Gesundheit : Wissenschaftler finden neue biologische Pflanzenschutzmittel

Leo Frühschütz

Dass Marienkäfer oder Schmierseife gegen Blattläuse helfen, ist naturnahen Gärtnern längst bekannt. Und die Natur hat noch mehr Mittel parat: Vollmilch gegen Mehltau, Moosextrakte als Fungizid oder Krabbenschalen zur Saatgutbeize. Doch bis sich Labor-Ergebnisse auf Äckern und in Treibhäusern wieder finden, kann viel Zeit vergehen.

Jan-Peter Frahm bekommt viele Anrufe von Firmen. Für einen Bryologen, einen Wissenschaftler, der sich mit Moosen und Flechten beschäftigt, ist das eher ungewöhnlich. Doch Moose haben besondere Eigenschaften: So werden sie nicht von Pilzen und Bakterien befallen, die sonst alles Pflanzenmaterial auf dem Waldboden zersetzen. Im Institut für Pflanzenkrankheiten der Universität Bonn wurden die Wirkstoffe aus einheimischen Moosarten extrahiert und der Sud über befallene Tomaten- und Weizenpflanzen gespritzt. Weil die Wirkung einiger dieser Extrakte besser war als die von käuflichen Spritzmitteln, ist die Nachfrage groß.

Doch die Entwicklung und Zulassung eines Pflanzenschutzmittels ist zeitaufwendig und teuer, auch wenn die Natur den Wirkstoff liefert. Ein Beispiel ist Contans WG, ein biologisches Pflanzenschutzmittel gegen Sclerotinia, die Weißfäule, eine Pilzkrankheit, vieler Gemüse- Getreide- und Zierpflanzen. Drei Jahre brauchte die Firma Prophyta, um das Präparat zu entwickeln, ebenso lange dauerte es, bis die Biologische Bundesanstalt (BBA) das Mittel für eine Gemüsesorte, Salat, zugelassen hatte.

Gründe für den großen Zeitbedarf gibt es mehrere. Das Präparat muss entwickelt und getestet werden. Dazu braucht man größere Mengen mit einem standardisierten Gehalt an Wirkstoffen. Oder es gilt, wie bei Contans WG, aus Bodenpilzen den wirksamsten Stamm zu isolieren und zu vermehren.

Für die Zulassung sind erfolgreiche Versuche über zwei Vegetationsperioden erforderlich, dazu Untersuchungen über den Abbau der Stoffe und ihre Toxizität gegenüber Mensch, Tier und Umwelt. "Die Kosten dafür gehen in die Hunderttausende", sagt Sabine Klingelhöfer von der Firma Neudorff, dem Markenführer beim biologischen Pflanzenschutz. Ebenso wichtig ist die Nachfrage: "Es gibt etwa kaum Pflanzenschutzmittel für den Kräuteranbau - der Markt ist zu klein."

Beständige Qualität wichtig

Problematisch kann es auch werden, wenn der Wirkstoff nicht in gleichbleibender Qualität geliefert wird, wie das beim Neem-Öl, einem natürlichen Insektizid, jahrelang der Fall war. Entwickelt werden die Präparate in der eigenen Forschungsabteilung, doch Anregungen können auch von außen kommen. "Wenn die Forscher sagen, das ist spannend und auch das Marketing Interesse hat, dann wird das in unserer Versuchsgärtnerei ausprobiert." Mit einem Mittel gegen Schnecken mit Eisenphosphat als Wirkstoff hat Neudorff neben Prophyta eines der wenigen für den biologischen Landbau zugelassenen Pflanzenschutzmittel der letzten zwei Jahre mit einem neuen Wirkstoff auf den Markt gebracht. Ein Grund für diese niedrige Zahl ist auch, dass die großen Hersteller andere Wege gehen, um aus natürlichen Wirkstoffen Pestizide zu machen.

Milch macht Pflanzen munter

Doch es geht offenbar auch einfacher, haben Wissenschaftler vom brasilianischen Agrarforschungszentrum Embrapa herausgefunden. Sie bemerkten, dass eine Mischung aus einem Teil Vollmilch und neun Teilen Wasser bei Zucchini und Gurken Mehltau wirkungsvoller bekämpft als die üblichen Spritzmittel.

Wesentlich unbürokratischer und billiger ist es, ein Produkt als Pflanzenstärkungsmittel auf den Markt zu bringen. Das Gesetz definiert sie als Stoffe, die ausschließlich dazu bestimmt sind, die Widerstandsfähigkeit von Pflanzen gegen Schadorganismen zu erhöhen und meint damit etwa Gesteinsmehl oder Algenextrakte. Pflanzenschutzmittel hingegen müssen vor diesen Schadorganismen schützen, sie in der Regel also unschädlich machen.

Stärkungsmittel werden bei der BBA registriert, aufwendige Untersuchungen sind nur in Ausnahmefällen notwendig. Für Mittel wie den Moosextrakt von Jan-Peter Frahm ist dies ein möglicher Weg. Zwar ist die direkte Wirkung gegen Pilze in der Praxis klar belegt, der Wirkmechanismus jedoch unklar, so dass es im Prinzip auch ein Stärkungsmittel sein könnte. Klar ist der Fall dagegen beim Rhabarbertee, mit dem Annegret Schmitt von der BBA Kartoffelpflanzen gegen die Kartoffelfäule stärkte. Die Pflanzen bekamen die Krankheit später, die Ernte wurde deshalb nicht beeinträchtigt.

Dass biologische Mittel keine Selbstläufer sind, sondern auch ein Mit- und Umdenken der Anwender verlangen, musste die Firma Compo, eine Tochter der BASF erfahren. Sie begann 1990 mit dem Verkauf von Milsana, einem Stärkungsmittel aus den Blättern des Staudenknöterichs gegen Mehltau bei Gurken und anderen Pflanzen.

Doch das Mittel verkaufte sich nicht und wurde vor eineinhalb Jahren endgültig aus den Regalen genommen. "Die Verbraucher reagieren erst, wenn die Pflanze krank ist und wollen dann sofort eine umfassende und durchschlagende Lösung", heißt es zur Erklärung bei Compo. Annegret Schmitt setzt dagegen weiterhin auf Pflanzenstärkung. Sie ist mit dem Echo auf ihre Versuche zufrieden und bleibt dem Rhabarber und dem Staudenknöterich vorerst treu: "Das zieht langsam seine Kreise."

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