Gesundheit : Wie Studierende wirklich sind - eine Uni-Dozentin beschwert sich

Regina König

Besonders freche Studenten halten sogar Referate, schreiben Hausarbeiten und wollen auch noch FeedbackRegina König

Letzter Ferientag: Noch einmal die Fensterläden öffnen und den Blick aufs Meer genießen. Noch einen Espresso in der kleinen Taverne am Strand und dann zum Flughafen. Semesterbeginn. "Haben Sie eigentlich schon meine Seminararbeit gelesen?" Man erstickt fast an seinem Salatblatt und weiß schlagartig, dass einen der Unialltag wieder eingeholt hat. Nicht mal beim Essen in der Mensa verschonen einen die eifrigen Studenten. Nun sind die Ferien schon vergessen. Man hat sich wieder gewöhnt, an seine Studenten. Sie sind ungeheuer anhänglich, wenn es um ihre "Scheine" geht. Sogar abends im Kino wurde ich schon darauf angesprochen, was allgemeines Feixen bei meinen Freunden auslöste: "Oh, sie siezen Dich sogar." Seitdem meide ich Kinotage und einschlägige Studentengegenden.

Als ich meine Stelle als Dozentin antrat, lernte ich schnell zwei ungeschriebene Gesetze der "Lehrtätigkeit" kennen. Grundregel eins: Studenten verwechseln Autorität meist mit Kompetenz und erwarten vom Dozenten stets souveränes Auftreten. Ob man nun zum ersten oder dreißigsten Mal vor einem Seminar mit hundert Teilnehmern steht, das interessiert keinen Studenten. Er will seinen Stuhl, seinen Seminarplan und seinen Schein. Grundregel zwei: Als Dozent oder Dozentin stehe ich auf der "anderen Seite". Wenn man diese Spielregeln akzeptiert, wird das Dozentenleben leichter. Jedes Seminar hat eine ähnliche Struktur: Die Störer brauchen Aufmerksamkeit und klare Grenzen, damit sie nicht jede Sitzung sabotieren. Die Schweiger müssen aus der Reserve gelockt werden, sonst bleiben sie passiv oder solidarisieren sich "schweigend" mit den Störern. Dann hat die Dozentin die Ehrgeizigen zu fordern und die Vorsichtigen zu ermutigen. So lernte ich sukzessive die "Gruppendynamik" von Seminaren kennen. Neben der inhaltlichen Vorbereitung gehört deshalb ein wenig psychologisches Fingerspitzengefühl zum Handwerkszeug jedes erfolgreichen Dozenten.

Naht während des Semesters der Referatstermin, kommen die immer gleichen Fragen: "Können wir nicht ein bisschen mehr Zeit bekommen? Brauchen Sie das Referat wirklich so schnell?" Es löst regelmäßig Irritationen aus, wenn ich antworte, dass ich kein Referat mehr "brauche". Rückt der Abgabetermin für die Hausarbeit näher, wiederholt sich das Spiel in anderer Weise. Es häufen sich Anrufe mit Verlängerungsbitten. Schriftliche Krankmeldungen und persönliche Krisenberichte werden übermittelt. In manchen Sprechstunden kommt sogar Urlaubsstimmung auf, denn die Studenten feilschen wie auf einem orientalischen Basar um den Abgabetermin. Die berühmte "inhaltliche Betreuung" suchen sie nicht. Doch auch prompt abgelieferte Seminararbeiten haben manchmal ihre Tücken.

Manch eine "eigenständig verfasste Arbeit" entpuppt sich als umformulierter Einleitungstext oder Doublette einer vor zwei Semestern bereits abgegeben Hausarbeit. Hier zeigt sich, ob der Dozent ein gutes Gedächtnis hat. "Wissen Sie, das Thema interessiert mich überhaupt nicht. Aber es ist halt ein Pflichtkurs." Diese naive Offenheit von Studenten ist motivierend. "Wenn das Thema langweilig ist, dann suchen Sie sich doch eine spannende Fragestellung." Oft löst diese Aussage beim studentischen Gegenüber eine Mischung aus Erstaunen und Verärgerung aus. Eins zu null für die Dozentin im täglichen Kampf gegen den Unifrust.

Während von Dozenten erwartet wird, dass sie jeglichen Stoff gut vorbereitet, didaktisch pfiffig und leicht konsumierbar servieren, verhalten sich Studenten oft wie übersättigte Kleinkinder, die mit einem "Lehrkörper" spielen. Doch noch hat die Vorlesungszeit nicht begonnen. Es gilt, einen Stapel an Hausarbeiten zu bewerten. "Meine Güte, so viele Fehler hat noch keiner gefunden." Das weist entweder darauf hin, dass der Student ein Erstsemester ist oder die Kollegen sich bisher der Rechtschreibkorrektur enthalten haben. Die wenigsten Studenten machen sich ein Bild davon, wie es ist, fünfzig bis sechzig Seminararbeiten zu einem ähnlichen oder identischen Thema zu lesen. Vieles wiederholt sich, und durch die Routine erkennt man schnell logische Fehler, nicht durchdachte Argumentationen, Lustlosigkeit und plumpes Abschreiben. Originelle Gedankengänge, gründliche Gliederungen oder klare Fragestellungen nimmt man dankbar entgegen. Dann sieht man gerne über die "Häkelmuster" hinweg, die einem manch ein Student zumutet, weil er die Trennhilfe nicht aktiviert hat, aber unbedingt Blocksatz verwenden wollte. "Das sieht doch professioneller aus."

Genug davon. Noch schnell einen Kaffee holen, bevor die nächsten Seminararbeiten dran sind. "Ach, Frau König, Sie sehen aber erholt aus. Haben Sie meinen Schein schon fertig?" Ich liebe aufmerksame Studenten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar