Gesundheit : Wir bremsen die Talente aus

In deutschen Schulen sind begabte Arbeiterkinder benachteiligt. Das zeigt ein neuer Pisa-Vergleich mit erfolgreichen Ländern

Bärbel Schubert

Seit dem Schock über das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler beim internationalen Schultest Pisa treibt Experten und Politiker die Frage um: Was machen die anderen besser? Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) hat jetzt gemeinsam mit deutschen und ausländischen Schulforschern eine Vergleichsstudie erstellt, um darauf wissenschaftlich fundierte Antworten zu geben. Untersucht wurden die erfolgreichen Pisa-Teilnehmerstaaten Kanada, England Finnland, Frankreich, die Niederlande und Schweden – also Länder, die vergleichbare Lebensbedingungen wie die Bundesrepublik haben.

Kann Deutschland sich das leisten?

Die durch Pisa offenbar gewordenen Hauptprobleme des deutschen Schulsystems: Fast jeder vierte Schüler kann am Ende seiner neun- bis zehnjährigen Pflichtschulzeit mit Texten nicht sicher umgehen. Und in kaum einem anderen Land hängt der Schulerfolg so stark von der familiären Herkunft ab wie in der Bundesrepublik. Hier hat ein Akademikerkind eine fünf bis sieben mal größere Chance, das Abitur zu machen als ein Kind einer Arbeiterfamilie – bei gleicher Begabung. Kein anderes Schulsystem versagt bei der Förderung der Kinder aus ärmeren Familien so sehr wie das deutsche. Das gilt auch für die Schulbildung ausländischer Kinder. Auch bei den Schülerleistungen haben die sechs Vergleichsländer deutlich besser abgeschnitten als Deutschland: Finnland und Kanada waren beim Lesetest sogar Spitzenreiter – mit einem Lernvorsprung von über einem Schuljahr vor Deutschland.

Der Vergleich zeigt: Alle sechs anderen Länder haben eine Art Gesamtschulsystem entwickelt. Anders als in Deutschland, wo die Kinder in der Regel im Alter von zehn Jahren nach der vierten Grundschulklasse auf die verschiedenen Schulformen verteilt werden, gehen die Schüler dort bis zum 15. oder 16. Lebensjahr gemeinsam zur Schule. Die Niederlande trennen die Kinder nach sechs gemeinsamen Jahren.

Die von den Verfechtern des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland angeführte These, dass sich nur durch eine frühe Aufteilung der Kinder in relativ leistungshomogene Lerngruppen ein hohes Leistungsniveau erreichen lässt, ist damit nicht mehr haltbar, sagte der Schulforscher Hans Döbert vom DIPF in Berlin. Im Gegenteil: Der eigentliche Leistungseinbruch der deutschen Schüler kommt erst nach der gemeinsamen Grundschulzeit, erinnerte der Essener Schulforscher Klaus Klemm. „Die Separierung bremst die Potenziale der Kinder“, so Klemm. „Wir müssen uns fragen, ob wir uns das ökonomisch noch leisten können.“

Der Unterricht in solchen leistungsgemischten Klassen stellt allerdings erheblich höhere Anforderungen an die Lehrer, waren sich die Forscher einig. In den erfolgreichen Pisa-Ländern werden die Pädagogen darauf entsprechend schon in ihrer Ausbildung vorbereitet. Alle anderen sechs Staaten hätten auch Auswahlverfahren vor dem Lehramtsstudium entwickelt, erläuterte Döbert. Darüber hinaus verpflichten sie ihre Lehrer zur Weiterbildung. Zumindest der berufliche Aufstieg hängt davon ab.

Was machen die erfolgreichen Pisa-Länder noch anders? In allen genießt Bildung eine hohe Wertschätzung in der Gesellschaft. Der Lehrerberuf ist in der Öffentlichkeit anerkannt, obwohl Pädagogen dort bis zu 25 Prozent weniger verdienen als in Deutschland. Lehrer fungieren dort oft auch als Berater für die Schüler außerhalb des Schullebens. Deutsche Schüler vermissen dagegen im internationalen Vergleich besonders häufig Unterstützung durch ihre Lehrer.

Auch das Sitzenbleiben ist in den anderen Ländern kaum verbreitet. Um die schwächeren Schüler im Klassenverband aufholen zu lassen, wird in ihre Förderung investiert. In Finnland und Frankreich erhalten die Problemfälle – nicht nur Migrantenkinder – zusätzlichen Unterricht in kleinen Gruppen. Die meisten erfolgreichen Staaten setzen auf massive Sprachförderung in ihrer Landessprache – und auch in der Muttersprache ausländischer Kinder. Die Ausnahme bildet Frankreich, wo die Muttersprache nicht gefördert wird. Deutschland hat in einem Feld die Nase vorn, das von den Versäumnissen der Schulen zeugt: Hierzulande wird von den Eltern mehr Geld für Nachhilfeunterricht ausgegeben als anderswo.

Bildungsstandards sind in allen erfolgreichen Pisa-Staaten etabliert. Die von den deutschen Länder-Kultusministern jetzt als Konsequenz aus Pisa vorgelegten ersten Entwürfe für nationale Bildungsstandards bezeichneten die Schulforscher als „Schritt in die richtige Richtung“. Erneut bot Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn in diesem Zusammenhang den Ländern die Hilfe des Bundes bei der Gründung einer wissenschaftlichen Agentur an, die die Standards und die Leistungsfähigkeit der deutschen Schule ständig überprüfen soll.

Aufstieg der Hauptschüler

Verhalten äußerten sich die Wissenschaftler allerdings zu der Frage, ob die KMK-Entwürfe ihren Kriterien entsprächen und entsprechend „schulformübergreifend“ angelegt seien. Der Schulforscher Eckard Klieme vom DIPF in Frankfurt/Main sagte, die Standards müssten Kompetenzerwartungen beschreiben. Deutlicher wurde der Schulforscher Wilfried Bos (Hamburg). Die Standards müssten zunächst grundsätzlich schulübergreifend angelegt sein, um beispielsweise auch den Aufstieg eines Schülers von der Hauptschule zur Realschule oder zum Gymnasium zu ermöglichen.

Weitere Informationen im Internet: www.bmbf.de/pub/pisa-vergleichsstudie

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben