Gesundheit : Wissenschaftskolleg: Finanzen, Südindien und die Fliege Drosophila

Dorothee Nolte

In einem Punkt ist das Wissenschaftskolleg in diesem Jahr dem Rest der Gesellschaft weit voraus: Auch ohne Schützenhilfe von Gerhard Schröder oder Tamtam um Greencards zieht die Berliner Einrichtung Inder an. Unter den diesjährigen Fellows sind Inder überproportional vertreten, und zwar nicht nur in der Forschungsgruppe "Einheimische Geschichtsschreibung und die Europäische Wahrnehmung von Südasien, 1500-1800".

In dieser Gruppe versuchen ein Historiker (Muzaffar Alam, New Delhi), ein Literaturwissenschaftler (Narayana Rao, Madison), ein Sozialwissenschaftler (Sanjay Subrahmanyam, Paris) und ein Religionswissenschaftler (David Shulman, Jerusalem) die Geschichte Indiens aus der Perspektive der Einheimischen zu beschreiben. Sie untersuchen dafür literarische und andere Texte aus der Zeit nach 1500, die von Autoren in Südindien geschrieben wurden und die Aufschluss geben über das Geschichtsverständnis der eingesessenen Bewohner des Landes - Texte, die unter dem Einfluss britischer Kolonialherrschaft und viktorianischer Moral lange Zeit als "schlechte Literatur" abgetan wurden. Diese Werke zur Kenntnis zu nehmen, kann auch dazu führen, Epochengrenzen neu zu ziehen - die "indische Moderne" etwa begann nicht zeitgleich mit und durch die Kolonisierung, sondern früher, meint zumindest Narayana Rao.

Wie in jedem Jahr kommen im Herbst etwa vierzig Fellows in das Villenensemble in Grunewald, um zehn Monate lang ihrer Forschung nachgehen zu können. Hier sind sie ungestört von Lehrverpflichtungen oder Gremiensitzungen und finden im lockeren Austausch mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen Anregungen für ihre Arbeit. Inzwischen kann das 1980 gegründete Haus auf 19 Fellow-Jahrgänge zurückblicken; der diesjährige, 20. Jahrgang, ist gleichzeitig der letzte unter der Verantwortung des scheidenden Rektors Wolf Lepenies.

Wissenschaft ist nicht planbar

Neben dem Südasien-Schwerpunkt gibt es weitere Forschungsprojekte, in denen mehrere Wissenschaftler an verwandten Themen forschen: "Moderne und Islam", "Raumkognition", "Demographie und die Evolution von Eusozialität" sowie "Globalisierung und die wachsende Macht des Kapitals". "Letztlich sind es aber alles individuelle Projekte", sagt Pressesprecher Reinhart Meyer-Kalkus. "Wissenschaft ist ja nicht planbar. Gerade das Unvorhergesehene ist spannend." Und es ist besonders die völlige Freiheit in Themenwahl und Arbeitsweise, die die Fellows an dem Kolleg schätzen.

Mindestens einen Fall sehr enger Zusammenarbeit wird es geben: Die Historiker Klaus Bade (Osnabrück) und Pieter Emmer (Leiden) bereiten eine europäische Enzyklopädie über "Migration - Minderheiten - Diaspora" vor. Darin soll die Sozial- und Kulturgeschichte von Wanderungsbewegungen, Minderheiten und Diasporasituationen seit dem 16. Jahrhundert erfasst werden.

Auch Leticia Aviles (Arizona) und Rhaghavendra Gadagkar (Bangalore) werden eng zusammenarbeiten. Die beiden Biologen interessieren sich für Tiere wie Spinnen oder Wespen, die in Gruppen leben und ein Sozialverhalten zeigen, das sich nicht ausschließlich aus ihrer genetischen Veranlagung erklären lässt. Unter welchen Bedingungen entwickelt sich die Bereitschaft zur Kooperation und in welcher Formen? Amitabh Joshi (Bangalore) wird ähnlichen Fragen bei der Fliege Drosophila nachgehen.

Eine zweite biologisch ausgerichtete Forschungsgruppe beschäftigt sich mit dem Thema "Raumkognition". Die Psychologin und Zoologin Cynthia Moss (Maryland) möchte grundlegende Prinzipien herausfinden, die die Wahrnehmung von Raum steuern. Wie nehmen sie Informationen über die räumlichen Verhältnisse auf? Hans-Ulrich Schnitzler (Tübingen) untersucht hier vor allem Fledermäuse und ihre Fähigkeit der Echo-Ortung. Dass nicht nur in dieser Gruppe die engen Fächergrenzen - etwa zwischen Biologie, Psychologie, Mathematik - überschritten werden, versteht sich im Wissenschaftskolleg von selber.

Mit dem übergreifenden Thema "Moderne und Islam" befassen sich fünf Wissenschaftler. Dale Eickelmann (Dartmouth) untersucht die Veränderungen der muslimischen Welt durch moderne Kommunikationsmedien: Welche Art von Öffentlichkeit entwickelt sich dadurch, und welche Rolle spielen die religiösen Intellektuellen? Der Rechtswissenschaftler Mohammad Hashim Kamali (Kuala Lumpur) fragt nach Grundrechten und Freiheiten im islamischen Recht, Navid Kermani (Köln) beschäftigt sich mit dem Werk eines altpersischen Mystikers, und Jacques Waardenburg (Lausanne) untersucht die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen in Asien und Afrika.

Von unmittelbar politischer Bedeutung ist die Arbeit von Peter Bernholz und Robert Wade in der Schwerpunktgruppe "Globalisierung und die wachsende Macht des Kapitals". Die beiden Ökonomen analysieren, wie die Eigentümer und Manager von Finanzkapital die Regeln der Politik zu ihren Gunsten beeinflussen. Von "globalem Kapital" zu sprechen, sei eigentlich eine Verschleierung, meint Wade: "Entscheidend ist das amerikanische Kapital, dessen Interessen vom amerikanischen Staat vorangetrieben werden. Globalisierung ist Finanzialisierung ist Amerikanisierung."

Arbeit an einer Klavieretude

Neben den Wissenschaftlern, deren Arbeit sich Schwerpunktthemen zuordnen lässt, gibt es wie jedes Jahr eine Anzahl frei schwebender Geister. Nur einige Beispiel: Die Literaturwissenschaftlerin Debora Shuger (Los Angeles) fragt nach Funktion und Auswirkungen der Zensur im frühmodernen England. Der Philosoph Richard Bernstein (New York) erforscht die Bedeutung des Bösen in der modernen Geistesgeschichte, der Historiker Philippe Burrin (Genf) vergleicht, wie die verschiedenen europäischen Völker auf die Besatzung durch die Nationalsozialisten reagierten. Der Philosoph Leszek Kolakowski wird sich mit dem katholischen Modernismus beschäftigen und der Politologe Klaus von Beyme mit dem Verhältnis von Demokratie und Kunst. Gar nicht wissenschaftlich wird der Komponist György Ligeti arbeiten: Sein Ziel ist es, am Wissenschaftskolleg eine Klavieretude und ein musiktheatralisches Werk "Alice in Wonderland" zu verfassen.

Einzigartig ist das Projekt des Historikers Zvi Yavetz (New York und Tel Aviv): Er möchte ein Buch über das Alltagsleben in Czernowitz zwischen den Weltkriegen schreiben, über den Ort also, in dem er selbst 1925 geboren wurde und dessen jüdische Bevölkerung von den Nazis ermordet wurde. "Ich fürchte, ich bin der letzte dieser Generation, der ein solches Buch schreiben kann", sagt er.

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