Gesundheit : "Wir haben vor den Folgen gewarnt"

Die Nachricht von der Schließung eines Unive

Konsequente Leistungsorientierung bei der Forschungsfinanzierung fordert der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl Max Einhäupl, und warnt davor, dass Klinikum Benjamin-Franklin einfach zu schließen. Für den Fall, dass das noch abgewendet werden kann, bietet der Wissenschaftsrat seine Hilfe bei der Umstrukturierung der Hochschulmedizin in Berlin an. Der einseitigen Parteinahme für das Klinikum in Steglitz ist Einhäupl ohnehin nicht verdächtig: Er hat den Lehrstuhl für Neurologie an der Charité inne.

Die Nachricht von der Schließung eines Universitätsklinikums hat in Berlin wie eine Bombe eingeschlagen. Der Wissenschaftsrat berät Bund und Länder in der Hochschul- und Forschungspolitik. Wie bewertet er die geplante Umwandlung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin in ein städtisches Krankenhaus?

Der Wissenschaftsrat kann nicht schweigen, wenn wissenschaftlich ausgezeichnete Einrichtungen geschlossen werden. Wir haben uns jetzt auch mit einem Brief an den Regierenden Bürgermeister von Berlin gewandt, um vor den Folgen einer Schließung der Medizin an der Freien Universität zu warnen. Das Klinikum Benjamin-Franklin verdient Anerkennung: In den letzten Jahren hat es eine beachtliche Aufwärtsentwicklung genommen. Durch gute Berufungen und eine geschickte Führung wurden hervorragende Ergebnisse erzielt und das Klinikum liegt jetzt mit seinen Leistungen deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Wird die Wissenschaftsstadt Berlin durch die Schließung tatsächlich stark geschwächt?

Natürlich. Die wirtschaftliche Zukunft Berlins hängt ganz wesentlich von Wissenschaft, Kultur und Tourismus ab. Und die Hochschulmedizin ist innerhalb der Wissenschaft der leistungsfähigste Bereich beim Einwerben von Drittmitteln beispielsweise bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Allein im vergangenen Jahr waren das mehr als 160 Millionen Mark.

Kann sich der Berliner Senat bei seiner Entscheidung denn auf das Gutachten des Wissenschaftsrates stützen?

Die Kritik des Wissenschaftsrates an den Forschungsleistungen des Klinikums Benjamin-Franklin bezieht sich auf die Zeit vor 1997 und stimmt so nicht mehr. Aber auch damals hat der Wissenschaftsrat schon gesagt, dass Berlin zwei Universitätskliniken haben soll.

Die Koalitionspolitiker von SPD und PDS sehen zu der Schließung der FU-Medizin aber keine Alternativen. Gibt es die aus Ihrer Sicht?

Berlin hat eine bedenkliche Finanzkrise, das ist uneingeschränkt anzuerkennen. Die Hochschulmedizin hat aber in den vergangenen Jahren bereits erhebliche Einsparungen verkraften müssen. Wenn jetzt durch die neuen Prioritäten tatsächlich erneut weniger Geld für die Medizin zur Verfügung steht, ist das nur durch Umstrukturierungen denkbar. Vorschläge dazu müssten aus den beiden Medizin-Fakultäten - der Freien und der Humboldt-Universität - kommen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie für so schmerzliche Eingriffe selbst die Kraft haben. Deshalb hat der Wissenschaftsrat in seinem Brief an den Regierenden Bürgermeister Hilfe bei der Umstrukturierung angeboten - für den Fall, dass beide Fakultäten erhalten bleiben.

Wie könnten diese neuen Kliniken aussehen?

Wenn es einfache Rezepte gäbe, hätte man sie natürlich schon umgesetzt. Der Wissenschaftsrat hat 1999 dazu schon Hinweise gegeben. Dazu gehört: Die Budgets für Krankenversorgung einerseits und Forschung und Lehre andererseist müssen strikt getrennt werden. Es müssen noch stärker wissenschaftliche Schwerpunkte gebildet werden, wo sehr gute Forschung ist, muss sie verstärkt werden. Um diese Vorschläge umzusetzen, muss aber klar sein, womit zu rechnen ist - bei Personal, räumlichen Fragen und den Forschungsmöglichkeiten.

Wenn die Mittelkürzung für die Medizin von 190 Millionen Mark nicht rückgängig gemacht werden kann, ist dann ein klarer Schnitt nicht doch besser?

Durch die Schließung ihres Klinikums wird auch die Freie Universität selbst geschwächt. Sie wäre keine Voll-Universität mehr und in vielen Bereichen eines wichtigen Kooperationspartners beraubt, mit Folgen weit über die Hochschule hinaus. Wenn man die Medizin an der FU aufgeben würde, würde der Verlust außerdem weit über das Fach Medizin hinausreichen: In der Biomedizin sind die Forschungseinrichtungen außerhalb der Hochschulen auf die Zusammenarbeit angewiesen - in der Tumor- und der Herz-Kreislaufforschung wie in der Molekularmedizin. Beachtliche Erfolge hat auch die Zusammenarbeit des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik mit dem UKBF hervorgebracht.

Veränderung als etwas Positives begreifen - hat der designierte Wissenschaftssenator Thomas Flierl von der PDS als Motto ausgegeben. Sehen Sie in der Medizin denn dafür Möglichkeiten?

Wissenschaftlern der Berliner Hochschulmedizin muss es nach allem, was in der letzten Dekade an Veränderungen stattgefunden hat, wahrlich schwer fallen, dieses Motto zu verinnerlichen. Wissenschaft braucht neben Veränderung auch Ruhe und Verlässlichkeit. Dafür muss die Politik den Rahmen schaffen. Wenn es gelingt, die in Berlin zahlreich vertretenen Spitzenwissenschaftler in wissenschaftsadäquate Strukturen zu integrieren und damit das Profil der Berliner Hochschulmedizin weiter zu schärfen, kann man aber selbst dieser Krise noch etwas Positives abgewinnen.

Dazu gehört ... ?

In jedem Fall müssen die Fakultäten künftig die Finanzierung gerade der Forschung erheblich konsequenter an die Leistung binden - dies muss bis in die Stellenpläne der Grundausstattung hieinreichen. Dafür gibt es klare Kriterien, wie die eingeworbenen Drittmittel, Promotionen, Publikationen etc. . Die Gelder müssen wirklich so verteilt werden, dass diejenigen gestärkt werden, die erfolgreich forschen. Da zögern wir immer noch, das radikal umzusetzen. Wenn das aber gelingt, kann die Forschung mit ihrem Geld erheblich mehr bewegen. Andernfalls führt das Defizit zu erheblichen Leistungseinbußen.

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