Gesundheit : Wildes Denken

In ihrer Zeitschrift „Plurale“ sprengen Berliner Nachwuchswissenschaftler die Fächergrenzen

Oliver Heilwagen

Mit wissenschaftlichen Zeitschriften verhält es sich wie mit der Sage vom Schlaraffenland. Man möchte ja gerne glauben, dass in ihnen der Wein der Wahrheit in Strömen fließt und Früchte der Weisheit wie gebratene Tauben dem Erkenntnishungrigen in den Mund fliegen. Doch zuvor müsste man sich durch eine Pflaumenmusmauer aus Fachchinesisch und Gelehrtenstreit hindurchfressen. So lässt man es lieber bleiben. Auch innerhalb des Wissenschaftsbetriebs klagen immer mehr Beteiligte über übertriebene Ausdifferenzierung und Arbeitsteilung: Spezialisten folgen blind ihren Forschungsprogrammen, ohne danach zu schielen, was in den Nachbardisziplinen geschieht. Die viel beschworene Interdisziplinarität ist mehr Forderung als Praxis.

Dem will eine Neugründung abhelfen. „Plurale“ heißt die Halbjahresschrift, die von drei Berliner Nachwuchswissenschaftlern herausgegeben wird und die bislang in zwei Nummern vorliegt. Diese „Zeitschrift für Denkversionen“ ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Sie erhebt die radikale Vielfalt zum Prinzip. Und angesichts leerer öffentlicher Kassen buhlt sie nicht um Subventionen, sondern lässt sich von Sponsoren aus der Wirtschaft finanzieren. Dem Mäzen der jeweiligen Ausgabe ist ein eigener Beitrag gewidmet.

„Unser Magazin für De-Disziplinierung unterläuft die starren Grenzen der Fächereinteilung. Produktive Verunsicherung ist unser Ziel: Die einzelnen Fächer sollen sich öffnen für andere Themen und Terminologien“, erklärt Mitherausgeberin Mirjam Goller, im Hauptberuf HU-Juniorprofessorin, das Konzept. Wildes Denken, aber mit akademischem Anspruch: Alle Artikel werden von Fachleuten gegengelesen, um Dilettantismus auszuschließen. Dabei kreist jedes taschenbuchstarke Heft um einen Zentralbegriff. Die Nullnummer war „Oberflächen“ gewidmet, die aus einem Dutzend Blickwinkeln betrachtet wurden. Michael Gottfried wies nach, dass es im streng physikalischen Sinn keine Oberflächen gibt, sondern nur Austauschprozesse. Syrinx Hees verwarf die westliche Deutung, islamische Arabesken seien „oberflächliche Ornamentalkunst“, selbst als oberflächlich. Hans-Georg von Arburg zeichnete nach, wie Gottfried Sempers Architekturtheorie die Fassade aufwertete.

Die zweite Ausgabe beschäftigt sich mit dem Phänomen des „Fallens“. Joachim Jäger beschreibt das Werk des Künstlers Roman Signer, der Gegenstände stürzen lässt, die beim Aufprall Zufallsskulpturen formen. Matthias Flatscher rehabilitiert das Räsonieren in Fallbeispielen beim späten Wittgenstein gegen den Zwang zu konsistenter Theoriebildung. Harald Völker führt anhand grammatikalischer Fälle in die Linguistik ein. Das Stichwort, das diese Nummer beherrscht: Polysemie, also Mehrfachbedeutung.

Die Mehrzahl der Autoren kann ihre geistes- oder sprachwissenschaftliche Ausbildung nicht verleugnen. Zudem eint die meisten Verfasser eine gemeinsame Lektüreerfahrung: Sie haben ihren Foucault, Derrida und Deleuze allzu rauschhaft gelesen und mühen sich nun, den Jargon der französischen Denker zu kopieren.

Mit den Finessen des Poststrukturalismus unvertraute Leser haben es bei dieser Expedition in die Wunderwelt des Wissens nicht immer leicht.

„Plurale“, Heft 1: „Fallen“. 216 Seiten, 15 Euro. Heft 2: „Natur“ erscheint im Juli. Die Zeitschrift ist zu bestellen beim Institut für Slawistik, Humboldt-Universität, Unter den Linden 6, 10099 Berlin.

Die Zeitschrift im Internet:

www.plurale-zeitschriftfuerdenkversionen.de

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