Gesundheit : „Wissenschaft muss mehr aus sich machen“

Der neue Präsident kommt: Günter Stock will die Berlin-Brandenburgische Akademie umbauen

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Herr Stock, wozu brauchen wir überhaupt eine Akademie der Wissenschaften? Ist das nicht nur eine Art wissenschaftlicher Honoratiorenverein?

Akademien sind in der heutigen Zeit nötiger denn je, weil die Einheit der Wissenschaft, das heißt das Angewiesensein der Disziplinen aufeinander, nie größer war. Sie können molekulare Medizin gar nicht ohne neue Erkenntnisse der Physik und der Informationstechnik betreiben. Es geht nicht ohne Chemie, ohne Biologie, und vor allem nicht ohne Begleitung und intensives Mittun der Geistes und Sozialwissenschaften. Denn alles, was wir in den Lebenswissenschaften tun, geschieht sehr nah am Menschen, berührt sein Innerstes. In einer Akademie, in der die unterschiedlichen Disziplinen auf höchstem Niveau vertreten sind, kann dieser Dialog in besonderer Weise gepflegt werden kann.

Es gibt schon so viele Stimmen aus der Wissenschaft.

Sicher, aber man hört sie kaum. Wissenschaft muss mehr aus sich machen. Es sind zu wenige, die eigentlich für die Wissenschaft sprechen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist eine Förderorganisation, die Max-Planck-Gesellschaft ist eine Förder- und Forschungsorganisation. Wer spricht eigentlich für das Ganze in der Wissenschaft, gerade wenn es um Grenzbereiche, um ethische Fragen geht? Ich habe die Konstruktion des nationalen Ethikrates immer mit einer gewissen Zurückhaltung betrachtet. Nach seiner Zusammensetzung findet dort im „vorparlamentarischen“ Raum eine Meinungsbildung statt, die die wesentlichen gesellschaftlichen Gruppen repräsentiert. Ich glaube, dass wir in solchen kritischen Fragen zunächst einmal eine klare Position der Wissenschaft brauchen.

Sprechen Sie jetzt von Aufgaben einer künftigen Nationalen Akademie?

Ich spreche eher von Aufgaben, die wir wahrnehmen müssen, nicht so sehr von der Organisationsform. Wenn wir uns mit der Diskussion um die Nationale Akademie momentan im organisatorischen Streit verzetteln, tun wir nichts Gutes. Aber wenn wir alle verstehen, was eigentlich unsere Grundverantwortung ist, dann glaube ich, wird man so etwas wie eine gemeinsame Stimme hinbekommen. Und die brauchen wir. Natürlich gibt es zu den strittigen Fragen, die die Gesellschaft bewegen, Positionen und Gegenpositionen, die alle wissenschaftlich korrekt sind. Aber irgendwann sind wir der Bevölkerung auch eine Aussage schuldig, was in der Wissenschaft die vorherrschende Meinung ist.

Aus der Wissenschaft ist zu hören, dass die Gründung einer Nationalen Akademie in letzter Zeit doch wieder näher gerückt ist: die Berlin-Brandenburgische Akademie, die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina und acatech, der Konvent für Technikwissenschaften, wollten sich zusammenschließen, heißt es.

Zur Zeit gibt es meines Wissens eine Reihe von Konzepten, die diskutiert werden. Ein Zeichen übrigens, dass der Wunsch eine nationale Vertretung der Wissenschaften zu bekommen, mittlerweile Allgemeingut geworden ist.

Andererseits steht das Akademie-Programm von Bund und Ländern, das derzeit noch mit 41 Millionen Euro gefördert wird, vor Einschnitten. Haben die regionalen Akademien überhaupt noch eine Zukunft?

