Gesundheit : Wie rechts sind die Studenten?: Nationale Einstellungen gewinnen an Boden

Tino Bargel

Die Zustimmung bei den Studenten für nationale und konservative Positionen hat zugenommen. Forderungen nach einer Begrenzung der Zuwanderung und nach Abwehr kultureller Überfremdung finden immer mehr offene Ohren, wie die Langzeitstudie des Hochschulforschers Tino Bargel zeigt. Gleichzeitig interessiert sich nicht einmal mehr jeder dritte Student ausdrücklich für Politik. Die Studenten von heute werden in der Zukunft die Weichen dieser Gesellschaft stellen. Was sich da schon heute abzeichnet, erläutert Bargel mit seinen Untersuchungsergebnissen. (Die Red.)

In den 70er Jahren wurde lange heftig und kontrovers über die Frage debattiert: Wie links und/oder demokratisch sind die Studenten? Es ist wohl ein Zeichen des Wandels, dass diese Frage heute anders gestellt wird. Wie rechts und/oder undemokratisch sind die Studierenden?, heißt es jetzt.

Um diese Frage zu beantworten, sind Befunde zu drei Bereichen aufschlussreich: das politische Engagement der Studierenden, ihre politische Ausrichtung und ihre Ziele sowie ihr Verhältnis zur Demokratie. Welche Veränderungen zeichnen sich dabei für die letzten zwanzig Jahre ab?

Das politische Klima an den Hochschulen hat sich stark abgekühlt. "Politik und öffentliches Leben" haben inzwischen eine geringere Bedeutung: Im Wintersemester 1997/98 schrieben ihr noch 29 Prozent einen hohen Stellenwert zu; Mitte der 80er Jahre waren es noch 39 Prozent - ein deutlicher Rückgang. Entsprechend ist das Interesse am politischen Geschehen insgesamt von 55 auf 43 Prozent zurückgegangen.

An Hochschulpolitik, erst recht an studentischer Politik sind die Studierenden noch viel weniger interessiert. Die offiziellen Hochschulgremien und die Allgemeinen Studentenausschüsse (AStA) finden kaum Resonanz. Nur fünf bis sechs Prozent der Studierenden machen aktiv mit, davon die meisten nur gelegentlich. Gut 40 Prozent interessieren sich überhaupt nicht dafür, was der AStA treibt oder was hochschulpolitisch ansteht. Das Desinteresse zeigt sich auch in der geringen Beteiligung der Studenten an Hochschulwahlen. Noch weniger attraktiv sind die politischen Studentenvereinigungen geworden: Der Kreis der Aktiven hat sich von acht auf vier Prozent halbiert. Das frühere Selbstbewusstsein eigenständiger studentischer Politik ist fast völlig verloren gegangen.

Politischen Organisationen und Parteien standen die Studierenden allerdings schon immer distanziert gegenüber. Sie lassen sich lieber auf Ideen und Bewegungen ein, verbunden mit spontanen und informellen Aktionen. Aber selbst die Begeisterung für soziale Bewegungen oder weitreichende Reformideen ist inzwischen weitgehend erloschen. Die Friedensbewegung war die letzte, die noch größere Teile der Studentenschaft erreichte. Auch Forderungen der Frauenbewegung haben an Unterstützung verloren und die "grün-alternative Bewegung" findet weniger Sympathie.

Heute herrscht ein gewisses "politisches Vakuum" in der Studentenschaft, denn politische Ideen, Debatten und Bewegungen entfalten kaum Bindung. Dies ist nicht im Sinne politischer Apathie zu verstehen, aber als Aufgabe von Einmischung und Engagement. Am häufigsten engagieren sich Studierende in den Fachschaften, die für sie zu den seltenen Kristallisationspunkten des sozialen Lebens an den Hochschulen gehören. Dort entfalten sie vielfältige Aktivitäten - studienbezogen, gesellig oder kulturell, die aber ohne weiterreichende politische Ambitionen bleiben.

