Wissenschaft : Chinas junge Forschergarde

Die Aufholjagd in den Labors hat begonnen: Nur die USA investieren mehr Geld in Forschung und Entwicklung

Hartmut Wewetzer

Die steinernen Löwen fletschen die Zähne. Grimmig empfangen die beiden Torwächter die Besucher aus dem Westen. Sie stehen am Eingang der Tsinghua-Universität. Vorbei an den Löwen kommt man durch ein Atrium in den Präsidialbereich der Hochschule, ein Pavillon in traditionellem chinesischen Stil, dunkel getäfelt und ornamentiert, gelegen in einem kaiserlichen Garten.

Der konservative Eindruck täuscht. Die Pekinger Hochschule gehört zu den besten und modernsten Chinas. Der Campus der Hochschule ist technisch auf dem neuesten Stand. Ein Bus mit Brennstoffzellen-Antrieb bringt die Besucher zum Rechenzentrum der Universität, an dem die elektronischen Fäden des chinesischen Wissenschaftsnetzes Cernet zusammenlaufen. Und zu Chinas erstem Niedrigenergie-Testgebäude. Hier werden neue Systeme zur Energieeinsparung aus aller Welt geprüft.

An Hochschulen wie der Tsinghua-Universität wird eine Nachricht verständlich, die dieser Tage von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verbreitet wurde: China wird 2006 erstmals mehr als Japan für Forschung und Entwicklung ausgeben. Rund 136 Milliarden Dollar wird das Land in diesem Bereich bis zum Ende des Jahres investiert haben (Japan: 130). Nur die USA sind mit 330 Milliarden vorerst uneinholbar.

Wissenschaft dient auch im Schwellenland China nicht der reinen Erkenntnis, sondern soll der Wirtschaft auf die Beine helfen. Weg von Billig- und Nachahmerprodukten, weg von der verlängerten Werkbank. Hin zu einem Land, in dem tatsächlich neues Wissen und neue Produkte entstehen. Dafür spielt die Forschung eine entscheidende Rolle.

Aufbruchstimmung, Selbstvertrauen und Hoffnung auf die Zukunft sind vielerorts in den Labors und Hochschulen Chinas zu spüren. So wie im Bio-X-Zentrum der Jiaotong-Universität in Shanghai. Die Flure des Laborgebäudes sind mit Postern geschmückt, auf denen die Forschungsergebnisse dargestellt werden. Ein Plakat zeigt das mehr als 60-köpfige Forscherteam. Keiner scheint älter als 30 zu sein. Auf dem Plakat steht die Losung: „Versuche, weltweit anerkannte erstklassige Arbeit zu machen.“ Und darunter: „Wir machen Fortschritte. Wir sind dabei, es zu schaffen.“

Guang He ist 30 und Professorin am Bio-X-Zentrum. Ihr Fachgebiet sind die genetischen Grundlagen der Schizophrenie. Aber an diesem Vormittag hat sie sich etwas Zeit genommen, um die Gruppe deutscher Journalisten durch die Labors zu führen. „Die Ausstattung ist auf dem neuesten Stand“, sagt die zierliche Frau. Es sind Roboter zur Entzifferung von Erbsubstanz. Guang He ist in Eile, hat vermutlich schon die nächste Veröffentlichung in Fachblättern wie „Molecular Psychiatry“ im Blick.

Prestige durch Publikationen in internationalen Fachzeitschriften ist auch in China inzwischen entscheidender Maßstab. Die Grundlagenforschung wird mittlerweile ebenso ernst genommen wie die angewandte, auf den Nutzen ausgerichtete Forschung. Obwohl Bio-X mit der Pharmafirma Astra-Zeneca zusammenarbeitet, ist die Suche nach Erbanlagen, die psychische Krankheiten hervorbringen können, vorerst L’art pour l’art. Aber die Erkenntnisse können die Grundlage zukünftiger Produkte sein, vielleicht von Medikamenten. China will dabei sein.

Das Jahr 1978 brachte für die chinesische Wissenschaft die Wende. Bis dahin war die Forschung abgeschirmt und nach sowjetischem Muster an der Akademie der Wissenschaften zusammengefasst. Dieses System wurde reformiert: die Akademie verkleinert, Institute geschlossen und die Forschung an den Unis wieder aufgebaut. Wettstreit um staatliche Fördermittel nach westlichem Vorbild wurde eingeführt. Nach langem Dämmerschlaf hat die Aufholjagd begonnen.

Das Maß aller Dinge sind auch für die chinesischen Forscher inzwischen die USA. Der Ruf „Wir werden das Harvard der Zukunft sein!“ ist ernst gemeint, auch wenn der Weg noch weit ist. Seit vielen Jahren gehören chinesische Forscher in den USA zu den besonders erfolgreichen. Die chinesische Regierung versucht, ihre Wissenschaftler aus Amerika zurückzuholen. Mit wachsendem Erfolg.

