Gesundheit : Wie man gute Geschichten baut

... und wie Lehrer ihren Schülern das beibringen können: Ein Fortbildungsseminar im grünen Dahlem

Dorothee Nolte

ERZÄHL MIR WAS – DER WETTBEWERB IM TAGESSPIEGEL

Das wäre schön: Wir gehen in ein Seminar, hören anderthalb Tage einem Profi-Schriftsteller zu, der aus dem Nähkästchen plaudert, und danach können wir spannend schreiben und erzählen. Schön wäre das, ja. Aber leider ist es unmöglich.

Schreiben und erzählen lernt man eben nur, indem man es auch tut. Einige Lehrer und Lehrerinnen, die im Rahmen des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs zum Seminar „Spannend erzählen“ ins grüne Dahlem gekommen waren, zeigten sich am Anfang irritiert: Wir sollen selbst eine Geschichte erzählen! Selbst aufschreiben! Muss das sein?

„Als Lehrer fühlen wir uns in der beurteilenden Position wohler“, gab eine Teilnehmerin zu. Das ist man im Schulalltag eben gewöhnt: Aufgaben stellen, die Schüler machen lassen, und ein Urteil fällen, eine Note geben. Aber damit sind auch nicht alle zufrieden: „Ich würde gerne mehr Kreativität zulassen und die Texte von Schülern nicht nur nach formalen Kriterien bewerten“, sagt Maria Schinnen, Lehrerin an der Fläming-Grundschule. Ihre Kollegin Bärbel Joel von der Schule am Grüngürtel möchte erfahren, wie sie ihre Schüler „in ihrer Erzählfreude lenken“ kann: „Sie schreiben oder reden einfach drauflos. Ich möchte ihnen Hinweise geben, wie sie das besser machen können.“

Erzählen stiftet Vertrauen

Verschiedene Motive also, an dem Seminar teilzunehmen, das der Tagesspiegel zusammen mit der Katrin Rohnstock Erzählakademie und dem Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) organisiert hatte. Der Kurs fand Ende vergangener Woche im Museumskomplex Dahlem statt; dort sollen auch beim Erzählfest am 21. September die besten Erzähler auftreten. Und das können Erwachsene sein, aber eben auch Schüler.

Das – schriftliche und mündliche – Erzählen sollte einen größeren Raum im Unterricht einnehmen – „von der Grundschule bis zur 13. Klasse“, meint Gisela Beste, die am Lisum für die Fortbildung der Deutschlehrer zuständig ist (vergleiche Tsp vom 20. März und 1. Mai). Nicht nur, weil es grundlegende sprachliche Fertigkeiten übt, das Schreiben, Vorlesen, freie Vortragen, Lesen und Zuhören; auch weil diejenigen, die selbst Geschichten bauen, einen anderen Zugang zur Literatur finden. Und nicht zuletzt: weil das Erzählen von Geschichten in einer Klasse Gemeinschaft stiftet, wie Katrin Rohnstock, Gründerin der gleichnamigen Erzählakademie, betonte: „Zum Erzählen braucht man eine vetrauensvolle Atmosphäre. Aber das Erzählen stellt eine solche Atmosphäre auch her.“

Das merkten die teilnehmenden Lehrer und Lehrerinnen schnell. Denn schon nach der ersten Erzählrunde in Dreiergruppen – einer erzählt, einer hört zu, einer fragt nach, dann Rollentausch – war eine angeregte Stimmung entstanden. Genau der richtige Hintergrund, vor dem Krimi-Autor Karl Scheithauer (Pseudonym: Carlo Deluxe) seine Hinweise zum Erzählen geben konnte. Jede gute Geschichte enthält demnach einen „zentralen Konflikt“, der sich auch in drei Sätzen zusammenfassen lässt, und einen Spannungsbogen: Anfang, Vertiefung, Höhepunkt und Schluss. „Spannung heißt sus-pense, also hinausschieben“. Typische Anfängerfehler: Man nimmt den Höhepunkt vorweg (ich erzähle euch jetzt mal, wie ich vom Baum gefallen bin), langweilt Zuhörer oder Leser mit ellenlangen Beschreibungen oder behauptet Dinge („er war unsympathisch“), statt sie anschaulich zu zeigen.

Was ist der zentrale Konflikt?

Am zweiten Tag schrieben alle Teilnehmer ihre Geschichten auf und trugen sie vor, wobei die Zuhörer darauf achteten: Was ist der zentrale Konflikt? Ist der Höhepunkt gut vorbereitet, werden die Personen lebendig, zieht der Anfang den Hörer in die Geschichte herein? Rhetorik-Trainerin Annette Weber-Diehl nahm die Vortragenden auf Video auf und gab Tipps, wie sie die Spannung mit den Mitteln der gesprochenen Sprache – Pausen, Artikulation, Variation von Tempo und Lautstärke – verstärken können.

Lässt sich damit in der Schule etwas anfangen? Edith Daling (Mahatma Gandhi Oberschule) meint Ja: „Das lässt sich gut in den Unterricht übertragen.“ Bettina von Kirchbach dagegen ist skeptisch. „Viele Schüler sind so sprach- und erfahrungsarm, dass sie, wenn sie eine Geschichte schreiben oder vortragen sollen, immer nur mit ihren Defiziten konfrontiert werden. Und sobald sie ihre Geschichten überarbeiten sollen, verlieren sie die Lust.“

Aber es gab auch Ideen, wie man Schüler dazu bringen kann, ihre Texte oder Aufnahmen zu überarbeiten. Bärbel Joel will die Geschichten bei einer Abschlussveranstaltung vor den Eltern vortragen lassen und sie in einem Heft zusammenstellen. Jede Form der Publizität ermuntert dazu, sich Mühe zu geben. Dagmar Ladj-Teichmann hat es in ihrer Berufsfachschule mit Schülern zu tun, die „ihr Leben lang in Deutsch eine Fünf hatten“. Dennoch hat sie sie motivieren können. „Ich habe ihre Geschichten selbst verbessert abgetippt, kopiert und vorgelesen. Da waren sie von den eigenen Geschichten ganz begeistert und haben gemerkt, was eine Überarbeitung bewirken kann.“ Inzwischen kämen schon Schüler einer Parallelklasse an und sagten: „Gemein, dass wir da nicht mitmachen dürfen.“

Womit sie übrigens unrecht haben: Am Wettbewerb können alle Schüler teilnehmen, auch in Teams. Sie können eine Geschichte gemeinsam entwickeln oder die Rollen – Schreiben, Vortragen – aufteilen. Dank der Unterstützung durch die Gemeinnützige Hertie-Stiftung gibt es viele Schüler-Preise, Seminare und Klassenaktivitäten. Auch das dürfte die Motivation fördern.

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