Gesundheit : Wie Räuber und Gendarm?

Lehrer und Schüler diskutieren das Computerspiel Counter-Strike

Juliane von Mittelstaedt

Nach dem Massaker von Erfurt schien für viele klar: Counter-Strike ist schuld, das „Killer-Spiel“ („Spiegel“) und „Software fürs Massaker“ („FAZ“). Verboten wurde es trotz allem nicht. Ein Jahr nach dem Amoklauf ist wenig erklärt worden. Counter-Strike löst seitdem zuverlässig rhetorische Reflexe aus: Killer-Konditionierung, Gewaltexzesse, Wirklichkeitsverlust.

Der Mikrokosmos der Ballerspiele entzieht sich weitgehend der Erklärwelt von Erwachsenen und Experten. Was das Computerspiel in den Köpfen der Spieler anrichtet, weiß keiner. Entsprechend verunsichert reagieren Lehrer, die sich fragen, was sie mit Schülern machen sollen, die CounterStrike spielen und ihre Wochenenden auf LAN-Partys verbringen, wo sie ihre Computer miteinander vernetzen und Tage und Nächte durchspielen. Sollen sie das Spiel ächten oder es tolerieren, weil es lediglich ein modernes Jugendphänomen ist – quasi das moderne Räuber und Gendarm? Oder hat Counter-Strike sogar positive Effekte, weil „die Jungs wahnsinniges technisches Know-how entwickeln“, wie ein Lehrer sagt?

Die „Jungen Philologen“, die zum „Philologenverband“ der Gymnasiallehrer gehören, luden jetzt rund hundert Berliner Schüler ein, um mit ihnen und dem Dokumentarfilmer Marcus Vetter über Counter-Strike und die Folgen zu diskutieren. Präsentiert wurde dessen 90-minütiger Film „Kriegsspiele“, den der Verband nun auch an Schulen ausleihen will. Vetter zeigt den Alltag jugendlicher Counter-Striker aus Esslingen, die er ein Vierteljahr mit der Kamera verfolgte, in der Schule, zuhause vorm Computer, beim Chat, bei LAN-Partys. Niemals Stille, niemals Stillstand, das Ganze mit schnellen Beats unterlegt, während die Bildschirme fahle Gesichter und zuckende Pupillen reflektieren.

Doch wer Marcus Vetter fragt, was er über „CS“ und die Spieler denkt, hört nichts von „Gewalt“. „Hoffnungslosigkeit“ lautet sein Kommentar. Wegen der Sucht nach dem Spiel, acht, zehn, 24 Stunden am Tag. Und dass er die Jugendlichen als „sehr selbstbewusst und reif“ erlebt hat. Aber Gewalt? War Robert Steinhäuser nicht auch in zwei Schützenvereinen? Liefern die Realität und die Medien nicht die brutaleren Bilder? Vetters Argumente entsprechen exakt denen der Counter-Strike-Fans: Es gehe ihnen nicht ums Töten, sondern um Taktik. Andere spielten halt Fußball oder Schach. „Früher wurde doch auch schon mit Zinnsoldaten gespielt“, verteidigt Frederik Dinkelaker, Schüler der 12. Klasse, sein Hobby. Die Schüler sehen aus wie fast jeder Jugendliche: Jeans, Turnschuhe, schlabbriges T-Shirt, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Und sie wollen „Spaß haben, erfolgreich sein, Freunde finden“. So denkt Felix Walter, der gerade Abitur macht und „so drei bis vier Stunden am Tag“ spielt. „Kein vernünftiger Mensch wird danach in den Laden rennen, eine Waffe kaufen und Amok laufen.“

Die Diskussion ist symptomatisch: Auf der einen Seite die Lehrer, die hilflos nach Ursachen für das Erfurter Schuldrama suchen, auf der anderen Seite Jugendliche, die ihr Lieblingsspiel verbissen verteidigen. Leugnen wolle er den Zusammenhang von Computerspielen und Gewaltexzessen nicht, sagt der junge Philologe Bernd Werner. „Aber nur wer vorher schon einen Knacks hat, wird durch Counter-Strike zur Gewalt angestachelt.“

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