Gesundheit : Wie Sprachen reisen

Thé oder chá: Wie das Getränk genannt wird, hängt vom ersten Importeur ab. Ein neuer Weltatlas der Sprachstrukturen erscheint

Tilmann Warnecke

Warum trinken alle Europäer Tee, tea oder thé und nur die Portugiesen nippen am chá? Es ist ein Resultat der Zeit ab 1500, als die Europäer beginnen, die Welt wirtschaftlich und militärisch zu erobern – und fremde Worte rund um den Erdball auf einmal blitzschnell in viele Sprachen eingehen. Beide Wortstämme kommen aus dem Hauptanbaugebiet der Teepflanze, aus Ostasien. „Chá“ heißt die Pflanze in den meisten chinesischen Sprachen wie Kantonesisch und Mandarin. „Te“ dagegen ist Min Nan, eine Sprache, die fast ausschließlich im Gebiet des heutigen Taiwan gesprochen wird.

Als die Niederländer, die Handelsweltmeister des 17. Jahrhunderts, die Blüten in Asien entdecken, kaufen sie in Taiwan ein und bringen ihren „Thee“ als Monopolist in ganz Europa auf den Markt. Nur die Portugiesen sind den Holländern voraus. Sie haben die Pflanze bereits im 16. Jahrhundert in Macau erworben, wo die Menschen Kantonesisch sprechen.

Wie sich die Sprachen der Welt über die Jahrhunderte, ja oft Jahrtausende entwickelt haben und sich gegenseitig beeinflussen, zeigt der neue „World Atlas of Language Structures“, den das Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie entwickelt hat. Mehr als 7000 Sprachen werden derzeit auf der Welt gesprochen, 2500 kommen im Atlas vor. Auf 142 Karten lernt der Leser, dass Sprachen mit Umlauten wie ü und ö im nördlichen Eurasien zwischen Paris und Peking, aber nicht südlich des Himalayas existieren. Die Wortfolge Substantiv-Genitiv („Das Haus des Vaters“) gibt es in Europa, Afrika, Südostasien und Zentralamerika; anderswo ist es genau umgekehrt („the father’s house“).

Ob die verschiedenen Regionen ihren Tee ursprünglich aus Taiwan oder China importierten, kann man fast überall leicht feststellen: In nur etwa vierzig Sprachen gibt es einen anderen Wortstamm für Getränk und Pflanze als te und chá . Morphologie und Grammatik der Sprachen, Phonologie und Wortarten können Leser in verschiedenen Kategorien vergleichen. Der Atlas ermöglicht erstmals einen Überblick über tausende sprachwissenschaftlicher Studien. In der CD-Rom-Version könnten Benutzer auch eigene Karten und Sprachvergleiche erstellen.

Die Linguisten, die an dem Atlas mitarbeiteten, haben bereits einige für sie überraschende Erkenntnisse gewonnen. Anders als bisher angenommen, haben geografisch benachbarte Sprachen sehr wohl große strukturelle Gemeinsamkeiten, selbst wenn sie gar nicht aus derselben Sprachfamilie stammen, sagen die Forscher. Das Finnische ähnle viel mehr dem geografisch nahen Schwedisch und dem Russischen als dem sprachverwandten, aber fernen Sibirisch. Das in Nordindien gesprochene Hindi, das aus der gleichen Wurzel wie die germanischen, romanischen und slawischen Sprachen stammt, gleicht demnach eher dem nicht verwandten, aber geografisch nahen Tamil, das die Südinder sprechen. Denn nicht nur einzelne Worte – wie das Beispiel Tee zeigt – borgen sich Sprachen gegenseitig aus. Sondern auch Teile der Grammatik.

Martin Haspelmath, Matthew S. Dryer, David Gil (Hg.): The World Atlas Of Language Structures. Oxford University Press, 2005. 640 Seiten, 532,90 Euro (Erscheinungsdatum: 30. Oktober)

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