Gesundheit : „Wir waren entschieden zu optimistisch“ Der Gynäkologe Horst Lübbert über Folgen für die Frauen

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HORST LÜBBERT

ist Gynäkologe und

Experte für

Hormonbehandlung an der Berliner Charité,

Campus Benjamin

Franklin.

Foto: Charité

Auch 2003 gibt es noch Frauenärzte, die ihren Patientinnen empfehlen, ein Hormonpräparat einzunehmen, sobald die „kritischen Jahre“ sich nähern. Wie finden Sie das?

Eine ganz klare Antwort: Wer keine Beschwerden hat, sollte keine Hormontherapie verordnet bekommen.

Ist diese Botschaft schon bei allen Ihren niedergelassenen Kollegen angekommen?

Sie dringt langsam vor.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel rät inzwischen sogar, nur noch in besonders schweren Fällen auf die Hormone zurückzugreifen. Wo fängt „schwer“ an?

Das kann die Frau selbst am besten einschätzen. Eine besonders wichtige Frage: Ist der Schlaf dadurch gestört? Viele Frauen geben an, dass sie nachts nach den Schweißausbrüchen klitschnass sind, dass sie aufstehen müssen, weil Bettlaken und Matratze feucht sind. In solchen Situationen ist oft eine Therapie erforderlich. Eine andere Gruppe klagt eher über Hitzewallungen, die sie tagsüber plötzlich überfallen. Entscheidend ist, wie die Frauen die Beschwerden einschätzen: Wie stark fühlen sie sich in ihrer Leistungsfähigkeit, in ihrem Lebensgefühl als Frau beeinträchtigt? Auf meine Frage: „Glauben Sie, das muss behandelt werden?“ bekomme ich meist eine klare Antwort. Wenn eine Frau findet, so könne es nicht weitergehen, muss man das ernst nehmen. Bei manchen Frauen steht dabei auch die Stimmung im Vordergrund, oder auch Gelenkbeschwerden. Andere Dinge, wie etwa die Trockenheit der Scheide, können gut mit einer Salbe oder einem Zäpfchen behandelt werden.

Und die pflanzlichen Östrogenpräparate?

In einer neueren Studie schnitten sie nicht besser ab als ein Scheinpräparat. Sie helfen allenfalls bei leichten Beschwerden.

Woran erkennt eine Frau, ob ihr Frauenarzt auf dem neuesten Stand ist?

Wenn ein Arzt Frauen ohne Beschwerden weiterhin empfiehlt, Hormone sicherheitshalber, etwa zur Vorbeugung gegen Herz und Knochenleiden, zu nehmen, oder wenn er einer Patientin, die keine Gebärmutter mehr hat, ein Kombinationspräparat mit Gestagenen verordnet, dann hat sie Grund, skeptisch zu werden.

Viele Frauen, die wegen Wechseljahresbeschwerden angefangen haben, Hormone zu nehmen und sich wohl fühlen, haben nun Bedenken, die Mittel weiter zu nehmen. Aber sie haben auch Angst vor einer Wiederkehr der Beschwerden. Was empfehlen Sie?

Sie sollten mit ihrem Gynäkologen über einen Auslassversuch sprechen. Vor allem wenn sie die Präparate schon Jahre nehmen, sollte das der Frauenarzt von sich aus vorschlagen. Es empfiehlt sich, dieses Absetzen in eine Zeit zu legen, die beruflich und privat nicht besonders belastend ist. Das „Ausschleichen“, also ein allmähliches Reduzieren der Dosis, ist heute meist schwierig, weil die Hormone schon in niedriger Dosis verordnet werden. Viele Frauen möchten bei dem Präparat bleiben, mit dem sie sich gut gefühlt haben. Tendenziell würde ich heute eher zu einem niedrig dosierten Pflaster raten.

Was raten Sie Frauen, die vor dem Ausstieg Angst haben?

Dafür gibt es keinen Grund: Wenn eine Frau merkt, dass ihr der Auslassversuch nicht gut bekommt, kann sie ja jederzeit wieder mit der Einnahme beginnen, auch schon nach zwei Wochen. Dann hat sie für sich mehr Klarheit und hat bewusst noch einmal neu entschieden. Aufgabe des Arztes ist es, die Frauen über die Risiken aufzuklären: Die WHI-Studie hat gezeigt, dass das Brustkrebs-Risiko vor allem nach fünf Jahren erhöht ist. Wegen des erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risikos müssen wir schon bestehende Risiken wie Rauchen, Diabetes, erhöhte Blutfett- und Blutdruckwerte abfragen. Wir raten Frauen in Abständen von ein bis zwei Jahren zu einem Auslassversuch.

Welche Forschungsfragen sind in Sachen Hormontherapie denn jetzt noch offen?

Für mich ist die große Frage, ob wir das Dogma noch stehenlassen können, das besagt: Frauen mit Gebärmutter brauchen ein Östrogen-Gestagen-Kombinationspräparat, um die Gebärmutterschleimhaut zu schützen. Daran wird nach der britischen Studie, die ein deutlich geringeres Brustkrebs-Risiko für die reinen Östrogenpräparate ergab, sicher gerüttelt werden. Vielleicht wird man Frauen mit Beschwerden sehr niedrig dosierte Östrogenpflaster geben und die Gebärmutter sorgfältig per Ultraschall überwachen, denkbar sind aber auch gestagenhaltige Spiralen oder Vaginalgels zur Ergänzung einer Östrogentherapie.

Was haben Sie und Ihre Kollegen durch die großen Studien der letzten Jahre gelernt?

Wir waren entschieden zu optimistisch, was die Hormontherapie in den Wechseljahren betraf.

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner.

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