In der Finanzierung ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Trotzdem sollten wir über Umstrukturierungen nachdenken. Man darf die Akademien nicht auf ihre Langzeitvorhaben reduzieren. Neben den Langzeitvorhaben, die sich primär mit unserem kulturellen Gedächtnis beschäftigen, gibt es für mich auch Langzeitaufgaben. Es gibt Themen, die institutionell abgesichert werden müssen, damit Zukunft überhaupt geschehen kann. Beispiel grüne Gentechnik: Dafür haben wir Wissenschaftler in den 90er-Jahren sehr intensiv gekämpft. Dann ist es still geworden. Als dann im Jahre 2004 der Deutsche Bundestag ein Gesetz verabschieden wollte, waren die Kämpfer alle ein bisschen müde. Sie können vom einzelnen Wissenschaftler nicht verlangen, dass er 15 Jahre lang immer wieder über die Dörfer zieht und dieselben Argumente wiederholt. Als eine zentrale Aufgabe der Akademie sehe ich, solche Argumente in Arbeitsgruppen frisch zu halten, um reaktionsfähig zu sein, wenn dies politisch gebraucht wird.

Welche großen Themen sehen Sie neben der grünen Gentechnik?

Wir müssen die medizinische Biotechnik und die Genomforschung verfolgen. Das tun wir übrigens in der Berlin-Brandenburgischen Akademie mit einer neuen Arbeitsgruppe. Wir wollen sehen, was von den alten Annahmen richtig ist und was falsch, wir wollen diesen Lernprozess dokumentieren und dann argumentativ verwenden. Beschäftigen sollten wir uns auch mit der Frage der Stammzellen. Die Arbeitsgruppen könnten innerhalb von ein bis zwei Jahren sehr konkrete und gute Stellungnahmen erarbeiten.

Wie wollen Sie Ihrer Akademie mehr Aufmerksamkeit für solche Stellungnahmen verschaffen – und politisches Gewicht?

Wenn ich eine Arbeitsgruppe habe, die nur aus Biologen zusammengesetzt ist, dann wird ihre Glaubwürdigkeit nicht groß genug sein. Aber wenn es gelingt, aus der Gesamtheit der intellektuellen Kraft innerhalb der Akademie zu schöpfen, und von vornherein auch Soziologen und Philosophen zu beteiligen, dann bekommen die Argumente eine gewisse Autorität. Wir haben ja gerade einen Vorschlag zur Reform des Gesundheitssystems gemacht. Es ist ein dickes Buch geworden, und ich glaube ein sehr kluges Buch. Wie viel Gewicht unsere Stimme damit aber in der öffentlichen Debatte um das Gesundheitssystem haben wird, werden wir sehen. Wir müssen den Umgang mit der Öffentlichkeit sicherlich noch ein bisschen üben und auch ertragen, dass man Argumente vielleicht verkürzter verwendet, als wir es als Wissenschaftler gerne täten. Da kommt mir vielleicht mein eher wissenschaftspolitisches und außerdem industrielles Erfahrungsmoment zugute.

Aber wenn Sie als Akademiepräsident eine Stellungnahme zur Gentechnik abgeben, wird man Ihnen dann nicht vorhalten, dass Sie als Vorstandsmitglied eines Pharmakonzerns befangen sind, in eigener Sache argumentieren?

Wenn ich das Präsidentenamt zum 1.Januar 2006 übernehme, bin ich nicht mehr bei Schering. Ich scheide Ende des Jahres aus, und dann bin ich nur noch Akademie-Präsident. Insoweit gibt es keine direkte Kollision. Aber ich bin natürlich, wenn Sie so wollen, geprägt. Ich habe ja eigentlich schon immer für diese Form von Wissenschaft gestritten, öffentlich und auch nicht öffentlich. Wenn jemand mit mir spricht, soll er wissen, mit wem er es zu tun hat. Aber meine Haltung, die in der angewandten Pharmaforschung wurzelt, wird ja dadurch kompensiert, dass andere Wissenschaftler, und zwar aus vielen Disziplinen, an diesem Thema mitarbeiten. Da wird man dann einfach sehen, wie im Austausch der Argumente und in der Auseinandersetzung am Ende so eine Stellungnahme aussieht.

Wie halten Sie es denn persönlich mit der Stammzellforschung?

