Gesundheit : Wir Christen?

Freiheit und Ironie: Der Berliner Theologe Christoph Markschies über Europas Identität

Thomas Lackmann

Für Christoph Markschies ist Identität ein „Plastikwort“. Wer eine Person beschreiben will, fragt nach „einer einmaligen stabilen Sammlung von Charakteristika“. Doch lässt sich damit auch ein Kontinent definieren? Dem Kirchengeschichtler Markschies gefällt die saloppe Provokation. Hat Europa überhaupt eine Identität?, fragt der Präsident der Humboldt-Universität, als er als Gast der Heinz-Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa in Berlin-Mitte über „Das Christentum und Europa – Wurzel einer europäischen Identität“ spricht.

Es reiche nicht, kulturelle Vielfalt per se als Merkmal zu propagieren, sagt Markschies. Die Identität des Christentums: Die habe sich, in einem Provinzwinkel des Römerreiches entstanden, zunächst ins Kulturelle transformieren müssen (Arno Schmidt zu Jesus: „Lern erst mal Griechisch!“) und seine Gestalt mit der Geschichte Europas verändert. Ist unsere Vorstellung vom genuin christlichen Abendland romantisch verklärt? Typischer für Europa sei das dauernde Ringen dreier monotheistischer Traditionen miteinander. Und hat sich Europa mit der Säkularisierung wirklich vom Christentum emanzipiert?

Falsch, sagt Markschies. Die „Dechristianisierung“ des Staates, wie man das in Frankreich nennt, war gar keine Erfindung der Kirchenfeinde, sondern von Theologen des 16., 17., 18. Jahrhunderts inspiriert und gefordert worden. Politikern, die Staat und Kirche trennten, sei oft nicht bewusst gewesen, wessen Ideen sie ausführten. Robespierre habe kaum geahnt, dass man im reformatorischen Nürnberg bereits den Staat ermuntert habe, kirchliche Feiertage abzuschaffen. Der Menschenrechtskatalog der Französischen Revolution sei von zeitgenössischen Theologen vorbereitet worden. Freilich habe es auch andere Theologen gegeben: „Nicht alle Leute, die zur selben Zeit leben, sind Zeitgenossen.“ Gleichwohl bleibe das Christentum im angeblich säkularisierten Europa „identitätsprägend“ und präsent, auch aufgrund seiner „Freiheitswerte“.

An diesem Optimismus entzündet sich die Debatte. Das „christliche Europa“ sei doch in der Krise! Wie wäre der Einfluss der abrahamitischen Religionen anteilmäßig zu gewichten? Welche Funktion hat die Religion für Europas Gegenwart? Markschies reagiert federnd, bisweilen ironisch.

Den Krisen-Diskurs der Feuilletons, die er gern lese, müsse man vom wirklichen Leben unterscheiden. Auf Identitäts-Prozente wolle er sich, bezüglich der Gewichtung der drei Religionen, nicht festlegen. Das Christentum sei da eher unoriginell, nehme seine meiste Substanz vom Judentum. Die Religion helfe den Europäern, letzte und vorletzte Dinge zu unterscheiden. Sie stehe „der Verzweckung und Ökonomisierung des Lebens entgegen“, womit nichts gegen eine ordentliche Hochschul-Evaluierung gesagt sein solle. Religionen zeichneten „einen gewissen Standard der Wertediskussion vor. Eine nicht wertgestützte Politik, die morgens Meinungsumfragen anguckt“, Markschies lächelt vergnügt, „kann nicht funktionieren“.

Über „Zivilreligion“ diskutieren am heutigen Mittwoch um 19 Uhr im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Markgrafenstraße 38, Berlin-Mitte) unter anderem Bischof Wolfgang Huber und der Politologe Herfried Münkler (Anmeldung unter religion@vf-holtzbrinck.de). Am 7. Juni um 19 Uhr diskutiert Christoph Markschies im Einstein-Saal der Akademie unter anderem mit dem Soziologen Hans Joas und der Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer über „Christliches oder monotheistisches Europa? Ein neues Bild vom Mittelalter für das 21. Jahrhundert.“

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