Gesundheit : „Wir machen Humboldtsche Forschung“

Wissenschaftsgeschichte zwischen Skepsis und Forschungsgläubigkeit – ein Balanceakt, sagt Jürgen Renn

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Hochschulabsolventen finden Arbeit

Die akademische Anstrengung lohnt: Ein Hochschulabschluss ist in Deutschland die beste Garantie für Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Eine neue Studie der HochschulInformations-System GmbH (HIS) im Auftrag der Bundesregierung zeigt: Fünf Jahre nach dem Examen sind 86 Prozent der Uniabsolventen und 90 Prozent der Fachhochschulabsolventen regulär beschäftigt. Die Arbeitslosenquote pendelt sich ein halbes Jahr nach dem Abschluss bei fünf Prozent ein, steigt dann nach dem Abschluss der Promotion oder nach dem Referendariat leicht an. -ry

Herr Renn, schlägt das Herz eines Wissenschaftshistorikers höher, wenn Alexander von Humboldts „Kosmos“ auf der Bestsellerliste steht?

Eindeutig ja. Wir würden uns natürlich auch freuen, wenn Darwins Evolutionstheorie oder Einsteins Relativitätstheorie auf der Bestsellerliste stünden. Aber mit Humboldt hat es eine ganz besondere Bewandtnis, weil er noch jemand ist, der eine Gesamtschau versucht hat, und zwar nicht nur philosophischer Art, sondern historischer Art.

Inwieweit war das etwas Besonderes?

Humboldt lebte in einer Zeit, in der sich die historische Weltsicht noch nicht durchgesetzt hatte. Erst seit Darwin und auch seit Marx ist uns diese Weltsicht viel geläufiger, dass wir uns, die Erde und unser planetares System als Resultat von geschichtlichen Prozessen auffassen. Das ist etwas, wozu Humboldt den Anstoß gegeben hat. Er hat eine Synthese der Einzelwissenschaften aus einer historischen Perspektive versucht. Wir Wissenschaftshistoriker machen im Grunde Humboldtsche Wissenschaft.

Humboldt war aber kein rein kontemplativer Forscher. Er ist mit dem besten Instrumentarium, das er erwerben konnte, mit Höhenmessgeräten, Teleskopen, Barometern und Hydrometern, losgezogen, um der Natur ihre Geheimnisse zu entlocken. Markiert er nicht auch insofern einen neuen Wissenschaftlertyp?

Das ist zweifellos richtig. Aber er ist nicht derjenige, der Land und Leute ignoriert hätte, um irgendeinen Gipfel zu besteigen und dort oben genau eine Temperaturmessung zu machen. Das hat er auch gemacht, ich denke etwa an eine Beschreibung von ihm, wie er den Pico del Teide in Teneriffa besteigt und genau den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs festhält. Aber er liefert gleichzeitig eine Beschreibung der historischen und kulturellen Kontexte und ordnet so Fakten ein.

Macht ihn das so modern?

Ja. Das Pionierhafte an ihm war, dass er den experimentellen Zugriff, „Science in action“ sozusagen, nicht spezialistisch gemeint hat. Er hat die Einzelheiten nicht aus dem Gesamtbild herausgenommen. Und damit hat er große Begeisterung ausgelöst, etwa in seinen Kosmos-Vorlesungen hier in Berlin, und zwar quer durch alle Schichten.

Humboldt hat die Phantasie seiner Zeitgenossen angeregt, obschon er seine eigene Phantasie als Naturforscher oft im Zaum hielt. Warum fällt es Forschern heute oft so schwer, ein breites Publikum zu erreichen?

Nach vielen großen Wissenschaftsexpeditionen im 18. Jahrhundert war Humboldt einer der ersten Privatreisenden. Er bietet uns die Möglichkeit, uns mit ihm als einzelnem Forscher zu identifizieren. Das gibt es heute natürlich seltener. Ein Großteil der Forschung wird hoch spezialistisch und arbeitsteilig in großen Institutionen gemacht. Es ist daher schwer, eine Gesamtschau zu erreichen.

Unterwerfen sich Forscher heutzutage aber nicht manchmal auch ein bisschen zu unreflektiert den gegebenen Zwängen? Hätten sie nicht mehr und bessere Möglichkeiten, an die Öffentlichkeit zu treten?

Ich stimme da völlig zu. Ich glaube daher auch, dass die Wissenschaftsgeschichte dringend als ein Reflexionspotenzial für die heutige Forschung gebraucht wird. Sie konfrontiert uns mit historischen Erfahrungen, auf die wir angewiesen sind, wenn wir die Herausforderungen der Wissensgesellschaft annehmen wollen. Wissenschaftsgeschichte kann etwas von der Begeisterung vermitteln, die das Abenteuer Forschung auslöst.

Eignen sich Personen wie Humboldt besonders gut dazu, die Bedeutung der Wissenschaftsgeschichte aufzuzeigen?

Er ist natürlich eine Identifikationsfigur. Man muss die Leute nicht mehr davon überzeugen, dass er ein wichtiger Wissenschaftler war. In der Forschung brauchen wir das.

