Gesundheit : „Wir freuen uns über jeden“

Die Provinz-Unis nehmen in Berlin abgelehnte Bewerber gerne auf

Anja Kühne

Die Berliner Universitäten haben ihre Rollläden heruntergelassen. Nur für Studenten mit einer sehr guten oder guten Abinote ziehen sie sie noch hoch. 80 bis 93 Prozent der Studiengänge sind mit einem Numerus clausus belegt – an der Uni Potsdam sogar 100 Prozent – so dass jeder dritte bis vierte Bewerber wahrscheinlich leer ausgehen wird. Bundesweit ist diese NC-Dichte einzigartig. Selbst an der Maximilians-Uni in München sind weniger als ein Viertel der Studiengänge mit NC belegt, in Göttingen ist die Lage ähnlich. Erst recht staunt man an den kleinen Provinz-Unis über Berlin und breitet erfreut die Arme zum Empfang der Abgewiesenen aus: „Wir sind für jeden dankbar, der kommt“, sagt der Prorektor der Uni Siegen in Westfalen, Gero Hoch, „alle sind herzlich willkommen, besonders Naturwissenschaftler.“ 95 Prozent der Studiengänge an der Uni mit nur 11 000 Studenten sind NC-frei.

Auch in Greifswald freut man sich schon auf die Berliner. „Jede Menge Plätze“ gebe es noch in Russisch, Baltistik oder Alter Geschichte, heißt es aus der Verwaltung. Politikwissenschaften und Deutsch auf Lehramt haben in Greifswald ebenfalls noch keinen NC, ebenso wie Jura mit dem Ziel Staatsexamen – für das zurzeit aber besonders vieleAnfragen registriert würden: „Wir merken ja hier, was in Berlin los ist.“ An der kleinen Uni Erfurt ist das Fach Geschichte wie viele andere Fächer NC-frei. Die Uni hat ihr Studienprogramm bereits flächendeckend auf die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt und wirbt mit ihrem Mentoring-System und der guten Betreuung. Um die Studenten zu gewinnen, die am besten geeignet sind, steigt die Uni aber zunehmend auf Auswahlgespräche um. Das hat sich in den sonst vielerorts mit einem NC belegten Kommunikationswissenschaften bereits bewährt: „Die Abbrecherquote geht dort gegen Null“, sagt der Prorektor Dietmar Herz. Bewerbungen seien noch einige Wochen möglich.

Auch die Uni Kiel könnte noch abgewiesene Erstsemester aus Berlin aufnehmen, zum Beispiel solche, die Lehrer in Französisch, Spanisch oder Geschichte werden wollen, aber auch angehende Informatiker, Islamwissenschaftler oder Meteorologen. Die für die Berliner Landeskinder besonders attraktive Viadrina in Frankfurt/Oder bietet Jura mit Ziel Staatsexamen ohne NC an. „Wir freuen uns über gute, motivierte Studenten“, sagt Peter Krause aus der Verwaltung. „Aber wir müssen erstmal sehen, wie uns die Lage in Berlin trifft. So etwas hat es ja noch nie gegeben.“

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