Gesundheit : Willard van Orman Quine: Das Tribunal der Erfahrung ist nicht die ganze Wahrheit

Sibyllle Salewski

Die Frage, was es gibt, welche Dinge in der Welt existieren - davon war der kürzlich verstorbene amerikanische Philosoph Willard van Orman Quine fest überzeugt - wird uns die Physik beantworten. Damit enthob er die Philosophie ihrer priviligierten Stellung als Wissenschaft, die die Grundlagen aller anderen Wissenschaften definiert. Der Philosophie, wie sie Quine verstand, bleibt allein die Aufgabe, die Methoden der Wissenschaft zu beschreiben.

Für Quine war Philosophie ein Teilprojekt der Naturwissenschaften, Erkenntnistheorie ein Kapitel der empirischen Psychologie. In dieser Hinsicht blieb er dem Empirismus, wie ihn der Wiener Kreis vertrat, immer verpflichtet. In Wien, Warschau, Prag, sollte Quine später erzählen, habe er die intellektuell aufregendsten Monate seines Lebens verbracht. Das war 1932. Quine war damals 24 Jahre alt. Der junge Harvard-Doktorand reiste nach Europa, er traf sich mit Mitgliedern des Wiener Kreises - Otto Neurath, Moritz Schlick, Kurt Gödel - er hörte Vorlesungen bei Alfred Tarski, besuchte in Prag den Sprachphilosophen und Wissenschaftstheoretiker Rudolf Carnap. Mit ihm sollte er bis zu dessen Tod 1970 befreundet bleiben.

Der logische Positivismus, die analytische Philosophie, die zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in Wien und Cambridge entstanden, ließen ihn seitdem nie mehr los. Bis heute ist er ihr berühmtester Kritiker - er rüttelte an ihren Fundamenten und entwickelte sie zugleich auf eine Weise weiter, hinter die heute kein Philosoph der analytischen Philosophie zurück kann.

Die Mitglieder des Wiener Kreises wollten die Metaphysik entthronen, wollten die Luft herauslassen aus allen spekulativen Aussagen über die Welt. Es war ihr Ziel, die Philosophie auf die festen Füße der Empirie zu stellen. Eine Aussage ist sinnlos, wenn sie nicht emprisch überprüfbar ist - so lautete das Verifikationsprinzip, das Credo des logischen Positivismus. Doch dieses Prinzip drohte Sätzen der Mathematik und Logik ihren Sinn zu rauben. Die Vertreter des Wiener Kreises machten sich deshalb Kants Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen zu eigen: Um zu wissen, ob eine Aussage wie "Es gibt keine Backsteinhäuser in der Elmstreet" wahr ist, müssen wir uns die Welt anschauen, wir müssen überprüfen, ob in der Elmstreet nun Häuser aus Backstein stehen oder nicht. Das ist das Merkmal synthetischer Aussagen.

Die Aussage "alle Junggesellen sind unverheiratet" hingegen ist wahr, weil es zur Bedeutung des Worts Junggeselle gehört, dass jemand unverheiratet ist. Wir brauchen uns die Welt nicht anzugucken, um das zu wissen. Sätze der Mathematik und Logik fallen in diese Gruppe der analytischen Aussagen - sie sind nicht empirisch überprüfbar, aber dennoch wahr. Damit rettete der Wiener Kreis den Empirismus vor der unplausiblen Konsequenz, mathematische Aussagen als sinnlos betrachten zu müssen.

Genau diese grundlegende Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Aussagen griff Quine in seinem berühmten Aufsatz "Two Dogmas of Empiricism" (1951) an und veränderte damit die Sprach- und Erkenntnistheorie. Eine Aussage, so Quines These, hat für sich genommen keine Bedeutung. Sie erhält sie erst im Zusammenhang mit anderen Aussagen. Unser Denken und unsere Sprache ist für Quine ein Netz von Überzeugungen. Jede Aussage, so Quine, können wir als wahr betrachten, solange wir an anderer Stelle unseres Systems von Überzeugungen genügend große Veränderungen vornehmen. Keine Aussage ist demnach für sich genommen empirisch überprüfbar. Nur gemeinsam können unsere Überzeugungen vor das "Tribunal der Erfahrung" treten.

Mathematische Aussagen wurden in Quines System damit revidierbar, genauso wie Sätze der Logik, zum Beispiel der Satz vom Widerspruch: Eine Aussage kann nicht zugleich wahr und falsch sein. Damit brachte Quine eine Grundthese der analytischen Philosophie, wie sie der Wiener Kreis verstand, zu Fall. Ohne Quine sähe die angelsächsische Philosophie heute anders aus. Donald Davidson, Hilary Putnam und Richard Rorty sind nur einige, deren Philosophie maßgeblich von Quine beeinflusst ist. Quine war Logiker, Metaphysiker, Sprachphilosoph, Erkenntnistheoretiker. Er suchte in der Philosophie nach mathematischer Genauigkeit, hatte eine Leidenschaft für Landkarten und für das Reisen. Ein Jazz-Fan, der seine Aufsatzsammlung nach einem Lied von Harry Belafonte benannte: "From a Logical Point of View" (1953).

Er galt als großer, alter Mann von Harvard, seiner Universität, von der er nie wegging. In Harvard promovierte Quine 1932, wurde erst Junior Fellow und schließlich Professor. Im Zweiten Weltkrieg entschlüsselte er für die amerikanische Marine deutsche Funksprüche. Seit 1978 war Quine emeritiert, doch bis zu seinem Tod schrieb und arbeitete er in seinem Eckzimmer in der Emerson Hall von Harvard. Am ersten Weihnachtstag ist Quine im Alter von 92 Jahren in Boston gestorben.

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