Studierenden haben grundsätzlich durchaus eine Neigung zum Protestieren und Demonstrieren, begründet in ihrer Lebensphase und -situation. In den Formen des Protestes sind sie oft nicht zimperlich. Die Bereitschaft ist aber deutlich zurückgegangen - analog zum politischen Interesse. Auch Charakter und Ziele des Protestes haben sich gewandelt: Aktionen bleiben weitgehend auf die Studienbedingungen, die Studienfinanzierung und die Berufsperspektiven beschränkt. Es bleibt bei punktuellen Aktionen ohne breitere ideologische Einbettung. Diese sind eher auf die eigenen Interessen beschränkt, ohne darüber hinausgehende Umgestaltungsabsichten.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden dabei nicht grundlegend in Zweifel gezogen - bei aller, sogar zunehmenden Unzufriedenheit mit den politischen Instanzen wie dem Alltagsgeschäft der Politik. Mehr und mehr macht sich politisch eine eigentümliche Gleichgültigkeit breit, ein Rückzug auf die Zuschauerrolle. Eine Mischung aus Ernüchterung und Verunsicherung, Anpassung und Resignation, verknüpft mit manchen Zynismen, herrscht vor. Die Studenten denken häufiger an sich und die Verbesserung ihrer Lage als an andere und die Verbesserung der Welt.

Mehr national-konservative Gesinnung

Bereits Anfang der 80er Jahre verabschiedete sich die Studentenschaft abrupt von Ideologiestücken sozialistischer und kommunistischer Provenienz. Weit vor dem Zusammenbruch des "realen Sozialismus" haben die westdeutschen Studierenden Zielen, wie der Enteignung des Privateigentums an Industrieunternehmen und Banken, den Abschied gegeben. Seither finden konventionelle und konservative Ziele zunehmend Unterstützung: die Sicherung der Marktwirtschaft, die Förderung technologischer Entwicklungen, Bewahrung der Familie und eine härtere Bekämpfung der Kriminalität.

Insgesamt stimmen Studierende in Ost- wie Westdeutschland am häufigsten mit grün-alternativen und sozialdemokratischen Grundpositionen überein, aber längst nicht mehr so enthusiastisch und überzeugt wie früher. Christlich-konservative und liberale Grundpositionen sind umstritten geblieben, werden von einigen geteilt, von anderen stark abgelehnt.

National-konservative auf der rechten als auch kommunistisch-marxistische Positionen auf der linken Seite des politischen Spektrums werden zwar überwiegend abgelehnt. Aber in der zweiten Hälfte der 90er Jahre haben national-konservative Positionen auch bemerkenswert mehr Zustimmung bei den Studenten bekommen. Bis 1995 blieb die Zustimmung zu dieser Richtung und ihren Zielen unverändert gering. Auch die "deutsche Einheit" hatte keine nationale Euphorie ausgelöst. Das hat sich geändert. Solche Positionen wurden 1997/98 deutlich weniger zurückgewiesen als früher, die Akzeptanz und vor allem die Hinnahme hat zugenommen.

Die ausdrückliche Zustimmung zu national-konservativen Zielen reicht von fünf Prozent bei den westdeutschen Studierenden an Universitäten bis zu acht Prozent an den ostdeutschen Fachhochschulen - gegenüber drei beziehungsweise fünf Prozent im Jahr 1995. Die Tolerierung ist mit 17 Prozent an den ostdeutschen Fachhochschulen besonders ausgeprägt. Nimmt man den Kreis der Anhänger, Sympathisanten und Dulder zusammen, so ist er von 1995 bis 1998 an den westdeutschen Universitäten von acht auf elf Prozent, an den ostdeutschen Universitäten von 13 auf 17 Prozent und an den ostdeutschen Fachhochschulen sogar von 17 auf 25 Prozent gestiegen. Im Übrigen sind die Männer deutlich häufiger Anhänger national-konservativer Haltungen als Studentinnen, zumal wenn sie die Wehrpflicht bei der Bundeswehr absolviert haben und in Verbindungen mitwirken.

Außerdem hat in auffälliger Weise seit 1995 die Unterstützung von zwei politischen Zielen zugenommen, die vorher eindeutig als Thema von rechten und nationalkonservativen Studierenden besetzt waren, auch in klarer Abhebung von christlich-konservativ eingestellten Studierenden. Es handelt sich um die "Begrenzung der Zuwanderung von Ausländern" - als die vielleicht feinere, akademische Variante zur "Ausländer-raus!"-Parole - und um die "Abwehr kultureller Überfremdung".

Wertewandel

Die politischen Ansichten sind eingebettet in einen allgemeinere Wertewandel. Besonders fällt dabei die veränderte Einstellung zum Wettbewerb auf. Noch vor einigen Jahren überwiegend negativ eingeschätzt, wird er heute eher als Anreiz zur Leistungssteigerung und damit positiv eingeschätzt. Zugleich vermissen die Studenten seltener gesellschaftliche Solidarität. Soziale Ungleichheit wird ebenfalls anders bewertet. Sie ist für die Studierenden heute weit weniger ein Stachel. Zwar beurteilen sie das Ausmaß sozialer Ungleichheit kaum geringer, aber sie verurteilen sie seltener als ungerecht oder begehren gar dagegen auf.

