Gesundheit : Wird schon schief gehen

Schwarzseher passen nicht in die heutige Spaßgesellschaft – doch Pessimismus ist für manche eine nützliche Strategie, das Leben zu bewältigen

Rolf Degen

In einer Kultur, die vom Leitbild des positiven Denkens schwärmt, steht der Pessimist als schwarzer Peter da. Während der Optimist die Welt durch eine rosarote Brille sieht, nimmt der Schwarzseher in jeder Situation die schlimmstmögliche Entwicklung wahr. Neue Forschungsergebnisse aber legen den Schluss nahe, dass pessimistisches Denken durchaus auch eine nützliche Strategie sein kann, die bestimmten Menschen einen konstruktiven Umgang mit Herausforderungen erlaubt.

Die psychologische Forschung hat zahlreiche Beweise dafür angehäuft, dass ein sonniges Gemüt Menschen in verschiedenen Bereichen günstigere Ausgangsbedingungen beschert. Optimisten haben ein höheres Wohlbefinden und kommen mit vielen Herausforderungen des Lebens besonders gut zurecht. Sie können besser schwere chronische Krankheiten wie Krebs oder Aids bewältigen, und sie sind auch stärker gegen belastende Lebensereignisse gefeit.

Schädliche Entgleisung

Wenn Optimismus immer nur Vorzüge hat, kann Pessimismus im Grunde nur eine schädliche Entgleisung sein, gibt Julie Norem, Psychologin am Wellesley College in Massachusetts zu bedenken. Dann müsste man tunlichst versuchen, jeden Pessimisten als Fehlentwicklung „umzupolen“.

Und in der Tat legen es in unserer Gesellschaft viele Psychotherapeuten, Motivationstrainer und andere Experten darauf an, notorischen Schwarzsehern den Segen des positiven Denkens einzubläuen. Doch möglicherweise treibt man so den Teufel mit dem Belzebub aus, weil der Pessimismus häufig eine heilsame Methode der Selbstkontrolle darstellt.

Nach empirischen Erhebungen praktizieren viele Menschen eine Form der Schwarzseherei, die Norem als „defensiven Pessimismus“ bezeichnet. Obwohl diese Menschen bei früheren Gelegenheiten ganz gut abgeschnitten haben, gehen sie mit den niedrigsten Erwartungen an neue Herausforderungen heran. Durch dieses „Herunterhängen der Latte“ decken sie sich vorsorglich gegen die befürchtete Niederlage ab. Sie können erst dann effektiv nachdenken und organisieren, wenn sie ihre Angst unter Kontrolle haben. „Dafür müssen sie mit dem Schlimmsten rechnen, alle Notfälle durchdenken und anstrengende Fantasien durchleben, um dann in den Prozess der effektiven Planung eintreten zu können.“

Optimisten rechnen von vorneherein mit dem bestmöglichen Ausgang; sie gehen einer mentalen Auseinandersetzung mit den verschiedenen denkbaren Entwicklung aus dem Weg. Bei ihren experimentellen Untersuchungen kam die Psychologin zu dem Ergebnis, dass die beiden charakterlichen Antipoden ihre Ziele am besten erreichen, wenn man ihnen ihre persönliche Methode der Problembewältigung lässt.

Den Versuchspersonen wurden im Labor die unterschiedlichsten Aufgaben gestellt. Die einen sollten mathematische „Kopfnüsse“ knacken, die anderen beim Werfen von Wurfpfeilen möglichst hohe Punktzahlen erzielen.

Defensive Pessimisten schnitten unter allen Bedingungen am besten ab, wenn sie sich in den grellsten Farben die verschiedenen denkbaren Formen des Scheiterns ausmalten. Optimisten holten dagegen durch die „Verdrängung“ solcher abwegigen Gedanken das beste aus sich selbst heraus. Auf sich selbst und ihre eigene Form der Psychohygiene gestellt, brachten die beiden Gegentypen gleich gute Leistungen hervor.

Allerdings waren die Optimisten mit sich selbst zufriedener und legten ein höheres Wohlbefinden an den Tag. So gesehen könnte man immer noch argumentieren, dass der Optimismus die anstrebenswertere Form der Lebensführung darstellt, meint Norem.

Diese Folgerung lässt aber einen wichtigen Tatbestand außer Acht: „Es ist durchaus machbar, defensive Pessimisten aufzuhellen – sie in positive Stimmung zu versetzen –, genau so wie man Optimisten in schlechte Stimmung versetzen kann. Aber überraschenderweise verschlechtert gute Laune die Leistung defensiver Pessimisten und lässt bei ihnen keine Zufriedenheit zurück.“ Bei den Optimisten zieht dagegen schlechte Laune das Endergebnis in Mitleidenschaft.

Die emotionale Verfassung der defensiven Pessimisten wurde unter anderem dadurch aufgehellt, dass man versuchte, in ihnen positive Vorstellungen zu erwecken – ein Technik, die auch Sportpsychologen bei Leistungssportlern anwenden. Die Visualisierungen heiterten die Schwarzseher merklich auf. Aber zugleich tat es leider auch ihren Testergebnisse Abbruch. So trafen die aufgemunterten Pessimisten mit ihren Wurfpfeilen häufiger am Ziel vorbei.

Maßgeschneiderte Medizin

Der gut gemeinte Versuch, Pessimisten zu ihrem eigenen Vorteil „umzukrempeln“, ist also vermutlich häufig zum Scheitern verdammt. Wer aus Pessimisten Optimisten machen will, verkennt einfach, dass viele davon ein ängstliches Naturell besitzen, dass mit Hilfe des Pessimismus unschädlich gemacht wird.

Der defensive Pessimismus zahlt sich nicht nur bei unbedeutenden Laboraufgaben aus, stellt die Psychologin fest. Er leistet den Betreffenden auch bei der Bewältigung entscheidender Lebensherausforderungen gute Dienste. Ängstliche Studenten, die diese Form der Problembewältigung wählten, waren nach einigen Jahren zufriedener, erzielten bessere Leistungen und hatten einen engeren Freundeskreis als gleich ängstliche, denen diese Form der Selbstkontrolle nicht zur Verfügung stand.

Unsere Gesellschaft schaut eher geringschätzig auf Pessimisten herab. Ihr Held ist der strahlende Optimist. Dabei übersehen wir, dass der Pessimismus gar keine Krankheit ist, sondern eine maßgeschneiderte Medizin, mit denen sich manche von uns besser durchs Leben schlagen.

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