Gesundheit : Wilde Gemengelage

Elitewettbewerb: Das Auswahlverfahren ist intransparent und hat handwerkliche Schwächen, sagen Kritiker. Das könne Folgen haben

Tilmann Warnecke

Wenige Tage vor der Entscheidung im Elitewettbewerb am Freitag ist die Stimmung unter den Unis „extrem angeheizt“, wie der Chef einer süddeutschen Hochschule sagt, die noch im Rennen ist. Umso mehr, als im Wettbewerb Fragen offen sind: Wie und nach welchen Kriterien die wichtigste Entscheidung für die deutschen Universitäten getroffen wird, ist nicht wirklich klar. Als „intransparent“ kritisieren manche Hochschulleitungen das Auswahlverfahren – und beklagen „handwerkliche Schwächen“ des Wettbewerbs.

Diese Schwächen könnten Folgen haben. Zwar betonen Vertreter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Wissenschaftsrats, die den Wettbewerb durchführen, immer wieder, es werde nach rein wissenschaftlichen Kriterien entschieden. Doch das Verfahren bietet an mehreren Stellen Gelegenheit zu „schieben“ – sei es, um den forschungspolitischen Zielen des Wettbewerbs besser gerecht zu werden, sei es, um am Ende regionale oder föderale Ungleichgewichte zu beseitigen. „Eine wilde Gemengelage“ sei entstanden, sagt ein Wissenschaftler, der namentlich nicht genannt werden will.

PROBLEM 1: Die Qualifikationsrunde ist zugleich die Endrunde

Der Elite-Wettbewerb gleicht einem Triathlon: Den begehrten Elite-Status erhalten nur die Hochschulen, die auch in den beiden anderen Wettbewerbslinien erfolgreich abschneiden. Sie müssen mindestens jeweils eine Graduiertenschule – in der Doktoranden gefördert werden sollen – sowie ein Exzellenzcluster gewinnen, also große Forschungsvorhaben. Anders als im Sport, wo die Athleten nacheinander schwimmen, Rad fahren und rennen, müssen beim Elite-Wettbewerb die Unis die drei Disziplinen parallel bestreiten. Die Entscheidung wird in allen drei Disziplinen am Freitag getroffen.

„Wenig klug“ sei diese Konstruktion, heißt aus beteiligten Hochschulen. Die zehn Unis, die noch um den Elite-Status konkurrieren, wissen nämlich gar nicht, ob sie überhaupt dafür qualifiziert sind. Für fünf der zehn Bewerber ist es rein rechnerisch sogar ziemlich unwahrscheinlich zu gewinnen. Sie können jeweils nur auf eine Graduiertenschule und ein Cluster setzen. Aller Voraussicht nach werden aber nur die Hälfte der Graduiertenschulen und nur ein Drittel der Exzellenzcluster gefördert, die jetzt noch im Rennen sind. Geht man nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung, liegt die Chance bei kaum mehr als 15 Prozent, dass diese Unis bei der großen Konkurrenz tatsächlich ihre beiden Projekte durchbringen. Um Graduiertenschulen und Cluster konkurrieren insgesamt noch 46 Hochschulen.

Die Parallelität der Disziplinen erschwere es zudem, einen vernünftigen Antrag für den Elite-Status zu schreiben, sagen Wissenschaftler. In einem Zukunftskonzept sollen die Bewerberunis erklären, wie sie künftig international an die Spitze kommen wollen. Schwerpunkte des Konzepts sollen laut Ausschreibung die gewonnenen Graduiertenschulen und Cluster sein – von denen die Hochschulen aber noch gar nicht wissen, ob sie sie durchs Ziel bringen. Einige Unis könnten am Ende viel Zeit und Mühe in einen Antrag gesteckt haben, für den sie nicht einmal die formalen Kriterien erfüllt haben. Die Wettbewerbsbestimmungen erzeugten so ein großes „Frustrationspotenzial“ unter den Wissenschaftlern, ist zu hören.

Könnten die Entscheidungen in den drei Disziplinen miteinander verquickt werden, wie einige Unis befürchten? Könnten beispielsweise aussichtsreiche Elite-Kandidaten quasi torpediert werden, indem ihnen der Zuschlag für die nötigen Graduiertenschulen und Cluster verwehrt wird? Oder andersherum: Könnten andere bevorzugt werden, indem ein schwaches Cluster durchgehievt wird – zuungunsten stärkerer Anträge von Hochschulen, die nicht mehr im Rennen um den Elite-Status sind?