In der regenerativen Medizin erwarte ich entscheidende Fortschritte. Wenn es um das Erkennen und das „Anhalten“ von Krankheiten geht, können wir schon sehr viel. Aber das Wiederherstellen von Funktionen ist noch ein großes Problem. Für die Regeneration stehen prinzipiell zwei Strategien zur Verfügung: Das eine ist die Gentherapie. Sie hat aber die große Schwäche, dass die wenigsten Krankheiten nur durch ein einziges Gen bedingt sind. Die Ursachen sind oft vielgestaltiger und komplizierter, und mit der richtigen Behandlung zu reagieren, wird immer schwierig bleiben. Der zweite Weg besteht darin, nicht kranke Gene, sondern kranke Organe oder Zellen zu ersetzen. Zellen sind ein großes Zukunftsthema! Um die Zelle intelligent einsetzen zu können, muss ich sie aber zunächst von der Geburt an kennen, ich muss wissen, was die Zelle kann. Dazu brauche ich embryonale Stammzellen, und ich brauche ebenso adulte, das heißt „erwachsene“ Stammzellen.

Es geht also nicht ohne embryonale Stammzellen?

Nein, aber nach wenigen Jahren intensiver Forschung – wenn sie denn legalisiert würde – wird verbrauchende Embryonenforschung deutlich zurückgehen, weil wir dann sehr viel über die Zellen gelernt haben werden. Für mich liegt die große Zukunft dieser Forschung darin, dass ich mit klassischen Methoden, mit normalen Molekülen bereits vorhandene adulte Stammzellen gleichsam „aufwecken“ kann, damit sie ihren Job tun und einen Regenerationsprozess im Körper bewirken. Das ist der Grund, warum ich für dieses Feld streite. Um dorthin zu kommen, müssen wir Forschung sowohl an embryonalen wie an adulten Stammzellen machen.

Steuern Sie da nicht auf einen Konflikt mit einer neuen, unionsgeführten Bundesregierung zu?

Zunächst einmal ist es ja so, dass man in unserem Land sagen darf, was man denkt. Und natürlich darf man auch dafür kämpfen, dass die rechtlichen Regelungen einer modernen Welt angepasst werden. Ich erwarte, dass es durch einen klugen Dialog mit der Zeit eher leichter wird, über die Stammzellforschung zu sprechen. Wir können ja auch zeigen, dass diese Forschung sehr verantwortlich arbeitet.

Wenn Akademiepräsident Stock mit einem Manifest vor die Öffentlichkeit treten würde, was würde da drinstehen?

Wir müssen mehr darauf achten, dass unsere jungen Leute in die Lage versetzt werden, Großes zu leisten. Die jungen Leute heute sind besser als in meiner Generation, sie sind gut ausgebildet und haben eine klare Vorstellung davon, was sie wollen. Ihnen den Boden zu bereiten, dass sie sich entwickeln können, das ist mein zentrales Anliegen. Beispielsweise muss die Ausbeutung unserer jungen Mediziner aufhören, die fast keine Zeit haben, sich um ihre wissenschaftliche Zukunft zu kümmern. Und wir brauchen tatsächlich ein bisschen mehr Geld im System.

Ist der Exzellenz-Wettbewerb da der Durchbruch?

Wir müssen das gesamte System stärker als bisher nach Exzellenzgesichtspunkten ausrichten. Wir machen Wissenschaftspolitik unter Gesichtspunkten der Strukturpolitik, sagen es aber nicht. Sicher: Für bestimmte Regionen ist der Aufbau einer Universität oder eines Instituts von zentraler Bedeutung, aber es muss daneben noch die Kraft und das Geld bleiben, um Exzellenz aufzubauen. Da ist der Elite-Wettbewerb von Bund und Ländern erst ein Anfang. Wir dürfen nicht nur in der Breite gut sein. Wenn Heidelberg gefördert wird, darf Mecklenburg-Vorpommern nicht aufschreien und vice versa.

Das Gespräch führten Amory Burchard und Hartmut Wewetzer.

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