Gesundheit : Wissenschaftler bauen Brücken

Israelische und deutsche Forscher waren Vorreiter der Aussöhnung zwischen den beiden Ländern

Kaspar von Harnier

Vor 40 Jahren nahmen Israel und Deutschland offiziell diplomatische Beziehungen auf. Ein Jahr früher wurde bereits der erste förmliche Vertrag zur Zusammenarbeit von Wissenschaftlern geschlossen: zwischen dem Weizmann-Institut und der Minerva-Stifung, einem Ableger der Max-Planck-Gesellschaft. Dieser Beitrag zeichnet nach, wie sich die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg langsam wieder aufbauten.

Die Beziehungen zwischen Israels jüdischer Bevölkerung und Deutschland sind seit dem Holocaust zwangsläufig problematisch. Das Ausmaß des Abgrunds bis in die Mitte der sechziger Jahre kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Ministerpräsident Ben Gurion und Bundeskanzler Adenauer waren sich 1952 trotz des Reparationsabkommens darüber im Klaren, dass die Zeit für diplomatische Beziehungen noch nicht reif war. Erst eine schwere Krise, ausgelöst durch Berichte über die Anwesenheit deutscher Raketenexperten und Wissenschaftler in Ägypten, bewog die Regierung Erhard 1965, der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zu Jerusalem zuzustimmen, worin jedoch kulturelle Beziehungen noch nicht eingeschlossen waren. Erst auf hartnäckiges Betreiben von Abba Eban, damals Präsident des Weizmann-Instituts und Bildungsminister, gelang es in Ausnahmefällen, auch kulturelle Beziehungen zuzulassen.

Bereits in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre konnten Wissenschaftler aus beiden Ländern an internationalen Konferenzen teilnehmen und an internationalen Forschungsinstituten zusammenarbeiten. Eine wichtige Rolle spielte dabei das 1934 gegründete Weizmann-Institut, das maßgeblich von Chaim Weizmann, seinem ersten Präsidenten (und später auch der erste Präsident Israels), geprägt wurde. Gerhard Schmidt, ein Chemiker am Weizmann-Institut, versuchte als Erster, Kontakte zu knüpfen.

Er führte bereits Ende 1956 erste Gespräche mit Wolfgang Gentner, einem prominenten deutschen Kollegen. Auf diese sehr privaten Gespräche, die nicht öffentlich bekannt wurden, folgte 1957 ein Vorstoß durch den Physiker Amos de Shalit, damals Vorsitzender der Abteilung Theoretische Physik am Weizmann-Institut. De Shalit sprach mit Gentner über die bis dahin unerhörte Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen israelischen und deutschen Wissenschaftlern. Gentner schien von dieser Idee fasziniert zu sein.

Eine kleine Gruppe von Weizmann-Wissenschaftlern, zu denen de Shalit und Schmidt gehörten, wurde von der Überzeugung geleitet, dass sich die Wissenschaft nicht nur auf die Forschung beschränken darf. Sie könne gerade aufgrund ihres Charakters als Brücke dienen – sogar über einen so tiefen Abgrund hinweg, wie er sich durch das Dritte Reich aufgetan hat. Wie nicht anders zu erwarten, war es schwierig, die Mitglieder des Instituts dazu zu bewegen, der Initiative zuzustimmen. Hier betritt nun eine weitere Persönlichkeit die Bühne: Joseph Cohn, vormals Weizmanns politischer Sekretär. Er war seit Mitte der fünfziger Jahre der europäische Repräsentant des Weizmann-Instituts mit Büro in Zürich.

Der von deutschen Juden abstammende Cohn war schon zu Beginn seiner europäischen Mission davon überzeugt, dass Wege gefunden werden müssten, Deutsche und Israelis der jüngeren Generation miteinander in Kontakt zu bringen. Er konzentrierte sich auf den Versuch, das Interesse Konrad Adenauers an dem Projekt zu wecken. Das Treffen mit Adenauer fand schließlich im März 1959 statt. Trotz Skepsis auf Seiten Adenauers gelang es Cohn, die Unterstützung des Kanzlers für die Bemühungen um Kontakte zwischen deutschen und israelischen Wissenschaftlern zu gewinnen.

Im Dezember 1959 besuchte eine Delegation der Max-Planck-Gesellschaft unter der Führung von Otto Hahn zehn Tage lang Israel als Gäste des Weizmann-Instituts. Der Besuch war ein unerwarteter Erfolg. Es war nicht nur die persönliche Aufnahme, die die deutsche Delegation beeindruckte; offenbar war man von den wissenschaftlichen Leistungen, die man vorfand, nicht weniger überrascht und beeindruckt. Im Frühjahr 1960, bei einer Begegnung in New York, war Adenauer verstärkt daran interessiert, Ben Gurion „ein Zeichen des guten Willens“ präsentieren zu können. Cohn, der von dem geplanten Treffen wusste, traf Adenauer zu Beginn des Jahres und unterrichtete ihn über den Besuch von Hahn, das Gentner-Schmidt-Memorandum und die finanziellen Probleme, die sich bei dessen Umsetzung ergeben würden. Adenauer erklärte sich mit dem Memorandum einverstanden und versprach, drei Millionen Mark dafür bereitzustellen. Er wies Außenminister von Brentano an, der israelischen Regierung mitzuteilen, dass es der Bundesregierung „eine besondere Freude sei, dem Weizmann-Institut zu helfen“.

Die tatsächliche Zusammenarbeit begann sehr vorsichtig. Zwei bedeutende Biochemiker, Feodor Lynen und Ephraim Katzir, später Staatspräsident von Israel, statteten einander Besuche ab. Man begann, auf dem Gebiet der Entwicklungsbiologie zusammenzuarbeiten. 1964 wurde in einem förmlichen Vertrag die Zusammenarbeit zwischen dem Weizmann-Institut und der Minerva-Stiftung, einem Ableger der Max-Planck-Gesellschaft, festgelegt. Heute ist Deutschland nach den Vereinigten Staaten der wichtigste Partner Israels, die Wissenschaftler des Weizmann-Instituts haben entscheidend dazu beigetragen.

Der Autor ist Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft der Freunde des Weizmann-Instituts.

Mehr Informationen im Internet:

www.weizmann.ac.il

http://minerva.mpg.de

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