Haben Sie keine Angst vor einem Heroenkult?

Die ist bei uns sehr groß. Ich vertrete eine Auffassung der Wissenschaftsgeschichte, die Wissenschaft als Teil einer umfassenden Wissensgeschichte auffasst, in der auch ganz andere Dimensionen zur Geltung kommen. Denken Sie an die Renaissance, da gab es nicht nur Galilei, da gab es zum Beispiel auch die Ingenieure der Renaissance. Es wäre ein Fehler,jemanden wie Galilei einfach in eine Ahnenreihe der Wissenschaft zu stellen. Er war unter anderem auch Ingenieur.

Wissenschaftsgeschichte ist also keine Abfolge von Entdeckungen?

Keineswegs. Es ist keine Perlenschnur, an der sich einzelne Entdeckungen aufreihen. In unserer historischen Forschung verfolgen wir langfristige Entwicklungsgeschichten, in denen gerade Unbekannte oft erstaunliche Beiträge geleistet haben.

Das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin ist soeben zehn Jahre alt geworden, die Wissenschaftsgeschichte selbst ist eine noch ziemlich junge Disziplin. Ist die Denkweise des Wissenschaftshistorikers dem allgemeinen Publikum nicht noch fremder als die des Naturwissenschaftlers oder Historikers?

Ich glaube, erst einmal muss ich darauf mit einem Ja antworten. Wissenschaft wird auf der einen Seite als etwas gesehen, was gar keine Geschichte hat. Wer etwas von Wissenschaft weiß, geht davon aus, dass es sich um etablierte Fakten handelt. Und warum sollten Fakten eine Geschichte haben? Andererseits macht es erst die Tatsache, dass Entdeckungen eine Geschichte haben, möglich, sie in dem Bereich des Menschlichen anzusiedeln. Es bedeutet eine große Entfremdung, wenn uns Wissenschaft nur als das gegenübertritt, was vom Elfenbeinturm herkommt wie eine Botschaft aus einer anderen Welt.

Warum?

Man erzeugt auf diese Weise ein Klima, das wir uns gar nicht leisten können, nämlich das einer blinden Wissenschaftsgläubigkeit oder einer blinden Wissenschaftsskepsis. Hier hat die Wissenschaftsgeschichte eine ganz wichtige Mittlerfunktion.

Die aber sehr heikel ist. Ende der 90er Jahre hat es in den USA einen regelrechten „Wissenschaftskrieg“ gegeben, bei dem sich gerade die Naturwissenschaftler heftig gegen eine Relativierung ihres Wahrheitsanspruches wehrten.

Es ist absolut heikel, es ist ein ständiger Balanceakt. Aber Dinge, die heikel sind, zeigen manchmal, dass sie besonders dringend und nötig sind. Wenn Sie die Wissenschaft in die Geschichte zurückholen, dann ist sie plötzlich nichts Besonderes mehr, dann ist sie vielleicht auch nur noch ein Produkt von Macht, Wirtschaft, Politik und interessengeleiteten Lokalumständen. Es gibt eine Wissenschaftsgeschichte, die der Wissenschaftsskepsis das Wort redet. Aber dann gibt es auch die traditionelle Wissenschaftsgeschichte, die eher auf Seiten der Hofchronisten steht, die Hofberichterstattung macht, Entdeckungen auflistet und von den Wissenschaftlern geliebt wird.

Hat der Wissenschaftskrieg ihrem Fach mehr geschadet als genützt?

Es war eine stark auf Amerika bezogene Diskussion. Aber vielleicht hat sie uns sogar genützt, weil wir auf diese Weise überhaupt einmal in die Schlagzeilen gekommen sind.

An den Universitäten führt die Disziplin allerdings immer noch ein Mauerblümchen-Dasein.

Die Wissenschaftsgeschichte ist ein Opfer der gegenwärtigen Sparmaßnahmen, die sich vor allem auf interdisziplinäre Fächer auswirken. Unglücklicherweise befindet sie sich trotz ihrer intellektuellen Blüte in einem institutionellen Abstieg, jedenfalls in Deutschland. Von den 40 Lehrstühlen an den Hochschulen hier zu Lande ist die Hälfte langfristig nicht gesichert.

Was können Wissenschaftshistoriker tun, um dem Fach aus dieser Enge herauszuhelfen?

Sie sollten Fragen aufgreifen, die auch für die Öffentlichkeit relevant sind, zum Beispiel nach der Steuerbarkeit des wissenschaftlichen Fortschritts. Andererseits müssen sie die Ergebnissse ihrer Forschungen, etwa in Bezug auf die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, so verständlich wie möglich machen. Dabei sollten sie auch ungewöhnliche Formen der Verbreitung ihrer Ergebnisse nicht scheuen, Medien wie das Internet nutzen, die Wissenschaftsgeschichte in Schulen hineintragen und durch Ausstellungen anschaulich machen, dass Wissenschaft Teil unserer Kultur ist.

Das Interview führte Thomas de Padova.

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