Gesundheit : Wissenschaftskolleg: Ein Haus voller Ideen

Dorothee Nolte

Wenn einer wie Wolf Lepenies nach fünfzehn erfolgreichen Jahren das Rektorat des Wissenschaftskollegs an einen Nachfolger, den ehemaligen Verfassungsrichter Dieter Grimm, übergibt, dann ist das ein Ereignis, und alle wollen dabei sein. Bei der feierlichen Festveranstaltung zur Rektoratsübergabe am Dienstagabend drängelten sich denn auch über 200 Gäste in den Räumen der Grunewalder Villa, und unter ihnen waren fast alle, die in der Wissenschaftsszene und darüber hinaus Rang und Namen haben: ehemalige Wissenschaftssenatoren und Universitätspräsidenten - Manfred Erhardt, Christoph Stölzl, Hans Meyer, Eberhard Lämmert - , die Leiter anderer Institutionen wie Susan Neiman vom Einstein Forum, Gary Smith von der American Academy, Sigrid Weigel vom Zentrum für Literaturforschung und Gesine Schwan von der Frankfurter Viadrina, Botschafter wie Thomas Borer-Fielding und Persönlichkeiten wie Sybille Volkholz, Nicolaus Sombart, Richard von Weizsäcker, Joachim Sartorius, Hilmar Hoffmann, Ivan Nagel und Hartmut von Hentig. Ein Zeichen dafür, welche Bedeutung dem Wissenschaftskolleg zugemessen wird, und wie viele Freunde und Förderer es hat.

Voll des Lobes

In seiner nunmehr zwanzigjährigen Geschichte hat das Kolleg, an dem jedes Jahr 40 Fellows aus allen Teilen der Welt aufeinander treffen, erst zwei Chefs gehabt: Gründungsrektor Peter Wapnewski und Wolf Lepenies. In seiner Amtszeit wurden Schwester-Institutionen in Budapest, Bukarest, Sofia und Sankt Petersburg gegründet - getreu dem Motto, dass man am Wissenschaftskolleg nicht über andere Kulturen forscht, sondern mit ihnen. So waren die Festredner auch des Lobes voll: Bundespräsident Rau würdigte das Kolleg als einen Ort, an dem das fächerübergreifende Gespräch gepflegt wird, wie es in den spezialisierten und anonymen Hochschulen kaum mehr möglich ist; Staatssekretär Catenhusen sprach von einem "Haus voller Ideen", dessen Haupt-Geldgeber, der Bund und das Land, eine langfristige finanzielle Stabilität garantierten. Gerade jetzt, nach den Anschlägen vom 11. September, sei der kulturelle Dialog, wie er vom Wissenschaftskolleg seit jeher gepflegt wird, besonders wichtig, betonte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Hubert Markl. Und Wissenschaftssenatorin Adrienne Goehler konnte gleich eine frohe Botschaft verkünden: der Schwerpunkt "Moderne und Islam", dessen Finanzierung nach Ablauf der Erprobungsphase ungewiss war, wird vom Land Berlin weiterhin unterstützt werden.

Temperamentvoller Grimm

Was also bleibt für denjenigen zu tun, der ein so unangefochten erfolgreiches Haus übernimmt? Dieter Grimm, der temperamentvoll hinter dem Rednerpult herumhüpfte, nannte fünf inhaltliche Schwerpunkte, die ihm wichtig sind: die Gründe für das Gelingen oder Scheitern von Verfassungsstaaten; die Finalität Europas; das Funktionieren komplexer Gesellschaften auch im Tierreich; die Bildwissenschaft; und die Frage, wie die rechtliche Disziplinierung von politischer Macht unter den Bedingungen der Globalisierung zu bewahren sei. Außerdem möchte Grimm eine Idee verwirklichen, die noch von Lepenies stammt: Künftig sollen auch Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft ans Kolleg eingeladen werden, um sich dort eine Phase des Innehaltens zu gönnen. Gerade in Zeiten, in denen die Wissenschaft immer mehr zur Dienstleisterin für die Wirtschaft herabgewürdigt werde, seien Orte wie das Kolleg unverzichtbar.

Wolf Lepenies bleibt dem Kolleg als Permanent Fellow erhalten; er möchte Bücher schreiben und als Autor für die Süddeutsche Zeitung tätig sein. Wie immer war seine Rede mit amüsanten Zitaten verziert, das letzte stammte von einem unbekannten und wohl eigens zu diesem Zweck erfundenen Dichter: "Jetzt habe ich erstmal genug vom Austausch der Ideen; ich will auch mal welche für mich behalten." Ob die Süddeutsche Zeitung dafür der richtige Ort ist, werden die Leser sehen.

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