Gesundheit : Wissenschaft: Kinder wollen die Welt entdecken

Uwe Schlicht

Im Watt vor der deutschen Nordseeküste erscheinen bei jeder Ebbe kleine Häufchen auf dem Schlick - sie zeugen von den Wattwürmern. Krebse huschen über den Boden, Austernfischer trippeln auf der Suche nach Beute über den Schlick. Welch eine Welt des Lebens im Watt. Sie zu entdecken, ist ein aufregendes Erlebnis für Kinder. Unter der richtigen Anleitung werden sie zu kleinen Forschern. Richtige Anleitung heißt, dass sie erfahren, wie sie Bodenproben nehmen, wie sie aus den Bodenproben mit chemischen Verfahren die Lebewesen herausspülen. Nach ihrem Ausflug zu den Inseln Amrum und Föhr werden sie später in ihrer Heimatstadt Berlin im Naturkundemuseum in der Invalidenstraße den weißen Kittel überziehen und sich wie erwachsene Wissenschaftler vor die Mikroskope setzen.

Gerade erst haben die Schulkinder im Alter von elf Jahren während des Wissenschaftssommers und der "Langen Nacht der Wissenschaften" ihre Erkundungen der Öffentlichkeit vorgestellt. Jetzt wurde auf einer Tagung des Stifterverbandes ein erstes Resümee gezogen, fördert doch der Stifterverband solche Projekte, die bereits Kindern die Wissenschaft nahebringen.

Neuerdings sind sich Professoren und Nachwuchswissenschaftler, ob in Aachen, Bochum, München, Bielefeld oder Berlin, nicht zu schade, in die Schulen zu gehen. Sie wissen, dass die kindliche Neugier, selbst etwas zu erkunden und zu experimentieren, nicht verloren gehen darf, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Will man die Begeisterung für so schwierige Fächer wie Physik, Chemie, Mathematik oder Biologie am Leben halten, dann muss man bereits im Kindesalter beginnen. Besonders Mädchen gilt es zu ermutigen, weil die harten Themen der Naturwissenschaften traditionell eher den Jungen liegen.

Es geht also nicht nur darum, schon frühzeitig Hochbegabte zu finden, wie es die Mathematiker und Naturwissenschaftler der Humboldt-Universität schon seit Jahren mit Erfolg erprobt haben, sondern auch an ganz normale Kinder heranzukommen. Denn die deutschen Hochschulen brauchen später viele Studenten, die Natur- und Ingenieurwissenschaften studieren.

Birger Neuhaus vom Naturkundemuseum und Roswitha von der Goltz vom Labyrinth-Kindermuseum haben mit kindgerechten Tricks die Augen geöffnet. Damit der Millimeter kleine Wattwurm unter dem Mikroskop in die richtige Größenordnung gerückt werden kann, wurde ein menschliches Haar zum Vergleich daneben gelegt. Kinder malen gern, und so zeichneten sie ihre Beobachtungen unter dem Mikroskop anschließend auf. Zur Belohnung durften sie im Naturkundemuseum dann Einblicke in die Referenzsammlung von 100 000 Würmern nehmen, die Birger Neuhaus betreut.

In Bielefeld haben Chemiker der Universität Kinder aus den Dörfern der ländlichen Umgebung für die Naturwissenschaften begeistert. Im Jahr 2000 starteten sie einen Großversuch mit bisher 4000 Teilnehmern. Die Adressaten sind zunächst Schüler in den dritten bis sechsten Klassen - also in den entscheidenden Jahren, wenn der Wechsel von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen stattfindet. Die andere Altersgruppe stammt aus den siebten bis zehnten Klassen, wenn es in den Schulen bereits um die Kurswahl geht.

Wie die Projektleiterin, die Professorin Katharina Kohse-Höinghaus, berichtete, knüpfen die Wissenschaftler auch hier an Neugier und Experimentierfreude an. Sie wollen aber Chemie nicht nur als Zauberwerkstatt, wo es knallt und leuchtet, demonstieren. An Zitronen wird mit chemischen Mitteln gezeigt, woher der Duft kommt. Ältere Kinder lernen, wie man aus Rapsöl umweltschonenden Biodieselbrennstoff herstellt. Altpapier wird im Experiment für eine neue Verwendung aufbereitet und anschließend mit Farben so bearbeitet, dass unter dem Druck einer einfachen Knetrolle Farbdrucke entstehen.

Die Wissenschaftler wählen Themen aus, die an die Umwelt der Kinder anknüpfen. Der Erfolg des pädagogischen Ansatzes wird durch Umfragen belegt. Von 1400 befragten Kindern haben 80 Prozent die 40 Fragen der Wissenschaftler beantwortet - das ist ein enormer Rücklauf. Besonders Mädchen, die anfangs etwas unsicher waren, äußerten sich nach den Experimenten begeisterter als die Jungen.

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