Die DFG und der Wissenschaftsrat bestreiten das: Die Entscheidungen würden unabhängig voneinander fallen. Tatsächlich ist zwar vorgesehen, dass vom Wissenschaftsrat und der DFG berufene Forscher zunächst getrennt über die drei Wettbewerbslinien beraten. Dann aber, am Donnerstag dieser Woche, werden sie in einer gemeinsamen Sitzung Empfehlungen für förderungswürdige Unis und Projekte aussprechen. Auch in der alles entscheidenden Runde am Freitag, in der dieselben Wissenschaftler gemeinsam mit Politikern endgültig die Sieger küren, werden die drei Disziplinen in dem gleichen Gremium zusammen diskutiert.

PROBLEM 2: Der Wettbewerb findet in sich überschneidenden Runden statt

Die drei Disziplinen des Wettbewerbs werden jeweils doppelt durchgeführt. Jetzt steht die Entscheidung in der ersten Runde an; die zweite Runde, bei der noch einmal alle Unis zum Zuge kommen können, wird im nächsten Herbst entschieden. Die zwei Runden sind allerdings miteinander verschränkt: Bereits Mitte September mussten alle Unis ihre Pläne für die neue Auflage einreichen.

Das hätte die Unis in große Probleme stürzen können, die in der ersten Runde die erfolgreicheren sind und den Vorentscheid überstanden haben. Schließlich warten sie noch auf die Entscheidung in der ersten Runde. Was, wenn sie da nicht zum Zuge kommen – aber die Anmeldefrist für den zweiten Durchlauf längst verstrichen ist? Die DFG und der Wissenschaftsrat haben deswegen festgelegt, dass die Verlierer der aktuellen Endrunde automatisch für die zweite Vorrunde gesetzt sind. Ihre alten Anträge konkurrieren jetzt mit den neuen Plänen.

Dieser Modus wiederum benachteilige die neuen Antragssteller, heißt es aus Wissenschaftlerkreisen. Denn die jetzigen Endrundenteilnehmer hätten, selbst wenn sie schlussendlich nicht erfolgreich sein sollten, bereits einmal eine Vorrunde überstanden – und bei den Begutachtungen wertvolle Tipps bekommen, wie sie sich weiter verbessern könnten.

Die Überschneidung könnte zudem die Entscheidungen der ersten Runde beeinflussen: Da die Pläne der Unis für die zweite Runde schon bekannt sind, könnte die Entscheidungskommission sie bereits mit den jetzt zur Diskussion stehenden Anträgen vergleichen. Warum, fragen sich Professoren hinter vorgehaltener Hand, sollte die Kommission jetzt Vorhaben oder ganze Unis fördern, wenn ähnliche Projekte für die zweite Runde bereits angemeldet sind? Die Kommission könnte die Anträge für die erste Runde durchfallen lassen, um sie in der zweiten Runde direkt mit den Konkurrenzanträgen zu vergleichen.

PROBLEM 3: Die Abstimmungsmodalitäten sind geheim

Über die entscheidende Sitzung am Freitag ist bisher nur eines klar: Am Ende wird es einige Elite-Unis geben. Wie sie gekürt werden, liegt dagegen weitgehend im Dunklen. Fest steht nur, dass ein erfolgreicher Antrag die absolute Mehrheit der Stimmen braucht.

Auf dem Papier haben die Wissenschaftler die Mehrheit: mit 39 gegen die 32 Stimmen, die sich auf Bundesforschungsministerin Annette Schavan und die Wissenschaftsminister der Länder verteilen. Die Forscher werden den Politikern Empfehlungen vorlegen. Welches Verfahren sie dabei anwenden werden, will der Wissenschaftsrat aber nicht bekannt geben.

Dabei hängt viel davon ab, nach welchem Modus die Forscher ihre Empfehlungen aussprechen, wie Daniel Guhr, Chef der Wissenschaftsberatung Illuminate Consulting (ICG), sagt. Es mache einen Unterschied, ob jedes Kommissionsmitglied drei Stimmen zu vergeben habe, ein komplettes Ranking aller Anträge mache – oder ob jeder Punkte vergebe: der besten Uni fünf, der zweiten drei und so weiter. Noch steht auch nicht fest, wie viele Hochschulen überhaupt gefördert werden sollen.

Der Wissenschaftsberater meint, dass der Abstimmmodus bewusst nicht festgelegt werde, damit man sich Entscheidungsspielräume offenhalten könne. Für seine These, die Politik werde sich in das Verfahren einmischen, ist Guhr in der Öffentlichkeit heftig kritisiert worden. Doch selbst wenn die Politiker sich dem Votum der Wissenschaftler am Freitag einfach anschließen sollten, ist es „eine Illusion zu glauben, es werde nach rein wissenschaftlichen Kriterien entschieden“, wie Peer Pasternack, Hochschulforscher an der Universität Halle/Wittenberg sagt: „Auch in der Wissenschaftsszene entscheiden schließlich Seilschaften und Netzwerke.“

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