Gesundheit : Wissenschaftsstandort Berlin in Gefahr

Uwe Schlicht

"Die Hochschulmedizin ist mit Abstand der leistungsfähigste Wissenschaftsbereich in Berlin." Außerdem sei die Hochschulmedizin der Katalysator für die Biomedizin mit inzwischen 150 Unternehmen in der Stadt. Die Mediziner an den beiden Universitätsklinika Charité und Benjamin Franklin hätten es erreicht, mit den bisher führenden medizinischen Standorten Heidelberg und München vergleichbar zu werden. Jetzt werde "Berlins Spitzenstellung in der medizinischen Forschung Deutschlands kaum mehr lange zu halten sein".

Diese Warnungen sprach der Vorsitzende des Medizinausschusses des Wissenschaftsrats, der Tübinger Medizinprofessor Dietrich Niethammer, auf dem Neujahrsempfang der Charité aus. Der Wissenschaftsrat ist das höchste Beratungsgremium für die Hochschulpolitik in Deutschland, er begutachtet die Leistungsfähigkeit und gibt Empfehlungen für die Millionengelder des Bundes, die in den Hochschulbau fließen.

Keine überzeugenden Gründe

Niethammers Warnungen gelten der Absicht der rot-roten Koalition, dem FU-Klinikum Benjamin Franklin den Status eines Universitätsklinikums zu nehmen und es in ein städtisches Versorgungskrankenhaus vom Jahre 2006 an umzuwandeln. Niethammer betonte, dass sich der Wissenschaftsrat nicht dagegen wende, die Schließung von Universitätsklinika zu empfehlen, aber dafür müssten zwei Gründe maßgeblich sein: Entweder reichten die wissenschaftlichen Leistungen nicht aus oder die finanzielle Notlage eines Landes lasse die Weiterführung eines Uniklinikums nicht zu. Zur Niveaufrage: Nach dem Rückstand der FU-Medizin zu Beginn der neunziger Jahre zähle die FU-Medizin jetzt zu den überdurchschnittlichen Klinika in Deutschland. Mit 310 000 Euro werbe jeder FU-Medizinprofessor das Doppelte an Drittmitteln wie der Durchschnitt ein. Die Schließung des Klinikums Benjamin Franklin werde "den Wissenschaftsstandort Berlin nachhaltig schwächen".

Zur Finanzsituation sagte Niethammer: In Berlin gebe es zwar eine finanzielle Notlage, aber die von der rot-roten Koalition erwarteten Einsparungen beim Staatszuschuss für Forschung und Lehre würden nicht erreicht, wenn man die Verluste gegenrechne, die Berlin bei der Aberkennung des Universitätsstatus für Benjamin Franklin hinnehmen müsse. Es sei zu erwarten, dass Berlin 190 Millionen Euro an den Bund zurückzahlen müsse, wenn Benjamin Franklin in ein städtisches Krankenhaus umgewandelt werde. Denn der Bund beteiligt sich nur an der Finanzierung von Hochschuleinrichtungen und fordert Gelder zurück, wenn diese ihren Hochschulstatus verlieren.

Außerdem sei mit einem Verlust von Drittmittleinwerbungen zu rechnen - zuletzt hatte das Klinikum Benjamin Franklin Drittmittel in Höhe von 50 Millionen Mark oder 25 Millionen Euro eingeworben. Diesen Verlusten stünden jährliche Einsparungen von 97 Millionen Euro beim Staatszuschuss für Lehre und Forschung gegenüber.

Außer Niethammer hatte auch schon die Deutsche Forschungsgemeinschaft davor gewarnt, dass Berlin seine Fähigkeit zur erfolgreichen Einwerbung von Drittmitteln verlieren werde, wenn der Staatszuschuss für die Grundausstattung in der Medizin weiter so gekürzt werden sollte. Zuletzt hatten die Mediziner von FU und Charité zusammen 160 Millionen Mark oder 80 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben.

Nicht in Geld zu beziffern sei der Verlust Berlins an Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Wissenschaftsszene. Der Wissenschaftsrat sehe es "als sehr bedenklich an, wenn die Hochschulverträge nach kurzer Zeit bereits zur Makulatur werden". Dann würden hochkarätige Wissenschaftler den Standort Berlin meiden.

Niethammer grenzte die Bereitschaft zur Mitwirkung des Wissenschaftsrats an der Berliner Neuordnung ein: Der Wissenschaftsrat sei nicht bereit, die Hausaufgaben des Landes und der hiesigen Hochschulen zu übernehmen. Aber der Wissenschaftsrat empfehle dem Land, schnell eine Expertenkommission einzuberufen, "um Konzepte für die Erhaltung beider medizinischen Fakultäten zu entwickeln". Bei der Berufung dieser Expertenkommission wolle der Wissenschaftsrat mithelfen.

Niethammer lobte die Charité zwar für ihre Solidarität mit dem FU-Klinikum, betonte jedoch, dass wohlfeile Erklärungen allein nicht ausreichten. Schwerpunkte, Profile, Konzentrationen, gemeinsame Berufungen, Privatisierung für die Krankenversorgung - alles das könne jetzt zur Diskussion stehen. "Beide Fakultäten müssen sich gemeinsam der neuen Herausforderung stellen. Auch die Charité muss dazu beitragen, Steglitz vor dem Aus zu bewahren."

Dietel: Weniger Staat ist besser

Nach der mit viel Beifall aufgenommenen Rede dankte der ärztliche Direktor der Charité, Manfred Dietel, mit einem langen Händedruck seinem Kollegen vom Wissenschaftsrat. Das deutet auf großes Einverständnis hin. Zuvor hatte Dietel an alle Beteiligten appelliert, die Diskussion über den Umbruch in der Hochschulmedizin fair und intensiv zu führen. Wenn er sich die Verlässlichkeit der Berliner Politik anschaue, habe er für eine schrittweise Entstaatlichung immer mehr Sympathien. Dietel erinnerte an das gebrochene Versprechen der Politiker, die Finanzierung des Ausbaus der Charité am Standort Mitte zu garantieren. Das werfe die Frage auf, in welcher Rechtsform der Fortbestand der Klinika besser gesichert sei - in staatlicher oder privater Verantwortung. Wie auch immer - grundsätzlich sei die Freiheit von Forschung und Lehre zu erhalten und die Charité müsse die medizinische Fakultät der Humboldt-Universität bleiben. Gedanken an eine eigenständige medizinische Hochschule erteilte Dietel eine Absage.

Der neue Wissenschaftsminister Thomas Flierl von der PDS kündigte an, dass er alle Fragen ohne ideologische oder politische Voreingenommenheit prüfen werde. Der Berliner Senat wolle die Leistungsfähigkeit der Hochschulmedizin in Berlin weiterentwickeln. Außerdem sprach sich Flierl dafür aus, die bewährten Hochschulverträge zu erhalten. Aus seiner Sicht stehe bald eine Entscheidung über die Nutzung des Bettenhochhauses der Charité in Mitte an.

0 Kommentare

Neuester Kommentar