Gesundheit : „Wir müssen dem Militär alle Mittel der Raumfahrt geben“

Sigmar Wittig, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, über Europas neue Rolle im All und die Aufgaben künftiger Satelliten

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In diesem Herbst wird ein Weißbuch zur europäischen Weltraumpolitik vorgelegt. Was wird die wichtigste Neuerung sein?

Die wichtigste Neuerung wird sein, dass die Europäische Union künftig einen entscheidenden Einfluss auf die Raumfahrt nehmen wird.

Warum diese Einflussnahme?

Wir haben im Augenblick die Europäische Weltraumagentur Esa, die sich in vieler Hinsicht bewährt hat. Aber wir müssen in die Zukunft schauen. Es werden neue Länder mit hineinkommen. Und was wir brauchen, ist die politische Unterstützung der EU. Es müssen politische Rahmenbedingungen gesetzt werden, die nur eine Europäische Union setzen kann. Das kann eine Agentur nicht.

Braucht Europa eine Raumfahrtagentur nach dem Vorbild der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa, die sowohl zivile als auch militärische Projekte koordiniert?

Europa ist nicht die USA. Wir haben es derzeit noch mit 15 Ländern zu tun, die alle eine bestimmte Kultur der Raumfahrt und der Technologie haben. In der reinen Form der Nasa ist das also nicht zu machen. Im Gegenteil. Wir müssen berücksichtigen, dass die Finanzierung aus den einzelnen Staaten kommt. Wir brauchen die Rückkopplung zu nationalen Parlamenten.

Welche Rolle wird die Raumfahrt für die künftige Außen und Sicherheitspolitik Europas spielen?

In dem Moment, in dem wir akzeptieren, dass Europa eine weltweite Verantwortung trägt – denken Sie an Afghanistan, denken Sie an den Kosovo –, müssen wir dem Militär auch alle Möglichkeiten an die Hand geben, die die Raumfahrt bietet. Wir können nicht Soldaten nach Afghanistan schicken und sie dann mehr oder weniger allein lassen.

EU-Forschungskommissar Philippe Busquin hat vor drei Wochen in Paris betont, dass es eine gleichzeitige Nutzung von Satellitensystemen für zivile und militärische Zwecke geben soll. Welche Art von Satelliten sind gemeint?

In erster Linie Kommunikations- und Navigationssatelliten, aber durchaus auch Systeme, die der Aufklärung und Beobachtung dienen.

Europa baut in den kommenden Jahren 28 Satelliten, die Dreh- und Angelpunkt für das künftige Verkehrsmanagement aus der Luft sein sollen. Wird dieses Satelliten-Navigationssystem namens „Galileo“ ein erstes Beispiel für eine sowohl zivile als auch militärische Nutzung werden?

Eindeutig ja! Frankreich drängt bereits darauf.

Wurde deshalb ein Übertragungskanal bei Galileo offen gehalten?

Offen ist das falsche Wort. Es ist eher ein geschlossener Kanal. Darauf legen unsere französischen Kollegen großen Wert. Und ich habe keinen Grund, ihnen zu widersprechen. Die Westeuropäer brauchen eigene Möglichkeiten, um sich in Krisenzeiten verständigen zu können.

Das ist eine Abkehr von den bisherigen Aufgaben der Europäischen Weltraumagentur Esa, die rein friedliche Zwecke verfolgt. Wie reagiert die Bevölkerung in den Mitgliedstaaten darauf? Es gab seinerzeit große Vorbehalte gegenüber Ronald Reagans Absichten, den Weltraum im Rahmen des SDI-Programms stärker für militärische Zwecke zu nutzen.

Ich glaube, diese Vorbehalte sind nicht mehr so stark, wie sie einmal waren. Natürlich gibt es da unterschiedliche Nuancen. In Frankreich ist das überhaupt kein Thema. Aber auch in der Bundesrepublik hat es diesbezüglich eine Öffnung gegeben.

Zur Esa gehören aber auch neutrale Länder wie die Schweiz oder Norwegen.

Das ist richtig. Aus diesem Grund gibt es auch gerade bei den neutralen Ländern eine gewisse und auch verständliche Zurückhaltung. Hier müssen wir noch zu einer gemeinsamen Lösung kommen.

Was bedeutet diese Neuorientierung für die Entscheidungsfindung innerhalb der Esa?

Die Abstimmungsmodalitäten sind langfristig so nicht mehr durchzuhalten, wie sie derzeit üblich sind. „Ein Land, eine Stimme“, das ist ohne weiteres nicht mehr zu machen. Die Esa wird mehr zu einer Agentur werden, die vorgegebene politische Entscheidungen in technische Systeme umsetzt.

Vor dem Irak-Krieg haben wir viele Bilder gesehen, die amerikanische Spionagesatelliten von verdächtigen irakischen Militäreinrichtungen gemacht haben. Und es gab in der Bevölkerung immer wieder Unsicherheiten, ob man solchen Aufnahmen trauen kann. Ist es künftig eine Aufgabe der europäischen Raumfahrt, solche Informationen zu überprüfen?

Ich möchte unsere Satellitensysteme nicht als Kontrolle der Amerikaner verstanden wissen. Europa hat eigene Aufgaben, auf die es sich konzentrieren muss. Wir haben unsere eigenen Ziele und unsere eigene Technologieentwicklung. Aber wir wollen selbstverständlich keine gefilterten Informationen, sondern die Informationen, die wir brauchen. Das müssen unsere amerikanischen Kollegen oder wer auch immer anerkennen. Das gilt nicht nur im militärischen Bereich, sondern auch in der Umweltbeobachtung.

