Gesundheit : Wissenschaftler sehen im Verlust der polaren Eismassen Hinweise auf eine globale Erwärmung

Claus-Peter Sesin

Unser "blauer Planet", dessen Schönheit Astronauten im Orbit seit 40 Jahren bestaunen, könnte bald blauer werden als uns lieb ist: Seine Eisdecken schmelzen in beängstigendem Ausmaß und Tempo - an den Polen ebenso wie in fast allen Gletscher-Regionen. Zu diesem Resümee kommen nun auch Wissenschaftler des renommierten Washingtoner Worldwatch Institute anhand der weltweit von Klimatologen und Glaziologen erhobenen Daten ( www.worldwatch.org ).

Das große Tauen hat sich in den letzten 20 Jahren sogar deutlich beschleunigt - verursacht durch einen steilen Anstieg im globalen Erwärmungs-Trend. So sind in den vergangenen Wochen allein an der Antarktis zwei große Eisberge losgebrochen, berichtete Reuters. Der größere ist 295 Kilometer lang und 37 Kilometer breit, er besitzt etwa die Größe von Jamaica. Der Kleinere, der sich am vergangenen Donnerstag löste, ist "nur" 130 Kilometer lang und 20 Kilometer breit.

"Im verstärkten Abtauen der Eisschichten finden wir die ersten handfesten Hinweise auf Schäden durch den Treibhauseffekt, den Eintrag von Kohlendioxid und anderen hitzetreibenden Spurengasen in die Erdatmosphäre", sagt Worldwatch-Expertin Lisa Mastny.

Bestätigung auch deutscher Forscher

Auch in Deutschland schreiben Klimaforscher die zunehmende Erwärmung - in den letzten hundert Jahren stieg die Durchschnittstemperatur der Erde um rund 0,8 Grad Celsius - vor allem dem Menschen zu. Hans-Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) schätzt, dass die Wahrscheinlichkeit anthropogener Einflüsse "sicherlich deutlich über 50 Prozent liegt". Der Potsdamer Forscher kennt sein Metier wie kaum ein zweiter: Er ist leitender Koordinator des nächstes Jahr publizierten dritten Berichts des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) - des Rats für Klimaveränderungen der Vereinten Nationen. "In dem Bericht wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt". Sein Kollege Klaus Hasselmann, vor kurzem emeritierter Klimatologe am Hamburger Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie, kam in einer Modellrechnung sogar auf eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent.

Besonders stark von der große Schmelze betroffen sind nach der Worldwatch-Studie die Pole, da sie sich schneller erwärmen als andere Erdregionen. So schrumpfte die im Nordmeer schwimmende arktische Eisplatte - sie hat die Größe Nordamerikas - seit den siebziger Jahren um sechs Prozent, jährlich um mehr als die Fläche Hollands. Die durchschnittliche Dicke der Riesen-Eischolle sank dabei von 3,1 auf 1,8 Meter. Auch der 3200 Meter starke Eispanzer über Grönland - er birgt acht Prozent der weltweiten Eismassen - speckt seit 1993 an seinen Rändern jährlich um rund einen Meter ab: Immer mehr Schmelzwasser sickert bis zum Felsgrund hinab und wirkt dort wie ein Schmiermittel, das die Gletscher schneller ins Meer gleiten lässt.

Am Südpol nagt die Treibhauswärme an der 2,3 Kilometer dicken Eisschicht über dem antarktischen Kontinent - sie enthält 91 Prozent des weltweiten Eises und ist das größte gefrorene Süßwasser-Reservoir. Schäden zeigten sich bislang vor allem im vorgelagerten Schelfeis. Drei große Schelfeis-Platten - Wordie, Larsen A und Prinz Gustav - sind in den letzten zehn Jahren auseinander gebrochen. Gigantische, bis über tausend Quadratkilometer große Eisberge drifteten ins Meer. Zwei weitere Platten, Larsen B und Wilkins, stehen kurz vor dem Kollaps. Der Rückgang der Eisschilde führt - in einer Art Teufelskreis - zu weiterer Temperatur-Erhöhung: Das weiße Eis wirft einen Großteil des Sonnenlichts ins All zurück. Schmilzt es, erhitzen sich die dunkleren Land- und Wassermassen wie ein schwarzes Auto im Sonnenschein. Auch die Fähigkeit der Ozeane, das Treibhausgas Kohlendioxid zu "schlucken" und bis zu tausend Jahre in untermeerischen Strömungen zu speichern, nimmt mit steigender Wassertemperatur ab - ein weiterer hitzetreibender "Rückkopplungs-Effekt".

Wenn die Landeismassen schmelzen ...

Einen Anstieg des Meeresspiegels indes kann schmelzendes schwimmendes Eis, also Schelfeis und das Eis der Arktis-Platte, nicht bewirken - ebensowenig wie tauende Eiswürfel in einem Wasserglas dessen Pegel erhöhen. Anders sieht es bei den grönländischen und antarktischen "Landeismassen" aus, deren Gewicht das darunter liegende Gestein trägt: Sie sind - im Beispiel des Wasserglases - mit auf dessen Rand abgelegten Eiswürfeln vergleichbar, deren Schmelzwasser zusätzlich ins Glas fließt. Sollten irgendwann einmal sämtliche polaren Landeismassen schmelzen, stiege der Pegel der Weltmeere um katastrophale 80 Meter.

