Gesundheit : Wir sind das Volk, Herr Professor!

Ständig wollen die Unis mehr Geld und mehr Freiheit. Muss der Steuerzahler sich das bieten lassen?

Harald Uhlig

Exzellenzwettbewerb der Universitäten, Hochschulreformen – es scheint Aufbruchstimmung zu herrschen. Deutschland soll an die Weltspitze. Nur warum eigentlich? Universitäten dienen einem Zweck. Welchem, wollen die Universitäten selbst bestimmen. Unablässig fordern sie mehr Autonomie und mehr Geld. Aber hier wird in der Debatte ein zentraler Punkt verschleiert. Auf die Frage des Zwecks können sie und dürfen sie nicht selbst antworten. Die Antwort auf die Frage, was der Auftrag einer Universität ist, kann nur derjenige geben, der für alles bezahlt, der also sowohl Kunde als auch Eigentümer ist: der Staat.

Moment mal, werden Sie sagen. Sind nicht die Studenten Kunden der Universität? Erhalten sie nicht eine der Hauptleistungen der Universität – eine universitäre Ausbildung? Die Antwort: Ja, sie sind einer der Hauptnutznießer. Aber: Nein, sie sind nicht der Kunde. Kunde ist, wer zahlt. Die Studenten zahlen nicht. Der Staat zahlt. Also ist der Staat der Kunde. Er ist es letztlich, der beurteilt, ob er zufrieden ist mit dem, was für das Geld geliefert wird, das die Universität bekommt.

Was hat der Staat denn nun für sein Geld bestellt? Wenig Konkretes. Universitäten sollen irgendwie lehren und forschen, und es gibt ja auch das Grundgesetz und die Freiheit von Lehre und Forschung. Es ist vorgeschrieben, wie viel jeder lehren muss und wie viele Studenten die Universitäten aufnehmen sollen. Wie gut oder wie schlecht das geschieht, wird nicht wirklich geprüft. Was die Forschung anbetrifft, scheint es im Wesentlichen unerheblich zu sein, wie gut oder wie schlecht einzelne Professoren, Fakultäten oder Universitäten zum Beispiel in den Rankings dastehen.

Tatsächlich passiert etwas anderes. An der Universität begegnen sich die Wünsche und Vorstellungen von Professorinnen, Mitarbeitern, Sekretärinnen, Verwaltern oder Studentinnen. Einigt euch, sagt der Staat. Also gibt es jede Menge Kommissionen, besetzt in unterschiedlicher Stärke der verschiedenen Gruppen, die unterschiedliche – und jede für sich häufig wertvolle, aber letztlich doch widersprüchliche – Ziele verfolgen. Heraus kommt die deutsche Universität.

Der Staat darf das natürlich. Er ist der Kunde und hat das Sagen. Eine andere Frage ist, ob das eine gute Vorgehensweise ist. Der Staat ist ja nicht irgendwer. Der Staat: Das sind wir! Das Volk! Was wollen wir, was will ich, von meiner Universität? Als Bürger, der mit seinen Steuern dafür zahlt. Als Nutznießer der diversen Leistungen meiner Universität. Darüber – und genau darüber – brauchen wir eine längst überfällige Debatte.

Was wäre denn wünschenswert? Als Steuerzahler finde ich es wichtig, dass die Universität ihre Studenten gut ausbildet, die meisten in sinnvoller Weise auf eine lange, fruchtbare Berufslaufbahn außerhalb der Uni vorbereitet und eine geringere Anzahl auf eine Karriere in der Wissenschaft. Ich finde es wichtig, dass dort Forscher sitzen, die sich mit Energie darum kümmern, die drängenden Fragen zu untersuchen und dazu Beiträge zu liefern, die uns allen über kurz oder lang nützen. Was sind die drängenden Fragen? Auch darauf erwarte ich immer wieder frische Antworten, natürlich auch von den Universitäten. Und schließlich: Ja, ich möchte auch internationale Exzellenz. Je besser die Universitäten wissenschaftlich sind, umso besser ist das für meine Kinder als vielleicht zukünftige Studenten, und umso besser ist es für die Beantwortung der drängenden Fragen. Zudem möchte ich stolz sein auf meine Universität. Das geht aber nicht, wenn deutsche Universitäten fern abgeschlagen in den internationalen Rankings auftauchen.

Allerdings darf, wer einen Grand Cru bestellt, nicht den Hauswein-Preis erwarten. Das Budget pro Student der wirklich guten Universitäten in den USA übersteigt das Budget der deutschen Universitäten um mehr als das Zehnfache. Daran wird auch der „Exzellenzwettbewerb“ von Bund und Ländern kaum etwas ändern. Der Steuerzahler wird sich aber gut überlegen müssen, ob er wirklich deutlich mehr für die Hochschulen ausgeben will. Denn das hieße ja höhere Steuern oder schlechtere Straßen, weniger Polizei oder schlechtere Schulen, zum Beispiel. Deshalb sollten wir hier vorsichtig vorgehen. Exzellenz ist verdammt teuer. Mit dem Geld kann man auch viele andere gute Dinge tun. Ich finde aber, eine, zwei, vielleicht drei solche Universitäten könnte es in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker und einem der reichsten Länder der Erde, durchaus geben. Die Studenten sollten sich an den Kosten dafür beteiligen. Dann wären sie wie wir Steuerzahler Kunden und würden anders behandelt.

Trotzdem: Den Universitäten einfach das Geld überlassen, und mehr Autonomie dazu, das geht nicht. Natürlich kann auch nicht in unserem Interesse sein, die Universitäten detailliert zu reglementieren und sie sich dann in innerem Tauziehen verstricken zu lassen. Aber eine klare Bestellung, ein klarer Auftrag, klare und realistische Zielvorgaben – in Lehre und Forschung – müssen her. Unsere Universität muss sich unser Geld verdienen, indem sie den Auftrag erfüllt, den wir ihr geben.

P.S.: Ich gebe es zu, ich bin selbst Professor. Und als Professor hätte ich gerne mehr Geld und mehr Autonomie. Aber ich dachte, ich schenke Ihnen stattdessen einmal reinen Wein ein. Wir, das Volk, müssen entscheiden, was wir von unseren Universitäten wollen. Nicht wir, die Professoren.

Der Autor ist Professor am Institut für Wirtschaftspolitik der Humboldt-Universität.

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