Gesundheit : Wissen im Netz: Neue Serie: Wie gehen unterschiedliche Disziplinen mit dem Internet um?

Sibylle Salewski

Sokrates philosophierte öffentlich auf dem Marktplatz von Athen. Er verstand sich als Geburtshelfer, der in "sokratischen Gesprächen" das, was die Menschen eigentlich schon immer wussten, ans Tageslicht brachte. Heute sind Marktplätze als Kommunikationsforen verschwunden. Aber es gibt das Internet. Weltweit kann sich im Cyberspace jeder mit jedem treffen, Informationen austauschen, suchen oder hineinstellen. Haben sich die Philosophen der Gegenwart also im Netz angesiedelt und diskutieren an virtuellen Orten die Probleme der Metaphysik?

Ein Blick auf die Philosophie im Internet wird einen zunächst einmal auf die Homepages der philosophischen Institute führen. Fast alle praktischen Informationen über das Philosophie-Studieren an deutschen und ausländischen Universitäten können Studierende im Netz finden: Adressen und Telefonnummern, aktuelle und alte Vorlesungsverzeichnisse, Studienordnungen. Meist stellen sich Professoren und Lehrende mit Kurzbiographien und Forschungsschwerpunkten vor. Gerade letzteres ist für Studierende interessant: "Professorenportraits und die Selbstdarstellung der Institute, das sind die Philosophie-Angebote im Netz, die ich wirklich nutze," meint Witold Grzelak, der im 4. Semester Philosophie an der FU studiert.

Als er vor einem Semester von Tübingen nach Berlin wechselte, hat Witold Grzelak sich im Internet über mögliche neue Studienorte informiert - aber vor allem über die dort lehrenden Dozenten. Wenn Philosophen aus aller Welt auf ihren eigenen Homepages Bibliographien, veröffentlichte und noch nicht auf Papier veröffentlichte Aufsätze zugänglich machen, wird das Netz auch für fortgeschrittene Studierende zum wichtigen Studienmittel. "Die Informationen, die sich im WWW über lebende Philosophen sammeln lassen, finden sich meist in keiner Bibliothek," sagt Student Jörg Ossenkopp, der drei Jahre lang den Webauftritt des Philosophischen Instituts der FU Berlin betreut hat.

Traditionell elitär

Allerdings sträuben sich noch viele Philosophieprofesssoren dagegen, von E-Mail und Internet Gebrauch zu machen, wie der Medien-Philosoph Mike Sandbothe beklagt. Sandbothe lehrt in Jena und beschäftigt sich seit fünf Jahren philosophisch mit dem Thema. Dabei geht es ihm nicht nur darum, die Medienphilosophie als theoretische Disziplin ernst zu nehmen. Er verweist auch auf die praktischen Veränderungen, die das Fach Philosophie und die Wissenschaft insgesamt durch das zunehmende Gewicht der neuen Medien erfahren. "Die Philosophie hat traditionell ein sehr elitäres Selbstverständnis. Noch immer herrscht bei vielen das Bild des in sich gekehrten Philosophen vor, der jenseits aller sinnlich-medialen Affektion Wahrheiten erschaut." Doch gerade die medienscheuen Philosophen müssen nach Sandbothes Ansicht die Chance ergreifen, die das Internet bietet: "Dadurch, dass Informations- und Kommunikationswege im Netz erheblich verkürzt und für alle zugänglich gemacht werden, entsteht die Möglichkeit, das Fach grundlegend zu demokratisieren."

Sind zum Beispiel noch nicht auf Papier veröffentlichte Artikel im Internet zugänglich, dann erhalten auch Studierende und Philosophen am Anfang ihrer Karriere auf unkomplizierte Weise Zugang zu aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen. Zu speziellen Themen und zu den meisten wichtigen Philosophen - von Platon bis Foucault - gibt es auch Mailinglisten. Die Studierenden und Dozenten nutzen sie als virtuelle Foren, in denen sie elektronisch bewusstseinsphilosophische Rätsel oder transzendentalpragmatische Argumentationsmuster diskutieren.

