Gesundheit : Wissenschaft auf dem Weg zur Anwendung

Adelheid Müller-Lissner

„Was den Krebs betrifft, so erleben wir eine ungewöhnliche Situation: Einerseits sind die neuen Erkenntnisse begeisternd. Andererseits gibt es keinen entscheidenden Durchbruch bei der Behandlung.“ Das sagte Otmar Wiestler, frisch berufener Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, beim diesjährigen Krebskongress in Berlin.

Als Schwerpunkt der Grundlagenforschung nennt er die Untersuchung der Ähnlichkeit von Tumorzellen mit Stammzellen. Letztere können vielfältige Aufgaben erfüllen. Auch Krebszellen sind vielgestaltig, obwohl sie aus einer einzelnen veränderten Zelle hervorgegangen sind. Sie nehmen mit anderen Zellen Kontakt auf und können lange Zeit in Nischen des – vermeintlich geheilten – Organismus schlummern. „Eine große Zahl von Tumorerkrankungen geht wahrscheinlich aus Stammzellen hervor, die Defekte erlitten haben“, sagte Wiestler.

Viele Hoffnungen knüpfen sich an die Forschung zum programmierten Zelltod. Tumorzellen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu wenig Neigung zum Absterben haben. Bernd Gillesen von der Berliner Robert-Rössle-Klinik stellte neue Erkenntnisse zur Steuerung des programmierten Zelltods vor. Seine Kollegin Ulrike Stein, die zudem am Berliner Max-Delbrück-Centrum tätig ist, sprach über das Gen Metastasin, das bei der Bildung von Krebsabsiedlungen (Metastasen) eine Rolle spielt. Das neu identifizierte Gen kommt deshalb als Angriffspunkt für die Therapie in Frage.

Kommen aber die theoretischen Erkenntnisse auch möglichst schnell den krebskranken Menschen zugute? In der Krankheitserkennung ist dies eher der Fall als in der Behandlung. Wiestler nannte als Beispiel das Oligodendrogliom, einen Hirntumor: Die Art der Chromosomenveränderungen gibt Aufschluss darüber, ob eine Chemotherapie besser oder schlechter anschlagen wird.

„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem eine Übertragung von Forschungsergebnissen in die Anwendung realistisch wird“, meint Wiestler. Doch hapere es noch am dafür nötigen Austausch. „Translational Research“, übersetzende Forschung, so hieß auf dem Kongress das Zauberwort für den engen Kontakt zwischen Labor und Klinik oder Praxis. „Wenn wir das umsetzen, geht ein Ruck durch die deutsche Krebsforschung“, prognostizierte Klaus Höffken, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.

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