Gesundheit : „Wir hoffen, dass Sars ausgerottet werden kann“ Wolfgang Preiser erforscht die Atemwegsinfektion in China

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Lange wurde den chinesischen Behörden vorgeworfen, Fälle der Atemwegsinfektion Sars zu vertuschen. Jetzt hat sich das Land geöffnet. Auch der deutsche Virologe Wolfgang Preiser erforscht seit Ende März im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO Sars in China.

Sie inspizieren derzeit Krankenhäuser in Peking. Wie klappt die Zusammenarbeit mit den Behörden?

Bisher hat man uns alles gezeigt, was wir sehen wollten. Es geht ums Meldewesen, das in der Provinz Guangdong deutlich besser ist als hier, in Peking, wo offenbar immer wieder Patienten verschwinden, wenn sie von einen Distrikt in einen anderen verlegt werden. Der UrsprungsDistrikt kümmert sich nicht drum, der Empfangs-Distrikt sagt: Das ist nicht unser Fall. Es muss sich aber jemand auch um die Familie und die engen Kontaktpersonen kümmern.

Einige chinesische Ärzte werfen der Regierung vor, das Ausmaß von Sars zu vertuschen.

Man muss zwischen Verdachtsfällen und bestätigten Infektionen unterscheiden: Verdachtsfälle werden zunächst genauso behandelt wie echte, Ärzte und Schwestern tragen also die komplette Schutzkleidung. Wenn sich die Krankheit nicht bestätigt, werden sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Das ruft einige Verwirrung hervor.

Welche Fortschritte gibt es bei der Behandlung von Sars-Patienten?

Offenbar ist eine frühe und aggressive Therapie wichtig – in China werden dabei auch Steroide eingesetzt. Sars ist eine sich rapide verschlechternde Krankheit. Wenn ein Patient einen gewissen Punkt überschritten hat, ist es für eine Behandlung oft zu spät.

In der chinesischen Südprovinz Guangdong scheint Sars langsam abzuklingen, während in Hongkong immer neue Fälle auftreten. Haben Sie eine Erklärung für diese unterschiedliche Entwicklung?

Wir wissen immer noch nicht, was bei der Verbreitung genau eine Rolle spielt. Es gibt Hinweise darauf, dass sich das Virus mit jeder Übertragung von Mensch zu Mensch in seiner Wirkung abschwächt. Eine Rolle spielt wohl auch, dass man in Guangdong die Erkrankung früh erkannt hat. Der Hauptübertragungsweg, nämlich durch Krankenhäuser, wurde effektiv unterbunden.

Hongkongs Gesundheitssystem gilt als sehr modern. Warum kriegt man dort den Erreger nicht in den Griff?

Ein großes Problem scheinen die „Super- Spreader“ zu sein, Patienten also, die aus noch unbekannten Gründen hochgradig virulent sind. Wenn ein solcher Super-Spreader in ein schlecht vorbereitetes Krankenhaus kommt, geht die Ausbreitung von Sars gleich wieder los. Auch in Guangdong treten, mit sinkender Frequenz, neue Fälle auf. Für eine Entwarnung ist es deshalb noch zu früh.

Sie erforschen seit Jahren neue Viren. Wie beurteilen Sie Sars?

Es gab in den vergangenen Jahren immer neue Ausbrüche von Viren, etwa in Malaysia oder in Australien, aber immer lokal begrenzt. Die Patienten waren zu krank, um noch ins Nachbardorf zu kommen. Bei Sars ist das anders: Wie wir gesehen haben, geht der Erreger Ruck-Zuck um die Welt.

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Die Aufregung ist furchtbar übertrieben. Wir WHO-Ärzte tragen hier auf der Straße auch keine Masken. Die Chance für eine Ansteckung ist verschwindend gering. Der größte Teil der Todesfälle betrifft Leute, die über 50 Jahre alt sind oder Vorerkrankungen hatten. Das heißt natürlich nicht, dass man nachlässig sein sollte. Jeder, der Symptome hat, die auf Sars hinweisen könnten, muss zu Hause bleiben. Die allgemeine Einstellung wird sich ändern. Das ist wie der Umgang mit Blut seit Aids: Jeder Streifenpolizist hat heute Plastikhandschuhe bei sich. Und wenn künftig ein Patient Husten oder Fieber hat, werden wir mit Mundschutz arbeiten.

Heißt das, dass wir in absehbarer Zeit mit Sars leben müssen?

Wir hoffen, dass Sars ausgerottet werden kann. Womöglich aber springt das Virus immer wieder neu auf den Menschen über – dann wird man den Erreger nie los. Zudem gibt es Hinweise, dass auch äußerlich Gesunde den Erreger in sich tragen und weitergeben. Das hieße, dass man Infektionsquellen nicht erkennt. Auch dann bekommt man den Erreger nicht mehr aus der Welt.

Das Interview führte Harald Maass.

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