Gesundheit : Wie Spinnen, Echsen und Beuteltiere nach Wirbelstürmen oder als blinde Passagiere um die Welt reisen

Matthias Glaubrecht

Das Vorkommen vieler Landtiere auf über weite Meeresareale verstreuten Inseln gibt Zoologen seit langem Rätsel auf. Jetzt belegen gleich mehrere Forschungsarbeiten unter anderem an Reptilien aus der Karibik und dem Südpazifik, dass sowohl Naturgewalten als auch der Mensch eine wichtige Rolle für ihre Verbreitung spielen.

Am frühen Morgen des 19. Oktober 1996 tobte der Hurrikan "Lili" über die Bahamas-Insel Great Exuma. Es war nicht nur der erste Wirbelsturm seit 1932, der die Insel traf. Er fegte zufällig auch über ein Untersuchungsgebiet hinweg, in dem die amerikanischen Zoologen David Spiller, Jonathan Losos und Thomas Schoener zuvor die Bestandsentwicklung von Radnetzspinnen und den in der Karibik weit verbreiteten Anolis-Echsen studiert hatten. Somit bot sich ihnen die einmalige Gelegenheit, die Bestände beider Tiergruppen unmittelbar vor und nach einem Hurrikan sowie nach einem weiteren Jahr zu vergleichen.

Dabei stellte sich heraus, dass die Anolis-Echsen als die größeren Tiere weniger unter der unmittelbaren Gewalt des Wirbelsturms litten als die Spinnen, sofern sie höher gelegene und daher nicht überflutete Inselgebiete erreichen konnten. Allerdings erholten sich die Bestände der Spinnen schneller von der Katastrophe. Denn wie schnell eine Tiergruppe die Verluste durch Wirbelstürme ausgleichen kann, hängt - neben der Größe des Ausgangsbestandes - auch von der Fähigkeit ab, sich aktiv auszubreiten ("Science", Bd. 281, S. 695). Und darin sind die per Fadenflug verdriftenden Spinnen den bodengebundenen Echsen weit überlegen.

Weltweit zählen Spinnen zu den ersten Kolonisatoren abgelegener Inseln. So war es nach der verheerenden Explosion des indonesischen Vulkans Krakatau 1883 eine Spinnenart, die sich dort als erstes Lebewesen wieder ansiedelte. Auch in der Karibik werden so von den regelmäßigen herbstlichen Hurrikanen verwüstete Regionen schnell wieder durch Spinnen besiedelt.

Für Biogeographen sind solche Studien wie jetzt auf den Bahamas weitaus mehr als bloßer akademischer Zeitvertreib. Sie erforschen, wie Tiere, die weder schwimmen noch fliegen können, selbst abgelegene ozeanische Inseln besiedeln. Inzwischen sind die Befunde der Biogeographen auch immer wichtiger für die Naturschutzpraxis geworden. Denn in den vom Menschen immer stärker veränderten und eingeengten Lebensräumen leben weltweit viele Tier- und Pflanzenarten ähnlich isoliert wie auf abgelegenen ozeanischen Inseln. Versteht man, wie solche Inseln besiedelt werden, so lassen sich daraus auch Naturschutz-Strategien entwickeln.

Welche Rolle beispielsweise der Zufall bei der Rekolonisierung von Inseln spielt, konnte unlängst ein Forscherteam um die amerikanische Reptilienkundlerin Ellen Censky vom Carnegie Museum of Natural History in Pittsburgh zeigen. Nachdem im September 1995 im Abstand von wenigen Tagen die Hurrikane "Luis" und "Marilyn" über die Kleinen Antillen in der Karibik gezogen waren, erreichte im Oktober 1995 eine Gruppe von 15 Grünen Leguanen (Iguana iguana) beiderlei Geschlechts die Insel Anguilla. Fischer hatten zuvor beobachtet, wie die Leguane, die über zwei Meter lang werden, auf einem natürlichen Floß aus entwurzelten Bäumen, Gestrüpp und Ästen zur Insel Anguilla schipperten und dort an Land gingen. Bis dahin kamen Grüne Leguane auf Anguilla nicht vor.