Eine von den Rückkehrern ist die Pekinger Stammzellforscherin Li Wang, 32. Sie studierte in China und forschte dann an der Universität von Connecticut, ehe sie an das 2000 gegründete Stammzell-Zentrum der Universität Peking wechselte. Anders als in Deutschland wird in China die Forschung an embryonalen Stammzellen von der Regierung sehr gefördert. Wang hat mit Hilfe von nicht mehr benötigten „überzähligen“ Embryonen einer Klinik für künstliche Befruchtung selbst embryonale Stammzellen hergestellt. In Deutschland würde sie dafür ins Gefängnis kommen. „Stammzellen zu importieren war uns einfach zu teuer“, sagt sie. „Das hätte 5000 Dollar pro Reagenzglas gekostet.“

Zehn bis 20 neue Stammzell-Linien gebe es in China, schätzt die Wissenschaftlerin. Mit diesen wandlungsfähigen Zellen kann man Prozesse der Krankheitsentstehung studieren, Medikamente testen oder neue Therapien entwickeln.Li Wang untersucht die Entwicklung von Embryonen. Ihr stehen Labors zur Verfügung, deren Ausstattung der westlichen Konkurrenz ebenbürtig ist.

„Ich mag die Atmosphäre hier“, sagt die Wissenschaftlerin. „Die Regierung stärkt uns den Rücken, und ich habe neue Freunde gefunden.“ Die Forscher haben ähnliche Möglichkeiten wie in Großbritannien oder anderen Ländern, in denen eine liberale Gesetzgebung vorherrscht. Auch dem therapeutischen Klonen steht man „positiv“ gegenüber, sagt Wang. Reproduktives Klonen, das eigentliche „Menschenklonen“, wird abgelehnt.

Die Gründe, dem vermeintlichen Forscherparadies USA oder anderen Industrienationen den Rücken zu kehren und wieder in die Heimat zurückzugehen, sind oft persönlicher Natur. Viele Chinesen werden in der Fremde nicht heimisch. Sie möchten zu ihrer Familie. Oder sie finden, wie Li Wang, sehr leicht ein Kindermädchen.

China hat ein straffes Elitesystem für die höhere Bildung etabliert. Die Prüfung zur Hochschulreife ist landeseinheitlich. Wer an eine Spitzenhochschule will, muss bei der Punktezahl ganz oben mit dabei sein, und obendrein Studiengebühren von einigen hundert Euro zahlen. Die Universität Peking und die Tsinghua-Universität können sich unter jenem einen Prozent der Studenten bedienen, die als beste abgeschnitten haben.

Trotz einiger Spitzenuniversitäten – der Standard sieht anders aus. Eher so wie an der Guizhou-Universität im Südwesten des Landes. Hier studieren 46 000 Chinesen, und, wie der Präsident gegenüber den Journalisten betont, sogar drei Deutsche. Die Ausstattung ist eher bescheiden. Etwa, was die Labors angeht. Auch geheizt wird fast nicht, im feuchtwarmen Süden Chinas eine nach wie vor überkommene Sitte. Im Winter kann das Studieren bei fünf Grad ziemlich unangenehm werden.

Trotzdem, auch hier ist Ehrgeiz spürbar. Shuping Chen, der Unipräsident, weist darauf hin, dass die Hochschule am „211 Projekt“ teilnimmt. Eine Initiative, die 100 Hochschulen Chinas fit für das 21. Jahrhundert machen soll. „Es geht darum, Forschungsuniversitäten im Stil der USA aufzubauen“, erläutert Chen. Und lächelt auch dann noch tapfer, als seine Mitarbeiter es nicht schaffen, die Powerpoint-Präsentation der Hochschule zu starten. Manche Hochschulen haben einen längeren Marsch vor sich.

Aber nicht nur das Gefälle zwischen Stadt und Land spielt eine Rolle. „Die Hindernisse auf dem Weg zur wissenschaftlichen Exzellenz sind eher kultureller als ökonomischer Natur“, hat Muming Poo festgestellt, ein Hirnforscher aus Shanghai. Autoritäre Herrschaft und politischer Konformismus der vergangenen Jahrzehnte haben die Kreativität des Einzelnen verkümmern lassen. Auch die Folgen der Kulturrevolution, die die Wissenschaft verwüstete, sind noch spürbar.

„Ehrfurcht vor der Autorität und bestehenden Lehrmeinungen behindern wissenschaftliche Durchbrüche“, sagt Poo. Ähnlich denkt ein deutscher Kollege Poos, der ebenfalls in Shanghai forscht. „Die Studenten lernen viel auswendig, und sie stellen keine Fragen“, sagt er unverblümt. „Es wird noch eine Weile dauern, bis sie Harvard eingeholt haben.“

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