Gesundheit : „Wissenschaft ist kein politikfreier Raum“

Der Soziologe Michael Hartmann erklärt, warum es im Elite-Wettbewerb nicht nur nach Leistung geht

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Herr Hartmann, die Behauptung von Daniel J. Guhr von der deutsch-amerikanischen Unternehmensberatung Illuminate Consulting Group (ICG) erregt die Gemüter, im Exzellenz-Wettbewerb der Hochschulen ginge es nicht ausschließlich nach rein wissenschaftlichen Kriterien. Sie unterstützen diese Ansicht. Warum?

Aus zwei Gründen. Dass die Auswahl ausschließlich nach wissenschaftlichen Kriterien verläuft, halte ich ebenfalls für ausgeschlossen. Auch wenn die Qualität sicherlich das größte Gewicht haben wird, so werden doch eine Reihe anderer Faktoren mit hineinspielen wie etwa die Größe und Finanzkraft eines Bundeslandes oder der Bekanntheitsgrad einer Universität. Da es ja um die Etablierung international anerkannter Leuchttürme geht, hat eine Uni wie Heidelberg sicherlich Vorteile gegenüber einer Uni wie Konstanz, weil man sie bereits weltweit kennt und nicht erst bekannt machen muss. Der Bekanntheitsgrad hat aber eben nicht nur mit der aktuellen Leistung zu tun, sondern viel auch mit Tradition, das heißt früherer Stärke. Was für mich an den Äußerungen von Herrn Guhr aber noch wichtiger ist, das ist die Tatsache, dass er deutlich darauf hinweist, welche Folgen der Wettbewerb für die Verlierer haben wird. Dieser Aspekt wird in der Diskussion bisher nämlich weitgehend ausgeblendet. Man redet nur über die mögliche Gewinner. Was aus den Verlierern wird, und das ist die große Mehrheit, wird nicht thematisiert.

Wie ist zu beweisen, dass es nicht allein nach wissenschaftlichen Kriterien geht? Die DFG, der Wissenschaftsrat und Politiker bestreiten das vehement.

Im Detail beweisen können Sie das nicht, weil man dazu die Interna öffentlich machen müsste. Es gibt aber Anhaltspunkte. So sieht die Bund-Länder-Vereinbarung bei der Zusammensetzung der Auswahlkommission vor, dass sie zur Hälfte aus Experten mit langjähriger Auslandserfahrung in der Forschung, im Hochschulmanagement oder in der Wirtschaft bestehen soll. Damit ist schon eine politische Vorentscheidung auch in inhaltlicher Hinsicht gefallen. Denn es macht einen Unterschied, ob dort Vertreter der Wirtschaft sitzen oder Repräsentanten der Kultur. Und wenn von Auslandserfahrung die Rede ist, meint man nicht Forscher, die in Finnland oder Italien waren, sondern man denkt an die USA, Großbritannien oder die Schweiz mit ihren sehr selektiven Hochschulsystemen. Schon durch die Zusammensetzung der Kommission wird so ein bestimmter Typus von Universitäten begünstigt.

Trotzdem sind keine Politiker dabei, wenn die Gemeinsame Kommission am 20. Januar die Vorentscheidung fällt. Wie sollten an dieser Stelle politische Faktoren eine Rolle spielen?

Es stimmt, dass vor allem Wissenschaftler der Kommission angehören. Doch Wissenschaft ist kein politikfreier Raum. Bei den Kommissionsmitgliedern handelt es sich ja nicht um weltfremde Forscher, die sich nur für ihre Wissenschaft interessieren, sondern um Leute, die seit Jahren wissenschafts- und gesellschaftspolitisch agieren. In den Köpfen dieser Wissenschaftler existieren natürlich Überlegungen darüber, welche Konsequenzen ihre Entscheidung für die deutsche Hochschullandschaft hat. Sie kennen das Ziel des Wettbewerbs, nämlich eine Ausdifferenzierung der Hochschullandschaft zu erreichen. Dazu aber müssen nach dem Matthäus-Prinzip die jetzt schon begünstigten Hochschulen noch zusätzlich gestärkt werden.

Das ist aber etwas anderes als eine direkte Einflussnahme durch Politiker.

Ich glaube nicht, dass Politiker ihre Wünsche direkt an die Kommissionsmitglieder herantragen werden. Denn das dürfte sich eher kontraproduktiv auswirken. Außerdem könnten solche Versuche den ganzen Wettbewerb in Verruf bringen, wenn die Öffentlichkeit davon erfährt.

Die Politiker spielen also keine Rolle?

Nicht in der Weise, dass Koch zum Hörer greift und Stoiber anruft und sie sich dann verabreden. Ein direkter Einfluss der Politik dürfte nur dann erfolgen, wenn die Kommission dem letztlich entscheidenden Bewilligungsausschuss Alternativen vorschlägt, also etwa sieben Kandidaten für die fünf Plätze. Dann ist davon auszugehen, dass die einflussreichen Politiker ihren Einfluss auch geltend machen werden. Insgesamt aber geht es mehr um informelle Beziehungen. Man redet miteinander, tauscht sich hinter verschlossenen Türen aus. Ein großes Bundesland wie NRW hat dabei mehr Möglichkeiten als ein kleines wie das Saarland, weil es einfach mehr Kontakte hat, gerade auch zur Wirtschaft. Auch die Universitäten, die bessere Beziehungen zu Politik und Wirtschaft haben, werden versuchen, dort noch einmal diskret auf ihre Vorzüge hinzuweisen. Wo und wie stark so etwas wirkt, ist schwer zu sagen. Aber dass es wirkt, davon bin ich überzeugt. Um so wichtiger ist es, dass über den Prozess jetzt eine Debatte in Gang gekommen ist.

