Gesundheit : „Wir sorgen für Dampf in der Forschung“

Hans-Olaf Henkel bangt um die Zukunft der Leibniz-Institute

Thomas de Padova

Bundesforschungsminsterin Edelgard Bulmahn möchte die Leibniz-Gemeinschaft auflösen. Sie will deren 80 Institute einer der anderen Forschungsorganisationen „sachgerecht“ zuordnen oder den Ländern übergeben. 40 Institute im Osten Deutschlands wären davon betroffen, 13 davon in Berlin, darunter so unterschiedliche wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, das Institut für Kristallzüchtung oder das Institut für Zoo- und Wildtierforschung.

Viele der Ost-Institute sind aus der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR hervorgegangen, alle inzwischen mehrfach vom Wissenschaftsrat als förderungswürdig begutachtet worden. „Alle Institute haben eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", sagt Hans-Olaf Henkel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Das sei die Voraussetzung dafür, dass sich Bund und Länder an deren Finanzierung beteiligen. Besonders für die Institute im Osten wäre es „eine Katastrophe“, wenn die Gemeinschaft verschwinden würde und sie künftig allein durch die Länder finanziert werden müssten. Der deutschen Forschungslandschaft ginge damit ein wichtiger Wettbewerber verloren. „Wir sind sowohl grundlagen- als auch anwendungsorientiert und sorgen bei den anderen für Dampf", sagt Henkel.

Doch nach Bulmahns kürzlicher Ankündigung ist es seltsam still geblieben. Auf Unterstützung seitens der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft oder der Helmholtz-Gemeinschaft wartet Henkel vergeblich. „Die Kollegen der anderen Forschungsgemeinschaften schweigen sehr eloquent", sagt er. Ruhe vor dem Sturm?

Die mögliche Auflösung der Leibniz-Gemeinschaft steht im Zusammenhang mit einer Umstrukturierung der gesamten Forschungslandschaft. Die großen Verlierer sind dabei in den vergangenen Jahrzehnten die Universitäten gewesen. Sie spielen in der Forschung eine immer geringere Rolle.

„Derzeit geht die Schere zwischen den Finanzmitteln, die den Hochschulen beziehungsweise den außeruniversitären Einrichtungen für die Forschung zur Verfügung gestellt werden, immer weiter auseinander", sagt Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Es dürfe auf keinen Fall dazu kommen, dass die Unis am Ende nur noch für die Lehre und die außeruniversitären Forschungsinstitute nur noch für die Forschung zuständig sind.

Nach Ansicht von Karl Max Einhäupl, dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, „darf es kein Tabu mehr sein, darüber nachzudenken, ob einzelne außeruniversitäre Institute künftig an die Universitäten angegliedert werden". Ministerin Bulmahn hingegen sucht in dieser Situation nach einer Handvoll forschungsstarker „Elite-Universitäten“, die sie gezielt fördern will. Im Streit um die Kompetenzen zwischen Bund und Ländern möchte sie außerdem die Zuständigkeit für die Max-Planck-Gesellschaft (Grundlagenforschung), die Fraunhofer-Gesellschaft (angewandte Forschung), Helmholtz-Gemeinschaft (Großforschung) und DFG (Forschungsförderung) ganz übernehmen – die Leibniz-Gemeinschaft dagegen abstoßen.

Berlin ist das Bundesland mit den meisten Leibniz-Instituten. Mit dem Berliner Naturkundemuseum bemüht sich augenblicklich eine weitere Einrichtung um die Aufnahme in die Gemeinschaft, weil die Humboldt-Universität allein mit der Aufgabe, das Museum adäquat auszustatten und für die Öffentlichkeit attraktiv zu machen, überfordert ist.

Im Jahr 2002 flossen in die Berliner Leibniz-Institute seitens des Bundes und der Länder 125 Millionen Euro, hinzu kamen eingeworbene Drittmittel. Das Land Berlin hatte mit einem Anteil von 36 Millionen Euro den kleineren Teil der Kosten zu tragen. Ein gutes Geschäft für den Wissenschaftsstandort, befindet auch der Berliner Senat. Allerdings hat er bereits mit den jetzigen Ausgaben eine Grenze erreicht. Insbesondere wegen der Berliner Finanzmisere wurde der Etat der Berliner Institute inzwischen um 16 Millionen Euro zurückgefahren und liegt 2004 nur noch bei 109 Millionen.

Was aus den Instituten bei einer Auflösung der Gemeinschaft werden könnte, ist unklar. Es ist nur bei wenigen von ihnen vorstellbar, dass sie künftig die Namen Fraunhofer, Max-Planck oder Helmholtz tragen. Die meisten haben nicht das Profil dieser Organisationen. Sollen sie den Unis zufallen?

Bislang hat der Wissenschaftsrat noch keinen Auftrag erhalten, eine neue Aufteilung der Leibniz-Institute auf andere Forschungsorganisationen im Einzelnen zu prüfen. Und das wird er auch so schnell nicht tun. Zuvor geht es ihm darum zu begutachten, ob Bulmahns Vorschlag, die Leibniz-Gemeinschaft aufzulösen, als solcher für die Forschung sinnvoll wäre. Jürgen Kocka, Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), bezweifelt dies wie viele seiner Kollegen. „Die jetzige Konstruktion der Leibniz-Gemeinschaft ist optimal für eine Kooperation zwischen Universitäten und Forschungsinstituten“, sagt er. „Wir am WZB arbeiten ganz eng mit den Berliner Universitäten zusammen.“

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