Gesundheit : Wirbel um Elite-Wettbewerb

Entscheidet die Politik? Universitäten und DFG widersprechen Wissenschaftsberater Daniel J. Guhr

Amory Burchard,Tilmann Warnecke

Die Prognose des Wissenschaftsberaters Daniel J. Guhr zum Exzellenz-Wettbewerb hat heftige Reaktionen ausgelöst. In einem Interview mit dem Tagesspiegel (Montagsausgabe) hatte Guhr erklärt, dass die Humboldt-Universität voraussichtlich zur Elite-Universität gekürt werde, die Freie Universität Berlin in der dritten Fördersäule aber leer ausgehe – aufgrund von politischen Entscheidungen. Die Interessen von Bund und Ländern würden bei der Entscheidung über den Elite-Status eine größere Rolle spielen als die wissenschaftliche Qualität der Anträge. Der Präsident der Freien Universität, Dieter Lenzen, wies Guhrs Analyse auf Anfrage zurück: „Wir gehen weiterhin davon aus, dass im Wettbewerb ausschließlich wissenschaftliche Kriterien greifen werden.“

Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass politische Entscheidungen zugrunde gelegt werden, sagte Lenzen. Der bisherige Verlauf des Wettbewerbs sei „vorbildlich“. Im Übrigen werde die Freie Universität von vielen Seiten, insbesondere international, wertgeschätzt, „was sich jetzt ein weiteres Mal bestätigt“.

Tatsächlich hat Guhr, Geschäftsführer der Illuminate Consulting Group, einer international tätigen Wissenschaftsberatung mit Sitz in San Diego/Kalifornien und Berlin, der FU bescheinigt, „fraglos zu den zehn besten Unis in Deutschland“ zu gehören. Sie habe eine erfolgreiche internationale Ausrichtung, sei anderen weit voraus mit Reformen der Verwaltung oder im E-Learning. Allerdings rechnet Guhr damit, dass allein die HU vom Bund als Elite-Uni gesetzt sei und die FU nicht die nötige politische Unterstützung erhalten werde. Unter den Ländern sei Berlin isoliert – wegen der rot-roten Landesregierung, „die keinerlei Interesse an konstruktiver Bildungspolitik zeigt“. Ohne Elite-Status werde der Berliner Senat der FU noch mehr Geld abziehen und damit „einen Spiralprozess nach unten in Gang bringen“.

Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linkspartei) wies diese Äußerung als „sehr unseriös“ zurück. Durch die Hochschulverträge sei bereits festgelegt, wie hoch der Zuschuss für die FU bis 2009 sei. Dass ein Scheitern der FU im Elite-Wettbewerb der Anfang vom Ende der Dahlemer Uni sei, halte er für „Panikmache“, der er sich nicht anschließen wolle. Er werde sich bei der Schlussabstimmung allein nach den festgelegten Qualitätskriterien richten, sagte Flierl.

Die Humboldt-Uni, die für ihre Anträge im Exzellenz-Wettbewerb von der Illuminate Consulting Group beraten wurde, will sich aufgrund von Guhrs Analyse von dessen Firma trennen. „Die Zusammenarbeit wird unter keinen Umständen fortgesetzt“, sagte Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität. Die Äußerungen Guhrs entsprächen „insbesondere in ihren Wertungen nicht dem Grad an wissenschaftlicher Seriosität, der für unsere Universität charakteristisch ist“.

Die Humboldt-Uni habe für die Zeit zwischen dem 1. September und 15. Oktober 2005 einen Vertrag mit Guhr gehabt und sich bei ihrem Antrag für die wichtige dritte Säule des Wettbewerbs beraten lassen, in dem bis zu zehn Elite-Unis gekürt werden. Im September und Oktober bereiteten die Unis deutschlandweit ihre Antragsskizzen für den Wettbewerb vor, über die am 20. Januar die erste Vorentscheidung getroffen wird. Dass die Universitäten sich im Elite-Wettbewerb von Wissenschaftsberatern helfen lassen, „ist nach meinem jetzigen Eindruck ein übliches Verfahren", sagte Markschies, der zum 1. Januar das Amt des HU-Präsidenten übernommen hat.

