Gesundheit : Wir heroischen Opfer

Grazyna Skapska erforscht die Zivilcourage der Polen

Amory Burchard

Grazyna Skapska liest auch in Berlin die Gazeta Wyborcza. Und was die polnische Soziologin derzeit in dieser führenden links-liberalen Tageszeitung liest, gefällt ihr überhaupt nicht. Die „Gazeta“ ist ein Kind der jungen polnischen Demokratie, sie wurde 1989 als Sprachrohr der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc gegründet. Mittlerweile, sagt Skapska mit einem ironischen Lächeln, sei die Zeitung elitär geworden. Und sie tue dass, was die intellektuellen Eliten in Polen derzeit mit Vorliebe täten: Den Zustand der polnischen Gesellschaft zu kritisieren. Die Krakauer Soziologin, seit einigen Wochen Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, ist nicht etwa unkritisch. Aber in der polnischen Selbstkritik, meint Skapska, liege nicht die ganze Wahrheit.

Herausgefordert fühlt sich Grazyna Skapska durch den Essay eines großen alten Kollegen, den die Gazeta kürzlich druckte. Der Soziologe beschäftigte sich mit denselben Fragen, die Grazyna Skapska in ihrem Berliner Jahr klären will: Wie ist es mit der Zivilgesellschaft in Polen bestellt? Welche politische Kultur herrscht in dem Land, dass 2004 Mitglied der Europäischen Union werden soll? Es stimme, dass es noch immer zu wenig Bürgerengagement gebe und der Zynismus der Polen gegenüber den Parteien und dem Staat wachse, gibt Skapska zu. Aber aus diesen Indizien ein durchweg negatives Urteil über den Zustand der polnischen Gesellschaft zu fällen, hieße, „die reichen Erfahrungen der Geschichte auszublenden“.

Auf dem Weg zu begeisterten Bürgern

Denn der Staat war in den letzten 200 Jahren eher gesellschaftsfeindlich. Wie sollen die Polen da innerhalb von nur 12 Jahren begeisterte Staatsbürger werden? Außerdem, so Skapska, seien die Fähigkeit und der Mut, den Staat zu kritisieren, ein Potenzial für bürgerschaftliches Engagement. Gegenwärtig aber müssten die meisten Leute noch zwei oder drei Jobs machen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Das ließe ihnen keine Zeit, Bürgerinitiativen zu gründen oder die Arbeit der Behörden zu kontrollieren. Dafür aber sei in Polen die Selbst- und Nachbarschaftshilfe immer noch sehr ausgeprägt – auch daraus könne institutionalisiertes Bürgerengagement entstehen. Ganz zu schweigen von der katholischen Kirche, die vor allem in der Jugendarbeit viel leiste.

In einem Bereich boomen die Vereine aus der Mitte der Gesellschaft bereits: Es werden mehr und mehr Organisationen gegründet, die ihre Mitglieder bei Klagen gegen den polnischen Staat unterstützen. Bei vielen Prozessen, auch vor dem europäischen Gerichtshof in Straßburg, geht es um die Rückgabe von verfassungswidrig enteignetem Privatbesitz. Bis heute gibt es in Polen kein Restitutionsgesetz – eine Tatsache, an der sich der verbreitete Zynismus der kritischen Staatsbürger übe, sagt Grazyna Skapska.

Auch mit der politischen Kultur in Polen könne es so schlecht nicht bestellt sein. Kritiker messen die politische Kultur an der Wahlbeteiligung. Über die große Leistung der Gesellschaften, die friedlichen Revolutionen von 1989, spreche niemand mehr. „Die Leute haben sich damals bewusst entschieden, keine Gewalt zu üben und in der Legalität zu bleiben – das ist doch politische Kultur“, ruft Grazyna Skapska aus.

„Zivilgesellschaft, Zivilcourage und das Recht auf Wahrheit“ heißt Grazyna Skapskas Berliner Buch-Projekt. Das letzte Kapitel ist das schwierigste. Wenn man den Umgang mit der Vergangenheit zum Maßstab mache, sei das Bild zumindest ambivalent, sagt Skapska. Zwar enstanden in den letzten Jahren eine Reihe von Institutionen wie das Deutsche Institut in Warschau oder das ebenfalls in der Hauptstadt angesiedelte Jüdische Historische Institut, in denen man der Wahrheit über die Vergagenheit auf der Spur sei. „Aber die Mehrheit der Polen ist nur bereit, die Wahrheit über die Vergangenheit zu erfahren, wenn sie sich als Opfer sehen können“, stellt Grazyna Skapska fest.

Keine Strafe für den Peiniger

Die Täter, selbst wenn sie aus den eigenen Reihen stammen und der polnischen Gesellschaft geschadet haben, gingen nach 1989 zumeist straflos aus. Symptomatisch sei die Aussage dreier Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre vom Geheimdienst gefolterter Frauen, sagt Skapska. Ihr Peiniger sollte aussagen über die Praktiken des Geheimdienstes und die Namen seiner Mittäter nennen. Aber als Katholikinnen wollten sie keine hohe Strafe für diesen alten, kranken Mann.

Der zweifellos vorhandene Wahrheitsdrang der polnischen Gesellschaft werde durch einen Faktor entscheidend gehemmt: den Nationalismus. Der polnische Geschichtsmythos sage: Wir waren Opfer, und zwar heroische Opfer. So werde die polnische Beteiligung am Massaker an der jüdischen Bevölkerung von Jedwabne von 1941 „gegen die öffentliche Meinung“ erforscht.

Über den polnischen Antisemitismus ist jetzt ein Weißbuch erschienen. Sie bezweifle, dass es zur überfälligen Debatte über die Unfähigkeit, auch Schuld einzugestehen führen werde, sagt Grazyna Skapska. Rechte Politiker fänden jetzt mit der These Gehör, die polnische Gesellschaft solle sich nicht mit übermäßiger Selbstkritik beschädigen, sondern lieber noch enger zusammenrücken. Durch den Beitritt zur EU werde Polen schon genügend in Frage gestellt.

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