Gesundheit : „Wir müssen handeln“

Helmut Schwarz fordert mehr Lobbyismus, damit mehr deutsche Forscher ausgezeichnet werden

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Herr Schwarz, haben Sie schon eine Greencard beantragt?

Nein, und ich werde es auch nicht tun. Die Forschung in Deutschland kann sich an den guten Stellen, bei Universitäten, Max-Planck-Instituten und anderen Einrichtungen, gut messen mit den USA.

Sie werden dann wohl keinen Nobelpreis bekommen, denn für Medizin, Physik und Chemie gingen diese jetzt alle in die USA.

Das hat andere Gründe. Zweifellos haben alle diesjährigen Nobelpreisträger die Auszeichnung bestens verdient. Aber es hätten mit dem gleichen Recht Forscher aus England, Japan und ohne jeden Zweifel auch aus Deutschland sein können.

An welche Disziplin, an welchen Kandidaten aus Deutschland denken Sie?

Gerhard Ertl vom Fritz-Haber-Institut in Berlin ist seit Jahren überfällig für den Chemie-Nobelpreis. Er gehört zu den weltweit führenden Forschern in der Oberflächenchemie. Er hat eine bedeutende Reaktion beim Haber-Bosch-Prozess aufgeklärt, von dem die ganze Menschheit lebt. Aber die Zahl der Preisträger ist pro Jahr und Fach auf drei beschränkt. Und es viel mehr Nominierte gibt, entscheiden andere Faktoren.

Meinen Sie Lobbyarbeit?

Ja. Andere Länder schaffen es viel besser, ihre Kandidaten ins Gespräch zu bringen. Die Japaner haben vor vielen Jahren ein Büro in Stockholm aufgemacht, um japanische Wissenschaftler vorzustellen. In den USA werden die Dekane der wichtigsten Universitäten zusammengerufen, um den besten Mann für einen Preis herauszufinden. Für den Vorschlag wird dann eine gewaltige Maschinerie in Bewegung gesetzt. Natürlich beeindruckt es die Nobelkommission mehr, wenn ein Name 50 Mal genannt wird, als wenn er nur drei Mal vorgeschlagen wird.

Wäre das auch in Deutschland möglich?

Es wäre auch hier möglich, wenn sich die großen Forschungsorganisationen verständigten. Dann passiert es nicht mehr, dass – wie bei dem bedeutenden King-Feisal-Preis für Chemie – in einem Jahr vier deutsche Wissenschaftler vorne dabei sind, aber alle keine Chance haben.

Haben Sie schon Vorschläge gemacht?

Hin und wieder. Wir haben keinen Erkenntnis-, sondern Handlungsbedarf.

Wer könnte handeln?

Die Max-Planck-Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und alle anderen Einrichtungen, die vom Nobelkomitee gefragt werden.

Sie sind ja Vizepräsident der DFG.

Ich sage es immer wieder. Ich kann es aber nicht alleine entscheiden. Aber wir neigen dazu, die eigenen Propheten nicht zu viel zu loben. Dabei haben wir keinen Grund zu lamentieren. Wir sind sehr gut.

Was ist zu tun?

Das Bewusstsein muss dafür geschaffen werden, dass eine Nobelpreisvergabe nicht mehr so abläuft wie vor 70, 80 Jahren. Da gab es vielleicht pro Jahr nur zwei, drei Vorschläge. Da konnte man beispielsweise Einstein fragen, ob man Dirac, Schrödinger oder Heisenberg nehmen solle. Das ist heute nicht mehr so.

Müsste man nicht auch die Öffentlichkeitsarbeit für Forschung verbessern?

Auch das. Harvard beschäftigt 200 Leute für das Marketing. Auf der Homepage von Caltech oder MIT wird jeden Tag bekannt gegeben, welche Artikel von den eigenen Forschern etwa in „Nature“ erschienen sind oder welche Erfindung gemacht wurde.

Das Gespräch führte Paul Janositz.

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