Gesundheit : Wissenschaft alsDekor der Macht

Bündnis mit Eigennutz: Die Politik umgibt sich mit Experten

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Von Thomas de Padova

Wie sich Biologie und Politik doch gleichen: Der Sieger ist nicht zwangsläufig Sieger und der Verlierer nicht zwangsläufig Verlierer. Es geht nicht unbedingt um Verbesserungen, intelligentere Lösungen oder höhere Anpassungsfähigkeit. Erfolg und Misserfolg sind oft nur im historischen Kontext zu verstehen. Irgendein dummes Ereignis – und die Karten der Evolution werden neu gemischt. Ein Meteoriteneinschlag – und ein Dinosaurier wie Jürgen Möllemann verschwindet.

Wissenschaft und Macht: Die Verflechtung von beiden war Thema der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte bei ihrer diesjährigen Versammlung in Halle. Denn Wissenschaft vermag die Welt ebenso zu verändern wie die Politik. Darüber waren sich das Podium und die mehr als 200 Wissenschaftler im Auditorium am Wahltag einig.

Erfindungen und Entdeckungen eröffneten permanent neue Handlungsoptionen, sagte Manfred Erhardt, der Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Ihre Neuerungen, von der Dampfmaschine bis zur Pille, durchdringen die ganze Gesellschaft. Den Wissenschaftlern bereitet dieser immer schnellere Wandlungsprozess Kopfschmerzen. Wirtschaft, Politik und Medien zerren an ihren Gedanken, die noch so unschuldig schienen, als es nur um eine Schau der Natur ging. Jetzt verstricken sie sich im Spiel der Mächte.

Die Wissenschaft hat sich ihre Macht schon vor 400 Jahren selbst ins Haus geholt: die des Experiments. Das Experiment erlaubt es dem Forscher nicht nur, hinter seine Versuchsanordnung zurückzutreten und die Fakten sprechen zu lassen. Erst mit dem Experiment sei auch die Allianz zwischen Wissen und Ingenieurskunst möglich geworden, sagte Carl Friedrich Gethmann, Direktor der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Wissenschaft sei seither immer auch Ingenieurskunst. „Sonst gäbe es keine Labors.“

Experimentelle Wahrheitssuche

Das Experiment hat die Suche nach Wahrheit und nach Verlässlichem erleichtert. Im Labor ist es vergleichsweise einfach, objektiv zu sein. Zwar muss auch hier jedes Ergebnis tausend Prüfungen standhalten, um als zuverlässig zu gelten. Aber gerade darin liegt eine der größten Errungenschaften der modernen Forschung: Dass die Wissenschaftler ihre Fragen auf internationaler Bühne kontrovers diskutieren. Sie kontrollieren nach Möglichkeit alles, was andere herausgefunden haben, um sich erst dann über die Ergebnisse zu einigen. Das Schlimmste, was einem Forscher passieren kann, ist wohl, dass die Gemeinschaft seine Ergebnisse als unwürdig erachtet, diskutiert zu werden.

Die Wissenschaft bleibt aber nicht auf solche Labornetzwerke beschränkt. Forscher geben ihre einmal hervorgebrachten Erkenntnisse weiter. Sie sehen sich daher zunehmend mit der Aufgabe konfrontiert, Nutzen und Risiken abzuwägen und mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Und plötzlich muss sich der Wissenschaftler noch mehr vor Verallgemeinerungen hüten als im Kreise seiner Kollegen. Er muss neue Situationen und Verhältnisse in seine Überlegungen einbeziehen. Denn nun geht es nicht mehr so sehr um die Wahrheit seiner Ergebnisse, sondern um Fragen der Moral.

Nicht an sich gut

Angesichts von Hiroshima und Tschernobyl habe sich in der Bevölkerung die Einsicht durchgesetzt, „dass Wissenschaft nicht per se gut ist“, sagte Gethmann. Auch sie legitimiere sich letztlich durch humanitäre Zwecke. Und nicht zuletzt dadurch kommt es zu einer immer stärkeren Verknüpfung von Wissenschaft und Politik. Wissenschaftler greifen heute direkt in politische Prozesse ein. Sie veröffentlichen zum Beispiel Erkenntnisse zu Schadstoffen, die die Umwelt belasten, oder zu Futtermitteln, die verunreinigt sind.

„Hier haben die Wissenschaftler eine ganz besondere Verantwortung“, sagte Manfred Gentz, Vorstandsmitglied der DaimlerChrysler AG. Immer häufiger üben Wissenschaftler ihre Macht auch als Politikberater aus. Die Politik setzt ständig neue wissenschaftliche Beratungsgremien ein. „Es steigt nicht nur der Bedarf an wissenschaftlichen Experten, sondern auch der Bedarf an wissenschaftlichem Dekor“, wie es Manfred Erhardt ausdrückte und dafür Applaus erntete.

Die Vielfalt der Beratungsgremien ist unüberschaubar. Und es sei nicht mehr transparent, wer warum in welche Gremien berufen werde, sagte Carl Friedrich Gethmann. Die Politik suche sich ihre Berater selbst aus. Und sie sei an einer Unparteilichkeit des wissenschaftlichen Urteils manchmal gar nicht interessiert. Im Gegenteil: „Da gibt es CDU-Wissenschaftler und SPD-Wissenschaftler.“ Die Sitze in den Beratungsgremien müssten von Seiten der Wissenschaft selbst gestellt werden, forderte Gethmann.

Dazu bedürfe es geeigneter Gremien innerhalb der Wissenschaft. Denn auch die Wissenschaftler selbst verfahren sehr großzügig mit ihrer eigenen Sachkunde. Ins Zentrum der Macht gerückt, fragen sie nicht mehr nach anderen Experten, deren Standpunkt bei der erörterten Frage eigentlich auch zu berücksichtigen wäre. Das Bündnis aus Wissenschaft und Politik ist enger geworden.

Als am Abend nach der Diskussion die erste Hochrechung auf die Leinwand im Auditorium Maximum projiziert wurde, sprangen einige Wissenschaftler von ihren Sitzen auf: hier die CDU-Wissenschaftler, die sich über die Genesung ihrer Partei freuten, dort die SPD-Wissenschaftler, die die rot-grüne Mehrheit bestätigt sahen. Nur FDP-Wissenschaftler gab’s in Halle anscheinend nicht. Vielleicht war auch ihr Verschwinden auf eine wie auch immer geartete Anpassung zurückzuführen.

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