Doch wer im Internet versucht, über die gängigen Suchmaschinen wissenschaftlich relevante Philosophieseiten zu entdecken, wird rasch aufgeben. Eine reguläre Suchanfrage zu Sokrates liefert bei Altavista 30 920 Einträge, von denen die meisten mit dem Philsophen selbst nichts zu tun haben. Fachspezifische Suchmaschinen wie Hippias und PhilSearch versuchen, sich dieses Problems anzunehmen. Ein Redaktionsteam wählt diejenigen Seiten aus, die überhaupt berücksichtigt werden. Dadurch soll ein höherer wissenschaftlicher Qualitätsstandard gesichert werden. Doch selbst mit PhilSearch und Hippias findet man oft nicht das, was man sucht.

Die Portal-Seite Deutscher Philosophieknoten, die aus einem Internetprojekt des Philosophischen Instituts der Universität Hamburg hervorgegangen ist, bietet eine Bündelung philosophisch interessanter Seiten im deutschsprachigen Raum. Allerdings gilt auch im Fach Philsophie, dass die interessantesten wissenschaftlichen Webseiten aus dem englischsprachigen Raum kommen. Die Amerikaner, die zur Zeit die Stanford Encyclopedia of Philosophy aufbauen, achten vor allem auf das hohe wissenschaftliche Niveau der Beiträge und verweisen auf Links zu weiteren relevanten Websites. Online Nachschlagewerke wie dieses bieten eine Aktualität, die von gedruckten Werken niemals erreicht werden kann.

Fragwürdige Quellen

Trotz dieser Bemühungen, bleibt das Problem der meisten Internetquellen ihre wissenschaftliche Verlässlichkeit. "Es ist gerade der Witz des Netzes, unzensierte und meist eben auch ungefilterte Informationen zu bieten", erläutert die Berliner Philosophin Sybille Krämer das Problem. Zu Krämers Forschungsschwerpunkt gehören auch die neuen Medien. "Ich sehe da Gefahren - Gesellschaftlichkeit besteht in der Wissenschaft gerade darin, sich auf das Urteil anderer verlassen zu können." Im Netz, so Sybille Krämer, sei eine Vorauswahl, wie sie bei den herkömmlichen Publikationsweisen gegeben sei, aber nicht mehr gewährleistet.

Krämer betont zwar, dass durch das Internet die Wege der Material und Literaturbeschaffung verkürzt werden, sie ist jedoch skeptisch in Bezug auf die Möglichkeit, tatsächlich im Netz zu philosophieren: "Philosophisches Argumentieren ist an die Linearität der Schrift gebunden. In Hypertexten werden Gedankenverbindungen auf eine völlig andere Art hergestellt." Das Verfolgen zahlloser Links könne das Argumentationspotenzial der Philosophie schwächen. Als akademische Disziplin, prognostiziert die Professorin, wird die Philosophie an das Buch gebunden bleiben. Um einen philosophischen Gedankengang zu entwicklen, bedarf es zudem der Ruhe. "Genau diese Ruhe wird durch zu viel Kommunikation aufgefressen."

Krämer hat dennoch versucht, in ihren Seminaren das Internet einzusetzen. Von dem Ergebnis dieses Experimentes ist sie allerdings weniger überzeugt: "Der Einsatz des Internets hat als Selektionsmechanismus gewirkt. Nicht alle Studierenden hatten die notwendige Ausrüstung oder die technische Kompetenz." Im Gegensatz zu Krämer hat der Philosoph Sandbothe in Jena gute Erfahrungen mit dem Einsatz des Internets in seinen Seminaren gemacht. Sandbothe lässt zu jeder Seminarsitzung Thesenpapiere anfertigen, die auf die Webseite des Philosophischen Instituts in Jena gestellt werden. "Dadurch lernen die Studierenden auch, was mit der Veröffentlichung eines eigenen Textes alles einhergeht."

Wie sehr sich das Philosophieren im elektronischen Zeitalter verändern wird, ist noch nicht abzuschätzen. Als Disziplin, die die Grundlegung sämtlicher Wissenschaft in sich enthalten will, wird sich die Philosophie theoretisch sicherlich verstärkt mit dem Internet auseinander setzen - inwieweit die Philosophen ihre Gedanken dabei aber auch selbst im Netz entwickeln und austauschen werden, wird sich erst zeigen. Die Medien-Philosophin Krämer hat diese Frage für sich schon beantwortet: "Ich philosophiere zwar über den Einfluss der Computer, aber ich habe kaum Zeit, sie zu benutzen."

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