Das zeigt sich beispielsweise darin, dass Hilfe für die Entwicklungsländer seltener Zustimmung findet. Weniger Anteilnahme finden auch andere Studenten mit Nachteilen, wie BaföG-Empfänger, Ausländer oder Langzeit-Studierende. Sie alle finden nicht viel Verständnis für ihre Situation.

Außerdem sprechen sich die Studierenden wieder häufiger für eine härtere Selektion aus, zum Beispiel beim Hochschulzugang. Es herrscht allgemein mehr "Leistungsideologie", auch für das Studium wird mehr "Effizienz" verlangt und angestrebt.

Juristen wurden Meinungsführer

Es hat einen Wechsel in der Meinungsführerschaft gegeben, in der öffentlichen Vertretung von Ansichten und Überzeugungen. Auf der einen Seite haben die Anhänger linker und alternativer Ideen die Bühne freigegeben und sich zurückgezogen. Damit spielen die Sozial- und Geisteswissenschaftler nicht mehr den dominierenden Part. Dagegen haben Juristen und Ökonomen häufiger die Meinungsführerschaft übernommen und finden vor allem bei den Ingenieuren Anklang. Bei diesen Gruppen genießen konventionelle bis hin zu national-konservativen Positionen überproportional ein hohes Ansehen. Derartige Verlagerungen in der Meinungsführerschaft hin zu den Juristen, Ökonomen und Ingenieuren sind schon allein wegen ihrer späterer beruflichen und gesellschaftlichen Stellung bedeutend. Aus diesen Berufsgruppen kommen in der Regel die Führungskräfte.

Demokratische Einstellungen

Als fundamentale Prinzipien der Demokratie gelten die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit einerseits, die Ablehnung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung andererseits. Dies ist bei den Studierenden in Ost- und Westdeutschland nahezu einhellig akzeptiert - ein wichtiger Grundkonsens bei allen anderweitigen Differenzen.

Anhänger rechter oder linker Positionen, nationalistischer oder kommunistischer Provenienz, akzeptieren allerdings bezeichnenderweise Gewalt als Mittel der Politik eher, und zwar die rechten Studierenden noch deutlich mehr als die linken Studierenden. Obwohl die meisten "sattelfeste Demokraten" sind, gibt es dennoch eine größer gewordene Minderheit, die eine national-konservative, rechte Gesinnung vertritt und mit tendenziell antidemokratischen Haltungen verbindet. Bei ihnen ist zudem die Akzeptanz von Gewalt weiter verbreitet - ein brisantes Konglomerat.

Problematik der Entwicklung

Die Veränderungen seit den 80er Jahren reichen derart weit, dass sie einen Wandel im politischen Bewusstsein und Potenzial der Studierenden bedeuten. Einige dieser Entwicklungen sind für die politische Demokratie wie das gesellschaftliche Zusammenleben problematisch. Auf zwei derartige Konstellationen sei abschließend hingewiesen.

Die zunehmende politische Gleichgültigkeit unter den Studierenden enthält ein Gutteil Verantwortungslosigkeit und eine Abnahme öffentlicher Tugenden. Der Verzicht auf Partizipation und Engagement beinhaltet einen vielfach ressentimentgeladenen Rückzug, selbst bei vielen Studierenden, die sich noch Gedanken um Zukunft und Gesellschaft machen. Ein egoistischer Individualismus mit manchen Zügen des sozialen Autismus und von Inhumanität tritt in den Vordergrund, insbesondere bei jenen, die an die Schalthebel der Macht streben.

Zudem werden einzelne politische Positionen wie Ausgrenzung von Ausländern oder die Abwehr kultureller Überfremdung von nicht wenigen Studierenden geteilt. Die größere gewordene Zahl national-konservativer bis rechts-reaktionärer Studierender, auch wenn sie nicht in Springerstiefeln auftreten und an den Hochschulen Gewalttaten ausüben, bleibt zu beachten. Denn im Fahrwasser des veränderten politischen Klimas und des gewissen politischen Vakuums haben und sehen sie ihre Chance zur Einflussnahme.

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