Gesundheit : Wissenschaftssommer Berlin: Überforderte Wissenschaft, überforderte Politik

Uwe Schlicht

In Berlin geht die Wissenschaft auf den Markt: In dieser Woche präsentiert sie sich in den Arkaden am Potsdamer Platz, mitten in der Stadt unter der Gedächtniskirche und in den Instituten von Adlershof bis Buch. Soll die Wissenschaft auf den Markt gehen oder vergibt sie sich dabei etwas? Die führenden deutschen Wissenschaftsorganisationen sagen, die Wissenschaftler müssen auf den Markt. Die Initiative "Push", vom Stifterverband organisiert, steht dafür - der Wissenschaftssommer in Berlin, der am Sonntag begonnen hat und in der langen Nacht der Wissenschaft am 15. September seinen Höhepunkt findet, ist ein Beispiel.

Meint auch ein weltweit berühmter Sozialwissenschaftler wie Lord Ralf Dahrendorf, dass die Wissenschaft auf den Markt gehen soll? Das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung hatte den Soziologen zum Auftakt des Wissenschaftssommers für einen Vortrag gewonnen. Dahrendorf hatte sich in den sechziger Jahren für die Bildung engagiert, war von der Wissenschaft in Tübingen und Konstanz ins auswärtige Amt gewechselt und kehrte schließlich über die EU-Kommission in Brüssel in die Wissenschaft als Rektor der renommierten London School of Economics zurück. Kann ein Wissenschaftler mit solch einer Biographie etwas anderes sagen, als dass die Wissenschaft auf den Markt gehört? Er kann.

Als Dahrendorf 1974 von der EU nach London ging, wollte er an der London School of Economics ein Zentrum für Politikberatung einrichten. Aber von den Konservativen bis zu den Linken stieß er nur auf Widerstand. Die Gegenposition lautete: Die wertfreie Wissenschaft braucht ihre Distanz zur Praxis und darf sich nicht an öffentlichen Interessen ausrichten.

1976 nahm Dahrendorf Abschied von seiner Lieblingsidee und erlebt es nun 25 Jahre später, dass sein Freund und Nachfolger im Rektorenamt, Anthony Giddens, die London School of Economics für eine Vielzahl von Politikberatungen geöffnet hat. Da gibt es Wissenschaftler, die Risikoforschung betreiben und zugleich für ein Versicherungsunternehmen arbeiten. Giddens scheut sich nicht, seine Freunde Tony Blair und Bill Clinton zu Vorträgen in die Gelehrtenwelt zu holen und er propagiert den "Dritten Weg" vom Katheder, den Tony Blair in Politik umzusetzen versucht. Viele Politikberatungen scheinen die Hochschule weniger zu gefährden als die Einrichtung einer einzigen Politikberatung, wie sie Dahrendorf vorschwebte.

Warum das so ist, beantworte Dahrendorf mit ironischen Formulierungen: Er bezeichnete die jetzige London School of Economics als eine postmoderne Hochschule. Sie sei keine Hochschule aus einem Guss mehr und auch nicht so penibel wie früher. Aber gerade wegen dieser Vielfalt gebe es noch genügend Raum für Wissenschaftler, die nicht den Drang in die Öffentlichkeit verspüren und Nischen für die reine Wissenschaft suchen.

Jenseits aller Vielfalt wurde Dahrendorf zum Schluss seines Vortrags grundsätzlicher. Die Stammzellenforschung konfrontiert die Wissenschaft und Politik mit neuen Fragen: Können die Vernichtung von Embryonen für Forschungszwecke oder das Klonen die Parlamente unberührt lassen? Aber wie muss ein Parlament beschaffen sein, das hier wegweisende Entscheidungen trifft? Der früher in angelsächsischen Demokratien gerühmte common sense - der gesunde Menschenverstand - reicht dazu nicht aus. Politiker und Öffentlichkeit müssen über alle Gefahren und Erwartungen der Wissenschaft in Kenntnis gesetzt werden.

Dahrendorf sieht die Wissenschaft keineswegs in einer Position der Stärke, sondern eher in einer der Schwäche, wenn sie der Öffentlichkeit vorschnelle Erkenntnisse präsentiert und so den Eindruck erweckt, dass über die Stammzellenforschung bedrohliche Krankheiten bald und sicher geheilt werden könnten, obwohl es dafür bisher nur Hoffnungen und allenfalls begründete Anzeichen gebe. An die Forschungsorganisationen appellierte Dahrendorf, mit den Grundsatzentscheidungen nicht vorauszueilen, bevor nicht berufene Einrichtungen wie in Deutschland vielleicht das Bundesverfassungsgericht oder in Großbritannien das Parlament das letzte Wort gesprochen haben.

Ob die damit verbundenen Fragen von modernen Parlamenten überhaupt mit der gebotenen Tiefe und Informiertheit entschieden werden könnten - diese Frage ließ Dahrendorf offen. In Großbritannien gibt es neben dem Unterhaus dafür wenigstens noch das Oberhaus, das sich für solche Grundsatzdebatten unter Einbeziehung der Politik, der Kirchen und der Wissenschaftler Zeit nimmt.

In der Sicht von Lord Dahrendorf ist das informierte Nachdenken für die Zukunft der Demokratie und die Verfassung der Freiheit notwendig. Das gelingt ohne ein Grundverständnis der Wissenschaft nicht mehr. Politikberatung durch die Wissenschaft ist damit unentbehrlich geworden.

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