Wird die europäische Raumfahrt überhaupt ernst genommen? Die Nasa bekommt sechsmal so viel Geld wie die Esa. Und das amerikanische Verteidigungsministerium gibt noch einmal so viel Geld für die Raumfahrt aus.

Unsere amerikanischen Kollegen nehmen uns sehr ernst.

Wo liegen Europas Stärken in der Technik? Wenn man sieht, wie viele europäische Kamerasysteme und Sensoren etwa bei amerikanischen Marsmissionen mitfliegen, hat man den Eindruck: Europa ist Spitze.

Sind wir auch! Wenn Sie nur an unsere eigene Marsmission denken oder die geplante Kometenmission Rosetta, wo wir jeweils mit einem automatischen Bohrer in den Himmelskörper eindringen wollen, um Bodenproben aus tieferen Schichten zu untersuchen – das ist einzigartig. Auch in der Erdbeobachtung sind wir Weltspitze, in allem was die Klimaforschung oder Atmosphärenforschung betrifft.

Größere Projekte sind mit dem Budget der Esa aber kaum machbar. Wie soll die Raumfahrt in Europa künftig finanziert werden?

Die Esa ist bedeutend kleiner als die Nasa. Und ich bin davon überzeugt, dass die EU, wenn sie mit den amerikanischen Partnern mithalten will, neue Mittel verfügbar machen wird – was ja bei dem Satellitensystem Galileo auch bereits geschieht.

Das heißt, die Finanzierung wird nicht mehr allein aus dem Esa-Budget erfolgen?

Wenn die EU bestimmte politische Ziele definiert, dann muss sie eine zusätzliche Förderung einbringen. Das kann im Rahmen der gleichzeitigen Nutzung von zivilen und militärischen Satelliten der Fall sein, das kann im Katastrophenmanagement geschehen, es können aber auch außenpolitische Aufgaben sein, wenn wir zum Beispiel helfen, Brände in Australien zu überwachen.

Es gibt immer noch viele nationale Autarkiebestrebungen. Forschungskommisssar Busquin beklagt, es gebe bei militärischen Raumfahrtprojekten keine internationale Abstimmung. Zum Beispiel werde keiner der existierenden Spionagesatelliten gemeinsam betrieben.

Damit ist die Esa im Moment auch überfordert, dafür ist sie nicht konzipiert. All dies muss von Seiten der EU abgesichert sein.

Deutschland und Frankreich tragen zusammen mehr als die Hälfte des Raumfahrtbudgets. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sucht seit Jahren die enge Partnerschaft zur Schwesterorganisation in Frankreich. Meinen Sie, dass die neue Rolle im All von einer Art Kerneuropa aus wachsen muss?

Die Kooperation hat gerade in den letzten Monaten noch einmal sehr stark zugenommen. Meine Meinung ist schon die, dass Frankreich und Deutschland als diejenigen, die den größten Beitrag liefern, sich klar darüber werden müssen, welche Aufgaben und welche Verantwortung sie tragen. Probleme mit der europäischen Trägerrakete Ariane zum Beispiel sind nur durch ein gemeinsames Verständnis zu lösen.

Wie wichtig ist für Europa ein eigener Zugang zum Weltraum mit der Ariane-Rakete?

Europa braucht einen solchen Zugang. Es hat einmal eine ähnliche Diskussion um den Airbus gegeben. Damals sagte alle Welt: Was soll das denn? Es gibt McDonnell Douglas, es gibt Boeing, die bauen hervorragende Flugzeuge und haben einen derartigen technologischen Vorsprung, den können wir niemals aufholen. Das wäre eine riesiges Subventionsloch – was es ja auch am Anfang war.

Die Pessimisten haben sich nicht durchgesetzt.

Nein, sondern diejenigen, die gesagt haben: Wir müssen uns in Europa in diesem modernen Bereich engagieren. Und schauen Sie sich die Situation jetzt an: McDonnell Douglas gibt es nicht mehr, und Boeing nimmt uns ernst. Aber viel wichtiger ist: In Deutschland hängen heute 270000 Arbeitsplätze in der Industrie oder an Flughäfen von den Airbus-Entwicklungen ab.

Was heißt das für die neue Ariane-Rakete? Sie ist ein enormer Kostenfaktor, seit das Geschäft mit Satellitenstarts eingebrochen ist und eine neue Ariane-Rakete kurz nach dem Start explodierte. Bis 2009 soll nun knapp eine Milliarde Euro ausgegeben werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Ariane zu sichern. Können wir uns das auf Dauer leisten?

Wir müssen zunächst Geld bereitstellen, um die Fehler, die aufgetreten sind, zu beseitigen. Wir müssen zudem den Nutzern erneut zeigen, dass das System funktioniert. Auch das kostet Geld. Aber bis zum Jahre 2009 muss sich das System rechnen.

Ist das realistisch?

Ja. Sonst hätten wir nicht zugestimmt.

Die Europäer suchen derzeit auch eine stärkere Annäherung an Russland. Der Esa-Ministerrat hat beschlossen, die russischen Sojus-Raketen in die europäische Raumfahrt zu integrieren. Warum diese Anbindung?

Russland verfügt über einen großen Erfahrungsschatz in der Raumfahrt. Wir können sehr viel davon lernen. Mit der Sojus-Rakete hat Russland überdies ein Trägersystem, das eine Marktlücke bei uns füllt. Es ist sehr sinnvoll, das mit einzubinden. Damit stärken wir die europäische Position.

Wie wird das von den Amerikanern gesehen?

Auch die Amerikaner haben ähnliche Abkommen und Verträge. Dass es hier auch zum Wettbewerb kommt, liegt in der Natur der Dinge.

Das Interview führte Thomas de Padova.

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