Gesundheit : „Wir können nicht von Aktiendepots gepflegt werden“

Geld allein macht das Leben der Hochbetagten nicht lebenswert. Das „vierte Alter“ wird vernachlässigt – auch in der Forschung

Rosemarie Stein

Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit wir auch noch im hohen Alter etwas vom Leben haben? Die Forschung hat sich bislang hauptsächlich mit den „jungen Alten“ im siebten und achten Lebensjahrzehnt befasst und kam zu durchaus erfreulichen Ergebnissen: Die Gerontologen – die Alternsforscher – konnten das negative Bild des Alters kräftig korrigieren, denn es zeigte sich, dass man heute im „dritten Alter“ körperlich und geistig noch überraschend fit ist.

Anders im „vierten Alter“, das – mit großen individuellen Unterschieden – etwa zwischen 80 und 85 beginnt. In Deutschland sind derzeit schon fast drei Millionen Menschen über 80 (60 Prozent davon allein zu Hause), 2020 dürften es mehr als fünf, 2050 fast acht Millionen sein. Dennoch wurden die Hochbetagten von der Forschung bisher weitgehend vernachlässigt, abgesehen von einigen wichtigen Untersuchungen wie der Berliner Altersstudie. Und dies, obwohl die Umkehrung der Alterspyramide die gesamte Gesellschaft verändert. Und obwohl es mit der Versorgung der chronisch Kranken und Pflegebedürftigen unter den Hochbetagten nicht zum Besten steht.

Deshalb hatte sich der 4. Bericht der Bundesregierung zur Lage der älteren Generation auf die sehr Alten konzentriert – die „Hochaltrigen“, wie es dort heißt. Auf Grund dieses „Altenberichts“ wurde die Situation der Hochbetagten, besonders ihre medizinische Versorgung und Pflege, jetzt in Berlin auf einer Fachtagung diskutiert, zu der die „Gesellschaft für sozialen Fortschritt“ und das „Deutsche Zentrum für Altersfragen“ geladen hatten – im Auftrag des Bundesfamilienministerums, das eine Expertenkommission mit dem Bericht betraut hatte.

„Wir können nicht von unseren Aktiendepots gepflegt werden!“ So drastisch umschrieb Familienministerin Renate Schmidt, dass Geld allein nicht ausreicht, um das Leben im hohen Alter trotz Gebrechlichkeit und Behinderung lebenswert zu machen. Die Wissenschaftlerkommission ist davon überzeugt, dass in einem solidarischen gesellschaftlichen Klima und unter verlässlichen Rahmenbedingungen Elemente für ein gutes Alter bereitgestellt werden können: durch Prävention, angemessene medizinische Versorgung, aktivierende Pflege und psychosoziale Maßnahmen. Die Effekte müssen aber wissenschaftlich nachgewiesen sein, und deshalb war man sich auf dieser Tagung einig in der Forderung nach dem Ausbau der gerontologischen und geriatrischen Forschung.

Erstaunlich ist die Lebenszufriedenheit der meisten Hochbetagten, über die Siegfried Weyerer vom Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit berichtete. Selbst mit mehreren chronischen Leiden wie Herzkrankheiten, Gelenkbeschwerden und Hirnfunktionsstörungen fühlen sich viele nicht unbedingt krank. Nicht die objektiven Diagnosen sind entscheidend, sondern die Funktionseinbußen. Wenn Gehfähigkeit, Gehör, Sehschärfe und geistige Funktionen immer mehr nachlassen, wird ein alter Mensch hilfsbedürftig.

Etwa ein Drittel aller gesundheitlichen Probleme Hochbetagter werden dem Hausarzt gar nicht mitgeteilt, berichtete Gisela Fischer, Allgemeinmedizinerin in Hannover. Besonders oft verkennen die Ärzte deshalb Suchtprobleme, Inkontinenz, Altersdemenz und Depressionen. Sieben bis acht Prozent der über 65-Jährigen haben eine Demenz, leiden unter krankhaftem geistigen Verfall.

Als eine der vielen Ursachen für Depressionen nannte Gisela Fischer die sinnentleerten Tage vieler sehr alter Menschen. Der häufige Gang in die Praxis beschäftigt dann sie und die Ärzte. Die Allgemeinmedizinerin sprach vom „geriatrischen Paradox“: Krankheit ist zwar belastend, andererseits aber „psychosoziale Stütze“. Denn wenigstens zum Arztbesuch setzten sich sonst passiv zu Hause hockende Hochbetagte in heilsame Bewegung.

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