Gesundheit : "Wir fühlen uns verschaukelt"

CHRISTIANE HABERMALZ

Immer längere Wartezeiten für Referendare im Schuldienst / Nur noch ein EinstellungsterminVON CHRISTIANE HABERMALZ"Ich bin gar nichts im Moment, nicht mehr Studentin und auch nicht arbeitslos.Man hängt total in der Luft!" Sybille Keller (Name geändert) läßt ihrem Frust freien Lauf.Im September 1996 hat sie ihr erstes Staatsexamen für Lehramt am Gymnasium in den Fächern Sport und Deutsch abgeschlossen.Schon das ist eine langwierige Angelegenheit (Bericht folgt).Seitdem wartet Sybille Keller auf einen Referendariatsplatz in Berlin.Doch zum nächstmöglichen Einstellungstermin im November dieses Jahres haben sich außer ihr noch an die 1000 weitere Hochschulabsolventen auf die voraussichtlich 500 Referendarsstellen beworben, die das Landesschulamt besetzen will."Keine rosigen Aussichten", lautet Sybille Kellers Eigenprognose.Da ihr Mann genug verdient, muß sie sich wenigstens keine Sorgen um ihre täglichen Brötchen machen.Anders ihre ehemalige Studienkollegin Sabine Krummholz (Name geändert): Während sie auf ihr Referendariat wartet, jobbt die Ex-Sportstudentin in einem Fitneßstudio, um sich fit und finanziell über Wasser zu halten. Die Wartezeiten für angehende Referendare werden in Berlin immer länger.Bis zu anderthalb Jahre kann es dauern, bis ein Lehramtsabsolvent nach der Uni seine schulpraktische Ausbildung, die für das zweite Staatsexamen Voraussetzung ist, antreten kann - und das nach durchschnittlich sechs Jahren Studium.Mit Ausnahme der Berufsschulen sind alle Schulformen von den Zulassungsbeschränkungen für Referendare betroffen - besonders hart trifft es jedoch die künftigen Gymnasiallehrer.Bis sie eine Zulassung erhalten, leben die Bewerber auf Abruf, sind weder Fisch noch Fleisch, gehen kellnern oder Kisten packen.Sybille Keller ist sauer: "Wir fühlen uns verschaukelt! Alle reden von Verkürzung der Studienzeiten, doch man legt uns von vorne bis hinten nur Steine in den Weg." Der Grund für den Engpaß im Lebenslauf angehender Lehrer sind nicht fehlende Stellen an den Schulen, sondern die Finanzmisere des Landes Berlin.Die Ausbildung von Lehrern kostet den Senat Geld, und je weniger Plätze, desto höher der Spareffekt.In Berlin gab es schon 1996 Ärger um die Einstellungspraxis des Landesschulamtes.Kurzfristig hatte das Amt einen der beiden jährlichen Einstellungstermine für Referendare zurückgezogen.Viele der Betroffenen, deren Stellen an den Schulen schon verplant waren, zogen vor das Verwaltungsgericht und bekamen in zweiter Instanz Recht: 250 Bewerber mußten nachträglich eingestellt werden.Das Gericht sah die Haushaltssituation des Landes Berlin nicht als ausreichenden Grund an, um willkürlich Einstellungstermine festzulegen oder aufzuheben. Dieses Jahr beugte man einer weiteren Klageflut vor: Nach einer Änderung des Lehrerbildungsgesetzes wurde der Mai-Termin 1997 gar nicht mehr im Amtsblatt veröffentlicht.Bewerber wurden gleich auf den November verwiesen.Für die GEW eine unzumutbare Situation."Aus dem Ausbildungsmonopol erwächst dem Land Berlin die Verpflichtung, Referandariatsplätze zu Verfügung zu stellen, und das in einer zumutbaren Zeit", erklärt GEW-Sprecherin Erdmute Safranski und fügt hinzu: "Die Ausbildungszeiten in den Lehrberufen sind sowieso schon so lang." Das Land müsse die Zahl der Ausbildungsplätze nach dem Bedarf, und nicht nach der gerade aktuellen Finanzlage festlegen. Im Landesschulamt ist man sich der Problematik bewußt."Allerdings wurde die Frage, ob man an Ausbildungsplätzen sparen soll, längst politisch entschieden", erklärt Benno Linne, Schulaufsichtsbeamter für die Lehrerausbildung im Land Berlin.Er gehe aber dennoch davon aus, daß dieses Jahr alle Hochschulabsolventen, die sich beworben haben, auch einen Platz bekommen würden.500 positive Bescheide würden dieser Tage verschickt.Von 250 Bewerbern hofft man, daß sie in anderen Bundesländern unterkommen."Über Lösungen für den Rest denken wir nach", erklärt Linne. Die weitere Entwicklung sieht er eher skeptisch.Für das Jahr 1998 würden die Referendarsstellen voraussichtlich noch einmal um 25 Prozent heruntergefahren.Geplant sei außerdem eine erneute Änderung des Lehrerbildungsgesetzes, wonach generell nur noch ein Einstellungstermin pro Jahr vorgesehen ist.Dann könne es durchaus zu längeren Wartezeiten kommen."Natürlich ist das ein Skandal - wir haben das Ausbildungsmonopol, und die jungen Leute müssen alle durch das Referendariat, um ihre Ausbildung zu beenden.Aber wir können es nicht ändern." Linne verweist auf die Rechtsprechung in anderen Bundesländern, wonach Wartezeiten von bis zu zwei Jahren als "hinnehmbar" bezeichnet werden. Sybille Keller und andere Referendarsanwärter wollen solche Zeitspannen nicht hinnehmen.Sollten sie dieses Jahr wieder keinen Platz bekommen, wollen sie vor Gericht ziehen.Ob sie damit Erfolg haben, ist allerdings ungewiß."Leider trauen sich viele Kollegen nicht zu klagen, aus Angst vor einem Eintrag in ihre Personalakte", bedauert Keller."Sie haben keine Lust, sich ihre Chancen zu versauen und dann noch länger warten zu müssen."

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