Aus der Zugrichtung der beiden Stürme und der in der Region vorherrschenden nordwestlichen Meeresströmung schließen die Forscher, dass die Leguane von der etwa 300 Kilometer südöstlich von Anguilla gelegenen Insel Guadaloupe stammen. Censky dokumentierte damit zum ersten Mal die Besiedlung abgelegener Inseln durch größere, flugunfähige Landtiere. Drei Jahre nach dem Stranden der Leguane konnte sie nachweisen, dass sich die Tiere inzwischen auf der Insel sogar erfolgreich fortpflanzen ("Nature", Bd. 395, S. 556).

Dass Tiere per Treibgut verdriftet werden, war zwar bislang immer wieder angenommen worden; ein direkter Beleg dafür fehlte aber. Zwar wurden gelegentlich einzelne Tiere auf Treibgut gesichtet, doch die erfolgreiche Besiedlung und anschließende Vermehrung einer ganzen Gruppe von Tieren war bisher nie nachgewiesen worden. Mit den jüngsten Beobachtungen gewinnen jene Biogeographen wieder Auftrieb, die eine zufällige Ausbreitung von Tieren und Pflanzen als einen entscheidenden Faktor bei der Ausbreitung vieler Lebewesen annehmen. Andere Forscher favorisieren dagegen vor allem plattentektonische Vorgänge - die Drift der Kontinentalschollen - als Ursache für das Vorkommen von Tieren und Pflanzen.

Was Stürme und Strömungen in der Karibik erreichen, bewirkte im Südpazifik offenbar der Mensch. Dort hat sich eine kleine Eidechsenart mit Hilfe polynesischer Seefahrer über die weit verstreut im Ozean liegenden Inseln ausgebreitet. Christopher Austin vom South Australian Museum in Adelaide wies jetzt mittels molekulargenetischer Untersuchungen an "Lipinia noctua" nach, dass die Tiere vor rund 3000 Jahren innerhalb sehr kurzer Zeit die Inseln zwischen Neuguinea und den Marquesas besiedelt haben.

Austin vermutet, dass die ursprünglich auf Neuguinea beheimateten Eidechsen als blinde Passagiere auf den Kanus der Polynesier mitgereist sind. Die Sequenzen mitochondrialer Gene der Eidechsen von 15 Inseln im Südpazifik zeigen große Übereinstimmungen und stammen deshalb vermutlich von einer einzigen Ursprungspopulation ("Nature", Bd. 397, S. 113). Zugleich wird dies als Hinweis gedeutet, dass auch die Kolonisierung Polynesiens durch den Menschen relativ schnell und von einem einzigen Herkunftsort aus erfolgte.

Die Inselwelt um Neuguinea ist auch der Schauplatz für ein weiteres, unlängst aufgedecktes biogeographisches Rätsel. Wie Tom Heinsohn vom National Museum Australiens berichtet, spiegeln verschiedene isolierte Vorkommen zweier Kletterbeutlerarten der Gattung Phalanger im indowestmalayischen Inselreich keineswegs ein natürliches Verbreitungsbild wider. Sie sind ebenfalls das Ergebnis absichtlicher oder unbeabsichtigter Einschleppungen durch den Menschen.

Archäologische Funde belegen, dass die indonesische und melanesische Bevölkerung bereits vor Jahrtausenden den ursprünglich nur auf Neuguinea beheimateten Grauen Kletterbeutler (Phalanger orientalis) als Haustier und Abwechslung auf der Speisekarte hielt. Die Beutler wurden auf diese Weise über die Inseln von den Solomonen im Osten bis nach Timor im Westen verschleppt.

Auch die australisch-neuguineischen Tüpfelbeutler (Phalanger maculatus) sind heute von der Insel Selayar südlich Sulawesis über die Molukken bis nach Neu-Irland verbreitet. Wie in ihrem Falle werden dank des Menschen immer mehr Vorkommen von Tieren zu "zoogeographischen Phantomen": Ihre Verbreitung entspricht vielfach nicht mehr den natürlichen Ausbreitungsmöglichkeiten der Tiere, selbst wenn man die zufällige Verdriftung etwa mit Treibgut während starker tropischer Wirbelstürme berücksichtigt.

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