Gesundheit : Wissenschaftsrat: Ein Reformer geht - ein Reformer kommt

Uwe Schlicht

Es gibt blasse und starke Vorsitzende. Das gilt auch für den Wissenschaftsrat. Selten sind sie Revolutionäre im Gewand eines Reformers oder Reformer, die Revolutionäres wagen. In der Wendezeit war Dieter Simon ein starker Vorsitzender. Er wollte es nicht wahrhaben, dass die DDR wissenschaftlich eine Wüste sei. Er schickte die Experten des Wissenschaftsrats zur Evaluation in den Osten und rettete viele Forschungsinstitute vor der Abwicklung. Aber die überfällige Reform der Hochschulen in ganz Deutschland gelang nicht. Die große Reform wurde wegen der Wiedervereinigung vertagt.

Winfried Schulze hat als Vorsitzender des Wissenschaftsrats in den drei Jahren seit 1998 das Versäumte nachgeholt. Wenn die Kultusminister von den Grünen bis zur CDU den jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrats weiter so konsequent zur Umsetzung verhelfen wie bisher, dann wird Winfried Schulze als radikaler Reformer in die Geschichte eingehen.

Es begann damit, dass der Wissenschaftsrat mit Befürchtungen aufräumte, in Deutschland würden zu viele Studenten ausgebildet. Jahrelang verursachte die Angst vor einem akademischen Proletariat einen Zickzackkurs. Bund und Länder haben sich jetzt überzeugen lassen, dass im internationalen Vergleich 30 Prozent eines Jahrganges an die Hochschulen müssen. Eigentlich geht es eher in Richtung 40 Prozent.

Ein Paukenschlag

Aus dieser Analyse folgte der Paukenschlag, mit dem sich Winfried Schulze viele Feinde gemacht hat. Bis in die 60er Jahre kamen nur fünf Prozent eines Jahrganges auf die Hochschulen. Heute sind es Massen - nahezu zwei Millionen. Massenausbildung funktioniert nicht nach den alten Rezepten: In einem ungegliederten Studium am Ende nach fünf bis sieben Jahren das große Examen wie eine riesige Hürde zu nehmen - das soll bald out sein. Und nicht jeder kann ein Wissenschaftler werden. Die meisten brauchen nur eine fundierte und wesentlich kürzere Berufsausbildung. Berufsausbildung in einer Zeit der Jobrotation, in der keine Stellen auf Dauer mehr so sicher sind wie vor Jahrzehnten, muss neu organisiert werden.

Was folgt daraus: Kürzere Studienzeiten statt der heute üblichen sieben Jahre für die Erstausbildung. Für die Massen den Bachelor nach drei Jahren Studium, für die Elite anschließend zwei weitere Jahre bis zum Master. Aber auch die frühen Absolventen sollennach Jahren der Berufstätigkeit an die Hochschulen zur Weiterbildung zurückkehren können, um den Master nachzuholen. Dass auch die Fachhochschulen den Master anbieten und nicht nur die Universitäten, ist die zweite Revolution. Das ist die Aufwertung eines Aschenputtels.

Die dritte Revolution ist die allgemeine Orientierung der Hochschulen an der Leistung. Kein Erbhofdenken mehr, keine Berufungszusage für das ganze Wisenschaftlerleben sichert künftig die Gelder und Stellen. Gelder und immer mehr Mitarbeiter werden ständig neu zugeteilt - und zwar nach den erbrachten Leistungen. Dafür werden bundesweit Kennziffern eingeführt. Und die Dienstrechtsreform wird sogar die Besoldung ändern.

Die vierte Revolution ist die Überprüfung von immer mehr Forschungsinstituten. Eigentlich ist das eine selbstverständliche Frage. In der Wissenschaft muss sie erst selbstverständlich werden: Erfüllen die Institute Jahre nach ihrer Gründung die in sie gesetzten Erwartungen? Wenn nicht, werden sie geschlossen oder zu Reformen gezwungen. Auch die Forschungsorganisationen müssen sich umorientieren. Im Vordergrund stehen dabei nicht mehr die festen Säulen - Max-Planck-Institute, Leibnizgemeinschaft, Helmholtz Gesellschaft - , sondern die Themen. Quer durch die Wissenschaft sollen Hochschulen und Forschungsinstitute gemeinsam Projekte auf Zeit bearbeiten. Die Universitäten sollen an Forschungskompetenz gewinnen.