Bis 2100 rechnet Schellnhuber mit einem Anstieg des Meeresspiegels um mindestens 30 bis 40 Zentimeter. "Das hört sich wenig an, aber es gibt auf dem Meer regionale Unterschiede in Form von Bergen und Tälern. In der Deutschen Bucht könnte sich der Durchschnittspegel auch um einen Meter erhöhen." Schlimmer noch als der mittlere Anstieg seien Extrem-Ereignisse wie Spring- und Sturmfluten, die bis zu zwei Meter höher kommen könnten als heute. Vor allem knapp über Meeresniveau liegenden Ländern wie Bangladesh drohen noch weit verheerendere Überflutungen.

Im letzten Jahrhundert kletterte der Meeresspiegel um 10 bis 25 Zentimeter. Genauer lässt sich der Pegelzuwachs nicht beziffern, da sich auch die Erdkruste - und damit das Bett der Meere - hebt oder senkt. Nur ein Fünftel des Anstiegs geht den Worldwatch-Forschern zufolge auf das Konto schmelzenden Kontinental- und Gletscher-Eises. Vier Fünftel resultieren aus der thermischen Ausdehnung der Wasserkörper der Meere. In Zukunft, warnen die Forscher, dürfte der Schmelzwasser-Anteil jedoch zunehmen.

Auch außerhalb der Polregionen zerrinnen weltweit die Gletscher. In den Alpen schrumpften sie nach Studien des Schweizer World Glacier Monitoring Service Center seit 1850 um 35 bis 40 Prozent, in Einzelfällen bis 88 Prozent. Lediglich in Skandinavien wachsen noch einige wenige der Eisriesen. Bis 2050 sollen die Berggletscher nach Schätzung von Glaziologen ein Viertel ihrer Masse verloren haben, bis 2100 sogar die Hälfte.

Leidtragende sind vor allem Menschen, die aus Gletschern ihr Trinkwasser beziehen: Die Einwohner Limas in Peru etwa schöpfen aus dem Quell des Quelccaya, der pro Jahr um 30 Meter zurück weicht - 1990 waren es noch jährlich drei Meter. Die Einwohner zentralasiatischer Staaten, die fast ausschließlich am Tropf der Himalaya-Gletscher hängen, sehen sich bereits so bedroht, dass besorgte Regierungsvertreter beim Potsdamer PKI Hilfe suchten. In Nordindien nutzen 500 Millionen Menschen das Gletscher-Wasser, das die Flüsse Indus und Ganges speist, zur Trinkwasserversorgung und Landbewässerung. Bei der großen Gletscher-Schmelze werden diese Flüsse zunächst bedrohlich anschwellen und dann zu Rinnsalen versiegen. In Nepal drohen, wie schon 1985, zerstörerische Flutwellen aus aufgestauten Schmelzwasserseen.

Veränderte Niederschlagsgebiete

In Europa und Nordamerika dürfte sich ein gemäßigter zusätzlicher Temperaturanstieg bis zu einem Grad noch positiv auswirken - etwa auf die Erträge der Landwirtschaft, erklärt Schellnhuber. "Doch bis 2100 wird sich die Durchschnittstemperatur mit Sicherheit um mindestens 1,5 bis 2 Grad Celsius erhöhen" - selbst dann, wenn wir den CO2

Eintrag sofort auf Null reduzierten. Denn das Treibhausgas halte sich, einmal freigesetzt, bis zu 200 Jahre in der Atmosphäre, in den Ozeanen sogar bis zu 1000.

Veränderte Niederschlagsgebiete

Ein solcher, scheinbar geringfügig höherer Anstieg reiche bereits aus, die Folgen deutlich ins Negative umzukehren: "Wir bekommen vor allem veränderte Niederschlagsverhältnisse. In heutigen Regengebieten wird es noch mehr regnen, in Trockengebieten treten noch öfter Trockenzeiten auf." Dadurch häufen sich etwa in Afrika Dürren und Hungersnöte. Tropische Krankheiten wie Malaria breiten sich nach Norden aus. Eine Reihe von Ökosystemen müsste zu den Polen wandern. Dafür aber gebe es in unseren Kulturlandschaften keine Migrationswege mehr. Daher drohe ein Artensterben - erst von Tieren, später von ganzen Ökosystemen wie Wäldern. Bricht in Sibirien und Alaska - wie heute schon in Anfängen - der Permafrostboden auf, versumpfen diese Regionen, und es werde noch mehr treibhausförderndes Methan freigesetzt.

Die für Europa katastrophalste Folge aber ist ein Versiegen des Golfstroms, wie ihn Stefan Rahmstorf und Andrey Ganopolsky, zwei Kollegen Schellnhubers am PKI, in einer Modellrechnung vorhersagen. Auslöser dafür sind Temperatur- und Salzgehalts-Änderungen (an den Polen schmilzt Süßwasser-Eis) der Meere. Bliebe der warme Quell aus dem Golf von Mexiko aus, könnte sich Europa - trotz der globalen Erwärmung - in eine Eiswüste verwandeln.

Spätestens dann wäre es mit dem hier zu Lande verbreiteten "Treibhaus-Optimismus" vorbei. "Viele Deutsche", sagt Stephan Bakan vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, "assoziieren mit einer Temperaturerhöhung von zwei, drei oder vier Grad vor allem eines: Urlaub." Diese Hoffnung droht, frostig enttäuscht zu werden.

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