Gesundheit : „Wir müssen früher ansetzen“

Frauen in der Forschung: Die Soziologin Jutta Allmendinger fordert eine bessere Nachwuchsförderung

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Frau Allmendinger, bei einer Tagung, die heute in Köln beginnt, will der Wissenschaftsrat die großen Forschungsorganisationen und die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) auf eine „Offensive für Chancengleichheit“ einschwören. Welche Hoffnungen knüpfen Sie als Mitglied des Wissenschaftsrats an diese Frauenförderungs-Initiative?

Meine Hoffnung ist, dass die Offensive sehr konkrete Ziele vorgeben wird. Dabei muss es besonders um die Nachwuchsförderung gehen sowie um die Schnittstellen in den wissenschaftlichen Laufbahnen: um den Übergang vom Studienabschluss zur Promotion und von der Promotion zur Habilitation oder ihrem Äquivalent. Denn von Stufe zu Stufe gehen Frauen auf dem Weg zur Professur verloren.

Wie wirksam waren solche Selbstverpflichtungen wissenschaftlicher Organisationen und Hochschulen bislang? Der Wissenschaftsrat hat ja schon 1998 Empfehlungen zur Frauenförderung ausgesprochen, aber noch immer sind nur knapp 14 Prozent der Professuren (neun Prozent der C4-Stellen) mit Frauen besetzt.

Die Erklärung, die am Mittwoch verabschiedet wird, werden sieben Organisationen unterschreiben. Es ist sehr wichtig, dass es sich um eine große gemeinsame Offensive handelt. Zudem wurden in der Vergangenheit keine konkreten Ziele vereinbart. Ich hoffe, dass das diesmal der Fall sein wird. Es muss klar sein, wann und auf welchem Weg diese Ziele erreicht sein sollen und wie das schließlich überprüft wird.

Nachdem internationale Gutachter im Exzellenzwettbewerb moniert haben, dass die Gleichstellung in den Anträgen „völlig unzureichend“ behandelt werde, hat DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker eine Frauenquote für Hochschulen und außeruniversitäre Institute vorgeschlagen. Als Vorbild nannte er die Universität Genf, wo seit 2005 in mindestens jedem vierten Fall eine Frau eingestellt werden muss. Halten Sie eine solche Quote für sinnvoll?

Eine Quote ist dann sinnvoll, wenn sie nicht erst auf der Ebene der Professur ansetzt, sondern schon vorher. Die DFG könnte zum Beispiel den Anteil von Frauen in den Graduiertenkollegs anheben. Und die Hochschulen könnten in Zielvereinbarungen festschreiben, wie viele Frauen unter den Promovenden und Habilitanden sein sollen. Nur wenn auf diesen Ebenen genug Frauen sind, kann sich ihr Anteil auch deutlich bei den Professuren steigern. Zum Beispiel sind 68 Prozent der Absolventen in den Sprach- und Kulturwissenschaften Frauen. Unter den Promovierten dann nur noch 40 Prozent, unter den Habilitierten 30 Prozent, was nur leicht über dem Anteil von Frauen an den Professuren liegt. In der Medizin sieht es noch schlechter aus: Unter den Promovierten sind 40 Prozent Frauen, unter den Habilitierten nur 12 Prozent. Nur bei den Ingenieurwissenschaften entspricht der – sehr niedrige – Anteil von Studentinnen dem an den Professuren.

Ist das der Grund, warum die Gleichstellungsgesetze in fast allen Bundesländern nicht viel bewirken?

Ja. Zwischen 1990 und 2006 hat die Zahl der Professorinnen jährlich nur um einen halben Prozentpunkt zugenommen. Wir müssen früher ansetzen.

Manchmal ist zu hören, die Zahlen zeigten, dass unter den jungen Frauen nun einmal nicht so viele sind, die sich wirklich für eine wissenschaftliche Karriere interessieren.

Ja, dieses Argument hört man immer wieder, nach dem Motto: Früher durften die Frauen nicht, dann konnten sie nicht und nun wollen sie nicht. Dass das nicht stimmt, sieht man ja schon im internationalen Vergleich.

Woran hapert es dann bei uns?

Bei uns hapert es daran, dass der Zugang zu wissenschaftlichen Laufbahnen schlecht strukturiert und kaum standardisiert ist. Es macht einen Unterschied, ob ich ein strukturiertes Doktorandenprogramm habe oder ob mir mein Professor auf die Schulter tippt und sagt: „Wollen Sie nicht promovieren?“ Es bleibt auch im Nebel, wie lange die einzelnen Etappen der Qualifizierung dauern, was die Habilitation bringt, und ob das Ziel schließlich erreichbar ist. Männer entscheiden sich dann trotzdem für diesen Weg, weil sie sich an vielen erfolgreichen Vorbildern orientieren können. Frauen befürchten, dass sie im Alter von 36 Jahren feststellen, dass die Wissenschaft eine Sackgasse war. Deshalb wählen sie lieber schon früh außerakademische Berufe.

Informelle Netzwerke und eine männliche Arbeitskultur bilden die „gläserne Decke“, an die Frauen in der Wissenschaft stoßen, ergab (2001) eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin. Wie funktionieren diese (männerbündischen) Strukturen?

Ich würde das „Männerbündische“ hier nicht betonen, das klingt ja so, als werde absichtlich so gehandelt. Ursache sind aber viel mehr strukturelle Gesichtspunkte. 95 Prozent der hohen Positionen im Wissenschaftsmanagement sind von Männern besetzt. Das kann man zum Beispiel sehen, wenn sich die Hochschulrektorenkonferenz trifft. Wenn diese Netzwerke dann aktiviert werden, kommt es immer wieder zu Berufungen von Männern. Wir bräuchten in Deutschland eine zentrale Agentur, die Namen von Frauen sammelt, die für solche Positionen in Frage kommen. Denn oft werden Frauen händeringend gesucht, aber nicht gefunden, weil es so wenig sind und man nicht weiß, wo sie zu finden sind.

Frauenförderung in der Wissenschaft bedeutet auch, Unis und Institute familienfreundlicher zu machen. Wie geht es damit voran?

Familienfreundlichkeit hat zwei Dimensionen. Die eine ist, auch wenn es sich langweilig anhört: Es muss für die Kinderbetreuung gesorgt werden, damit der Beruf mit der Familie vereinbar ist. Hier sind wir im internationalen Vergleich weit hinten dran. Das zweite ist, dass man bei Berufungen haushaltsbezogen vorgehen sollte, wie es im Ausland üblich ist. Man muss die beruflichen Bedürfnisse des Partners einbeziehen und die Bedürfnisse der Kinder, etwa, wenn es um die Schule geht.

Die Fragen stellte Amory Burchard.

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