Das ist ganz im Sinne des neuen Vorsitzenden an der Spitze des Wissenschaftsrats, des Berliner Charité-Mediziners Karl Max Einhäupl. So fragte denn Einhäupl bei seinem Amtsantritt rhetorisch vor Journalisten: "Gibt es nach Winfried Schulze noch etwas, was sich der Wissenschaftsrat vornehmen kann?" Natürlich. Einhäupl zählte ein beachtliche Liste auf: Zum Beispiel die Medizin. Die Hochschulmedizin sei nicht mehr in der Lage, in gleichem Maße exzellente Ärzte und hervorragenden Nachwuchs für die Forschung auszubilden. Vor allem sollen die Naturwissenschaften stärker in die Medizin einbezogen werden, um die Forschung wieder international konkurrenzfähiger zu machen. Modellhaft ist für Einhäupl ein Reformstudiengang der Charité in den Neurowissenschaften. Am Ende soll es naturwissenschaftlich orientierte Absolventen geben, die sich auf die Diagnostik spezialisieren und Mediziner, die sich ganz der Krankenbehandlung verschreiben.

Arbeitsteilung in der Medizin

Eine ähnliche Arbeitsteilung ist bei den Abteilungsleitern und Klinikchefs im Gespräch. Es sei nicht länger hinnehmbar, dass an vielen Unikliniken die Krankenbehandlung hervorragend läuft, dafür aber die Forschung und Lehre in den Hintergrund gedrängt wird. Deswegen sollten künftig die Professoren vor die Entscheidung gestellt werden, entweder Forschung und Lehre zu einem Schwerpunkt zu machen oder die Krankenversorgung.

In der Leistungsbewertung der Hochschulen will der Wissenschaftsrat einen Schritt nach vorn tun. Die Experten arbeiten an verfeinerten Kriterien, um damit den immer noch einseitigen Rankings zu begegnen, die in Zeitschriften und Magazinen veröffentlicht werden. Es gibt nicht die beste Universität oder die beste Fachhochschule. Es gibt nur gute und weniger gute Fächer. Ein eigenes Ranking will der Wissenschaftsrat jedoch nicht organisieren. Respekt zollt der neue Vorsitzende des Wissenschaftsrats dem bundesweiten Leistungsvergleich in den Fächern. Was das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) im Auftrag der Bertelsmannstiftung und der Rektorenkonferenz hier schon geleistet hat, soll durch die neuen Kriterien des Wissenschaftsrats verfeinert werden.

Initiativen will der Wissenschaftsrat in der Forschungsfinanzierung ergreifen. Einhäupl wird bei der Wirtschaft Klinken putzen. Vorbild sind die Vereinigten Staaten, in denen die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft schon seit Jahrzehnten viel intensiver angelegt ist als hier zu Lande. In den USA finanziert die Wirtschaft nicht nur Projekte, sondern ganze Fakultäten. Das ist in Deutschland undenkbar: einige Drittmittel, hier und da eine Stiftungsprofessur für höchstens fünf Jahre, einige Stipendien und Minihochschulen mit zwei Fächern, um den Spezialbedarf der Wirtschaft an Betriebswirten oder Computerfreaks zu decken. Einhäupl kritisiert dieses begrenzte Engagement als kurzfristiges Denken. Er wolle der Wirtschaft vermitteln, dass sie in zehn oder 20 Jahren auf Erkenntnissen der heutigen Forschung basieren werde. Dafür soll sie sich schon heute in der Hochschulfinanzierung engagieren.

Die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen ist für Einhäupl wie für seinen Vorgänger Winfried Schulze ein Ärgernis. Die deutliche Erhöhung der Gelder für den Hochschulbau durch Bund und Länder auf jetzt 4,3 Milliarden Mark im Jahr reicht nicht aus, um den Sanierungsbedarf für die vielen Hochschulbauten aus den 70er Jahren und den Hochschulausbau im Osten finanzieren zu können. Allein im Hochschulbau fehlen immer noch jährlich 700 Millionen Mark. Aus früheren Jahren hat sich ein Stau nicht finanzierter Sanierungen und Neubauten ergeben, der in die Milliarden geht.

Ohne einen Kurswechsel brauchten die Politiker nicht mehr von Reformen zu reden, meint Einhäupl. Deutschland könne sich die Unterfinanzierung auch deswegen nicht leisten, weil sonst der wissenschaftliche Nachwuchs nicht mehr herangebildet werden kann, den die Wirtschaft und die Forschungsinstitute von den Unis benötigen.

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