Gesundheit : Wie Schild und Schwert zerbrachen

Die Stasi im Revolutionsjahr 1989 – vom kläglichen Ende eines gigantischen Repressionsapparates

Matthias Schlegel

„Am 15. Januar 1989, nach 16.00 Uhr, rotteten sich ca. 150–200 Personen vor dem Untergrundmessehaus im Stadtzentrum von Leipzig zusammen. Da die Teilnehmer den wiederholten Aufforderungen der Deutschen Volkspolizei nach Auflösung des Marsches nicht Folge leisteten, erfolgte durch die Schutz- und Sicherheitsorgane die Zuführung von insgesamt 53 Personen.“ Was der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, in dieser internen Mitteilung schilderte, war ein konspirativ organisierter „Schweigemarsch für eine Demokratisierung unseres sozialistischen Staates“ aus Anlass des 70. Todestages der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Das neue Jahr begann, wie das alte geendet hatte – mit wachsendem Unmut der stummen Mehrheit der DDR-Bevölkerung und mit verstärkten oppositionellen Aktivitäten einer unerschrockenen Minderheit. Doch vor 15 Jahren ahnten weder die einen noch die anderen, und schon gar nicht die Hüter der sozialistischen Ordnung, dass es ein Revolutionsjahr werden würde. Aus der Perspektive der Staatssicherheit, dem einst so mächtigen „Schwert und Schild der Partei“, stand dieses Jahr 1989 freilich unter äußerst ungünstigen Vorzeichen, wie der Wissenschaftler Walter Süß von der Stasi-Unterlagenbehörde nachzeichnet: Das Verbot des sowjetischen Magazins „Sputnik“ und von fünf Filmen aus dem einstigen Bruderland markierten am Ende des Jahres 1988 eine neue, unheilvolle Qualität der Isolation der DDR-Machthaber – von der eigenen Bevölkerung und von der Sowjetunion. „Eine solche Distanz zur KPdSU hatte es bisher nicht gegeben“, resümiert Süß. Staats- und SED-Chef Erich Honecker war bei der Abschottung gegenüber Glasnost und Perestroika weit gegangen, aber er saß in der Zwickmühle: Er durfte es nicht zum offenen Bruch kommen lassen, denn das Bündnis mit der Sowjetunion war die Lebensader für die DDR.

„Westliche Medien schützten uns“

Und mehr noch: Honecker und Mielke konnten auch nicht auf die Unterstützung durch die sowjetischen Freunde hoffen, wenn es im eigenen Land darum ging, mit Systemgegnern abzurechnen. Verbittert hatte Mielke im Juni 1989 bei einem Gespräch mit sowjetischen KGB-Amtskollegen beklagt, dass die Feindbilder immer unterschiedlicher würden. Dem Sicherheitsapparat wurden aber auch von den SED-Oberen selbst Zügel angelegt, fürchtete man nach Ansicht von Süß doch, dass verbreitete offene Repressionen gegen Oppositionelle einen Solidarisierungseffekt in der Bevölkerung auslösen könnten. Ebenso befürchtete man verheerende Folgen für die internationale Reputation der DDR.

„Wir waren in Gefahr, aber wir waren in Berlin in gewissem Sinne durch die Präsenz westlicher Medien auch geschützt. In anderen Gegenden war Oppositionsarbeit viel gefährlicher“, schätzt heute die Pankower Pfarrerin Ruth Misselwitz die damalige Situation ein. Die Stasi aktivierte deshalb zunehmend ihren Spitzelapparat und gab den so genannten Zersetzungsmaßnahmen den Vorzug gegenüber dem unmittelbaren Zugriff auf missliebige Personen.

Seit Mitte der 80er Jahre hatten kritische Bürger Versuche unternommen, Wahlen unmittelbar in den Wahllokalen zu kontrollieren. Doch erst bei der 89er Kommunalwahl war es Bürgerrechtsgruppen gelungen, systematisch Wahlergebnisse einzusammeln und konkrete Wahlfälschungen nachzuweisen. Damit erreichte die Oppositionsarbeit eine neue Qualität: „Wir wiesen nach: Das Recht brach der Staat und nicht die Opposition. Das hat das System delegitimiert“, erinnert sich Ehrhart Neubert, Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs in der DDR.

Zweifellos hat die Staatssicherheit den Veränderungswillen der Bevölkerung und die Dynamik der Prozesse im Jahr 1989 unterschätzt. Für Mielke war der drohende Zusammenbruch des sozialistischen Systems infolge der Demokratiebestrebungen in der Sowjetunion, Polen und Ungarn stets die größere Bedrohung als das kritische Potenzial im eigenen Land. Damit unterschätzte er die Oppositionsbewegung in der DDR, und gleichzeitig überschätzte er sie: Er ging davon aus, dass sie stabsmäßig organisiert und vom Klassenfeind im Westen gelenkt sei, aber von ihr keine unmittelbare Gefahr ausgehe. 15 Jahre später sieht das der ehemalige Bürgerrechtler Reinhard Schult nüchterner: „Das war keine Bürgerrechts,bewegung’. Die Oppositionellen waren eine überschaubare Gruppe von mehreren Tausend Leuten, die sich kannten, zum Teil nicht mochten und kaum zusammenarbeiteten.“

Dass zum einen die vielgestaltigen Oppositionsgruppen und zum anderen der Strom der Ausreisenden zu den Katalysatoren der friedlichen Revolution wurden, obwohl sie buchstäblich gegensätzliche Bewegungen waren – die einen nach innen, die anderen nach außen –, gehörte zu den Merkwürdigkeiten des Revolutionsjahres. Ehrhart Neubert: „Die Ausreiser waren ein Energieschub für Veränderungen und für die Opposition. Aber als gestaltende Kraft waren sie weg.“

„Ich liebe doch alle Menschen“

Als dann massenwirksame basisdemokratische Gruppierungen wie das Neue Forum, Demokratischer Aufbruch oder die SDP entstanden, hatte das Ministerium für Staatssicherheit die Lage längst nicht mehr im Griff. Die Ereignisse begannen sich im Herbst zu überschlagen. Der 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober wurde zur Leichenfeier des eigenen Staates. Eine Woche später wird Honecker entthront, vier Wochen später die Mauer geöffnet. Weitere vier Tage später, am 13. November, setzt die Volkskammer die Regierung ab, und ein sichtlich verwirrter Erich Mielke demoralisiert vor den Volksvertretern mit sechs Worten den einst so übermächtigen Sicherheitsapparat endgültig: „Ich liebe doch alle, alle Menschen.“

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