Dass in der Endrunde des Wettbewerbs politische und nicht wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag für die Entscheidung im Elite-Wettbewerb geben könnten, hält Markschies für ausgeschlossen. Die HU habe auch kein Interesse daran, dass die „notwendige Profilierung der Berliner Hochschullandschaft auf Kosten anderer Einrichtungen“, also der FU und der TU, geschehe.

Der Soziologe und Eliteforscher Michael Hartmann von der TU Darmstadt verteidigt Wissenschaftsberater Guhr: „Seine Analyse ist mutig, und sie ist notwendig.“ Wie sehr wissenschaftspolitische Entscheidungen in Deutschland politischen Einflüssen unterlägen, werde am Berliner Beispiel in der Tat besonders deutlich: „Nach Qualitätsmaßstäben gibt es keinen Grund, warum die Freie Universität im Exzellenz-Wettbewerb geringere Chancen haben sollte als die Humboldt-Universität“, sagt Hartmann. Trotzdem werde die HU in öffentlichen Rankings und Stellungnahmen im Gegensatz zur FU fast immer als sichere Kandidatin genannt. Die HU sei eben schon von der alten Bundesregierung zur Eliteuni erklärt worden und zehre von ihrem großen Namen. Wobei allerdings vergessen werde, dass sie den in der DDR-Zeit erhielt. Auch die Entscheidungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft über Projektanträge würden nicht immer nur nach rein wissenschaftlichen Kriterien getroffen.

Die DFG, die den von Bund und Ländern ausgelobten Wettbewerb gemeinsam mit dem Wissenschaftsrat durchführt, verwahrt sich gegen Guhrs Vorwurf, dass im Exzellenz-Wettbewerb politische Entscheidungen und nicht Qualitätsmaßstäbe entscheidend seien. „Das Ganze ist ein rein wissenschaftsgesteuertes Verfahren, das die Politik in die Hände der DFG und des Wissenschaftsrats gelegt hat und das die DFG nach ihren Regeln durchführt“, sagte Eva-Maria Streier, Sprecherin der Forschungsgemeinschaft. Karl Max Einhäupl, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, wollte keine Stellungnahme abgeben. Der Wissenschaftsrat werde sich bis zum 20. Januar, dem Tag der Vorentscheidung, nicht zu dem Verfahren äußern.

„Volles Vertrauen in den Wissenschaftsrat und die DFG“ äußert der Präsident der Technischen Universität Berlin, Kurt Kutzler. Ihm sei auch gestern noch einmal vom Wissenschaftsrat versichert worden, dass für beide Institutionen „ausschließlich wissenschaftliche Kriterien“ gelten. Er hoffe nach wie vor, dass die TU gute Chancen auf Förderung im Wettbewerb habe, und wünsche das Gleiche auch HU und FU, sagte Kutzler. Die TU Berlin hatte Daniel Guhr für „chancenlos“ in der dritten Förderlinie erklärt. Die Hochschule habe lediglich „starke Bereiche“.

Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel betont, die Exzellenz-Initiative sei ein Wettbewerb der deutschen Universitäten, „der allein nach Qualität und nicht nach regionalen, politischen oder parteibezogenen Gesichtspunkten durchgeführt wird“. Dies gelte auch für die dritte Säule des Wettbewerbs, zu der nur solche Hochschulen zugelassen sind, die sich bereits in den ersten beiden Säulen durchgesetzt haben. „Die Auswahl erfolgt durch einen Ausschuss, in dem die Wissenschaftler mehr Stimmen als die Politiker haben. Schon von daher geht die Annahme fehl, es werde politisch entschieden“, erklärte Goppel. Die Hochschulen, die sich für die dritte Säule bewerben, würden zudem politikfern und anhand von Exzellenzkriterien im Rahmen einer gemeinsamen Kommission beurteilt.

Aus dem hessischen Wissenschaftsministerium hieß es, dass die Qualität der TU Darmstadt, des einzigen hessischen Bewerbers für die dritte Säule, „für sich sprechen würde“. Spekulationen über politische Unterstützung für Darmstadt seien deswegen unsinnig.

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