Gesundheit : „Wir bräuchten ihn dringend“

NAME

„Dort stand sein Pult“, sagte Manfred Dietel, Chef der Charité-Pathologie, und zeigte auf eine Stelle in der Hörsaal-Halbruine des Berliner Medizinhistorischen Museums. „Einen so hervorragenden Mediziner und Politiker in einer Person bräuchten wir heute dringend“, meinte er.

Als Begründer und Förderer der Ethnologie, der Vor- und Frühgeschichte und der Volkskunde würdigte Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, den „ganz unkonventionellen Wissenschaftler“, der die Berliner Museen unendlich bereichert habe, als Gründer wie als leidenschaftlicher Sammler. Seinen Freund Schliemann hat er zwei Mal in Troja besucht und dafür gesorgt, dass dessen Funde in Berliner Besitz kamen. Vom aufsässigen Achtundvierziger, der wegen demokratischer Umtriebe aus der Charité flog; vom Sozialmediziner, der 1874 den Bau einer modernen Kanalisation in Berlin durchsetzte; vom reformfreudigen Hochschullehrer, der als Erster zu seinen Vorlesungen Frauen zuließ, sprach der Kieler Medizinhistoriker Christian Andree.

Und alle meinten dieselbe Person: Rudolf Virchow (1821–1902), das vielleicht letzte Universalgenie unter den Wissenschaftlern. Jetzt ist er 100 Jahre tot. Aber sein Ruhm ist nach wie vor lebendig, im Ausland noch mehr als bei uns.

In Berlin wurde nun das Virchow-Jahr ausgerufen. Ein Festakt im Abgeordnetenhaus, ein Pathologiekongress und eine Ausstellung sind für August und September geplant, eine öffentliche Reihe von zehn Vorträgen hat schon begonnen. Dazu haben sich das Berliner Medizinhistorische Museum, die Staatlichen Museen zu Berlin und die Stiftung Stadtmuseum zusammengetan. Beteiligt sind noch ein Dutzend anderer Berliner Institutionen, darunter die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Virchows Nachlass hütet.

Der beste Virchow-Kenner dürfte Andree sein, der die kritische Gesamtausgabe der zahllosen Schriften herausgibt – fünfzehn Bände liegen bisher vor. Ihn hatte man für den ersten der Vorträge im Berliner Medizinhistorischen Museum gewinnen können, dem 1899 für Virchows Präparatesammlung errichteten Bau neben dem Pathologischen Institut der Charité. Daraus hier nur einige Details:

Die Seuche, die „Virchoff“ (so wollte er ausgesprochen werden) im Auftrag des preußischen Kultusministeriums erforschte, war kein „Hungertyphus“, sondern Fleckfieber – ebenfalls eine Krankheit der Armut, nämlich beengter Wohnverhältnisse. „Jene 16 Tage in Oberschlesien waren das entscheidende Ereignis meines Lebens“, schrieb er mit 80. Dem streng naturwissenschaftlich denkenden Mediziner öffnete es die Augen für den starken Einfluss der Lebensverhältnisse auf Gesundheit und Krankheit.

In Ungnade entlassen

Aufgewühlt forderte der junge Charité-Pathologe soziale Reformen und Demokratie – und veröffentlichte seinen Bericht sofort, noch ehe er ihn der Regierung vorlegte. Im Begleitschreiben entschuldigte er sich mit dem „Interesse der Menschheit“. Die Ministeriellen waren not amused. Einer meinte, dieser Weltverbesserer solle sich lieber auf seine Medizin beschränken oder Volksschullehrer in Oberschlesien werden.

„Schade um das Talent“, urteilte man von Staats wegen über Virchow und entließ ihn in Ungnade nach Würzburg. Dort hielt er die berühmten Vorlesungen über Cellularpathologie, dort machte er seine großen pathologischen Entdeckungen, sagte Andree. Nach sieben Jahren holte Berlin ihn als Berühmtheit zurück. Und in Berlin prägte er die deutsche Medizin, die Politik und nebenbei Anthropologie, Ethnologie und Archäologie bis zu seinem Tode und darüber hinaus. Rosemarie Stein

Neun weitere öffentliche und unentgeltliche Vorträge über Virchow bis einschließlich 25. Juni, immer dienstags 19 Uhr 30 im Berliner Medizinhistorischen Museum, Campus Charité Mitte, Schumannstraße 20 – 21. Am 30. April spricht Constantin Goschler über Rudolf Virchow und die deutsche Politik.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben