaften Erkrankung: Zahlreiche rote Blutkörperchen waren mit Plasmodium falciparum befallen, dem Erreger der Malaria tropica. Als einige Tage später bei einem weiteren Patienten der Kinderstation ebenfalls unerklärliche Fieberschübe auftraten, schalteten die Ärzte sofort. Tatsächlich waren auch hier Malariaparasiten der Grund für das Fieber.

Da es immer wieder einmal Fälle gibt, wo aus den Tropen eingeschleppte Anopheles-Mücken in Europa die Malaria auf hier ansässige Menschen übertragen (typischerweise handelt es sich um Personen, die auf internationalen Flugplätzen arbeiten oder in der Nähe wohnen), lag auch in Duisburg die Vermutung nahe, dass es sich um eine „Flughafen-Malaria“ handelte.

Allerdings ist der nächste Flughafen mit Verbindungen nach Afrika, Düsseldorf-Lohausen, zu weit weg, als dass ein tropischer Moskito als Ursache der Malaria in Frage gekommen wäre. Keiner der beiden deutschen Patienten hatte je ein Malariagebiet besucht und auch keine Bluttransfusion erhalten. Zwei weitere Möglichkeiten, die eine Malaria tropica hätten erklären können.

Übrig bleibt also nur der – in den Tropen – übliche Weg der Malariaübertragung: Eine Mücke nimmt Blut bei einer infizierten Person auf, die Parasiten entwickeln sich in diesem Insekt zu einer neuen Generation infektionsfähiger Erreger heran, die dann bei einem weiteren „Piks“ auf eine andere Person übertragen werden. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses steigt mit der Außentemperatur. Und die war in Duisburg zu jener Zeit im Mittel nicht unter 21 Grad gesunken. Unter diesen Verhältnissen benötigt Plasmodium falciparum für seine Entwicklungsphase in der Mücke höchstens 14 Tage.

Allerdings gibt es in Deutschland nur wenige Anophelesarten, die den Erreger der Malaria tropica übertragen können. Die am häufigsten vorkommenden Anophelinen gehören zum „Maculipennis-Komplex“. Sie sind zwar geeignete Zwischenwirte für Plasmodium vivax, den Erreger der Malaria tertiana. Für Plasmodium falciparum sind sie aber aus genetischen Gründen refraktär.

Anopheles-Mücken im Buchenwald

Also machten sich die Ärzte des Duisburger Krankenhauses zusammen mit Wissenschaftlern des Hamburger tropenmedizinischen Instituts auf die Suche nach Malariamoskitos und wurden in einem Wäldchen nahe der Klinik auch fündig: In einem mit Wasser gefüllten Hohlraum einer alten Buche entdeckten sie Larven von Anopheles plumbeus, einer Anophelinenspezies, die Malaria-tropica-Erreger übertragen kann. Die offenen Fenster hatten es möglich gemacht, dass die gleiche Mücke mindestens in zwei verschiedene Zimmer der Kinderstation geflogen war und einmal Blut mit Malariaerregern aufgenommen und das zweite Mal infektiöse Formen übertragen hatte.

Eine weitere Beobachtung spricht für just dieses eher unwahrscheinlich anmutende Ereignis. Aus Blutproben des angolanischen Kinds und des ersten deutschen Malariakranken erstellten die Forscher einen genetischen Fingerabdruck des Parasiten. Die beiden Isolate waren zwar nicht miteinander identisch, allerdings waren sie sich ausgesprochen ähnlich.

Da chronisch infizierte Personen häufig mit mehreren Parasitenvarianten gleichzeitig infiziert sind, kann es bei der geschlechtlichen Vermehrungsphase in der Mücke zu einer Rekombination der DNA verschiedener Varianten kommen. Ein daraus entstehender neuer Klon von Plasmodium falciparum unterscheidet sich dann nur in vergleichsweise wenigen Basensequenzen von den „Eltern“. Und just solche Unterschiede waren in den beiden Proben nachweisbar.

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