Warum ist die Reaktion der beteiligten Wissenschaftsgremien so heftig?

Die Exzellenz-Initiative lebt von der Vorstellung, dass am Ende die Besten der Besten zum Sieger gekürt werden. Daher die Aufregung darüber, dass die Wissenschaftsberatung das Verfahren hinterfragt hat. Es darf keinen Zweifel daran geben, dass sich hier ausschließlich eine Leistungselite durchsetzt, weil die Exzellenz-Initiative dramatische Folgen für die gesamte deutsche Hochschullandschaft haben wird. Die systematische Benachteiligung und Schwächung all der Universitäten, die nicht zu den Siegern zählen, ist nur zu rechtfertigen, wenn jetzt der Eindruck vermittelt wird, die Besten hätten gewonnen. Wenn das Verfahren in Frage gestellt würde, müsste man auch das Ergebnis des Wettbewerbs in Frage stellen. Ähnliche Mechanismen kennt man aus den USA.

Inwiefern?

Die amerikanischen Elite-Unis erheben immer den Anspruch, sie rekrutierten nur die besten Studenten, um so ihre Sonderstellung und die extrem hohen Studiengebühren rechtfertigen zu können. In Wirklichkeit spielen andere Faktoren ebenfalls eine entscheidende Rolle. Eine aktuelle Studie über die Rekrutierungspraxis von Harvard kommt zu dem Ergebnis, dass man vor allem Personen sucht, von denen zu erwarten ist, dass sie hinterher einflussreiche Positionen in der Gesellschaft einnehmen und die Universität dann politisch und finanziell unterstützen können. Zu diesem Zweck hat man dort das Kriterium Persönlichkeit eingeführt. Präsident Bush ist aus diesem Grund in Yale angenommen worden und nicht, weil er ein so guter Schüler war.

Ihre Hochschule, die TU Darmstadt, ist die einzige aus Hessen, die im Wettbewerb antritt. In Hochschulkreisen wird behauptet, Ministerpräsident Roland Koch habe andere Bewerber aus Hessen verhindert, um der TU bessere Chancen zu geben. Wie wichtig wäre die Unterstützung durch Koch für die TU Darmstadt?

Ich wäre zurückhaltend, wenn es um die Rolle einzelner Ministerpräsidenten geht. Das kann zwar ein Faktor sein. Wichtiger ist aber, dass Hessen erklärt: Wir sind bereit, unsere Landesmittel zu konzentrieren. Damit zeigt das Land, dass es das Muster des Wettbewerbs übernimmt, was sicher auf positive Resonanz stoßen wird.

Ist zu erwarten, dass die Kommission auch für eine Verteilung nach föderalen Gesichtspunkten sorgen wird?

Wenn man das Ziel der Exzellenz-Initiative unterstützt und dort, wo schon etwas ist, noch mehr hinzutun will, darf man föderale Aspekte nicht zu stark gewichten. Man wird deshalb erleben, dass der Süden Deutschlands in Bezug auf seine Einwohnerzahl überproportional viele Sieger stellt. Und wenn ich wetten sollte, würde ich allerdings auch prognostizieren, dass die Hauptstadt mit einer Hochschule dabei sein wird, wenn auch vielleicht nicht gleich unter den ersten fünf, sondern erst in der zweiten Runde. Und aller Voraussicht nach wird das wegen ihres Namens eher die Humboldt-Universität als die FU sein. Gut möglich ist auch, dass der ganze Norden keine einzige Elite-Uni bekommt.

Unterstellt man, dass der Wettbewerb Leuchttürme stärken soll, wären kleine Unis dann nicht benachteiligt?

Das sollte man dann auch offen sagen und nicht so tun, als hätten sie die gleichen Chancen. Es gibt natürlich Begünstigungen, auch bei den Fachdisziplinen. So sind die Ingenieur- und Naturwissenschaften gegenüber den Geistes- und Sozialwissenschaften im Vorteil. Mannheim wird allein deshalb schlechtere Karten haben als Heidelberg und Karlsruhe.

Und der Osten?

Meines Erachtens hat nur die TU Dresden eine Chance. Denn die Frage wird sich stellen, ob man den gesamten Osten hinten runterfallen lassen kann. Dieser Vorteil Dresdens würde sich dann negativ auf die Aussichten der TU Darmstadt auswirken. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass von zehn Elite-Unis mehr als vier TUs sein werden.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

Michael Hartmann , 53, ist Professor für Soziologie an der TU Darmstadt mit dem Forschungsschwerpunkt Elitenrekrutierung in Wirtschaft, Justiz und Wissenschaft.

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