Gesundheit : Wissenschaftszentrum Berlin: Jürgen Kocka :"Brücken schlagen zwischen den Fächern"

Für die nächsten sechs Jahre stehen Sie

Für die nächsten sechs Jahre stehen Sie dem größten sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut Europas vor. Was sind aus Ihrer Sicht die zukunftsweisenden Themen, mit denen sich die Sozialwissenschaften im kommenden Jahrzehnt zu befassen haben?

Ein solches Zukunftsthema ist natürlich die Kommunikationsrevolution und ihre Auswirkungen auf die Demokratie und die Arbeitswelt. Ein anderes wäre die zunehmende internationale Verflechtung etwa auf ökonomischem und finanziellem Gebiet: Wir müssen die Internationalisierung unseres Denkens und Lebens ernst nehmen und nach transnationalen Zugriffen suchen, um ihre neue Qualität zu verstehen. Auch die Migrationen werden die Geschichte Europas in den nächsten Jahrzehnten prägen - ein großes Thema für die Sozialwissenschaften, auch aus historischer Perspektive, denn wir können viel aus der Geschichte der Wanderungen, der kulturellen Mischungsprozesse und der Reaktionen darauf lernen.

Wo sehen Sie Versäumnisse der Sozialwissenschaften in der Vergangenheit?

Nach 1990 haben Wirtschaftswissenschaften und -politik allzu schnell rein marktwirtschaftliche Modelle in die mittel- und osteuropäischen Länder implantieren wollen, die nicht greifen konnten, weil sie ohne Berücksichtigung der sozialen und kulturellen Bedingungen formuliert wurden. Da haben die Sozialwissenschaftler nicht rechtzeitig ihre Stimme erhoben - oder sie sind nicht ernst genommen worden, weil sie der Ökonomie fern standen.

Nach dem Fall der Mauer hat man den Sozialwissenschaften ihre mangelnde Prognosefähigkeit vorgeworfen: Niemand hatte das vorausgesehen. Können die Sozialwissenschaften denn überhaupt etwas über die Zukunft sagen?

Wenn es gelingt, wirtschaftliche Entwicklungen in ihrer Abhängigkeit von und ihren Auswirkungen auf soziale und kulturelle Bedingungen zu begreifen, wird es auch leichter sein, realistische Prognosen über ein paar Jahre oder Jahrzehnte abzugeben. Hier wäre viel zu gewinnen aus einer stärkeren Zusammenarbeit der Sozialwissenschaften untereinander, einschließlich der Wirtschaftswissenschaften und der Geschichte.

Stichwort Geschichte: Sie sind der erste Historiker an der Spitze des WZB.

Das ist nicht absolut außergewöhnlich, wenn man bedenkt, dass die Geschichtswissenschaft zu einem Teil auch immer Sozialwissenschaft ist. Ich habe immer auf dem Überschneidungsgebiet zwischen Geschichte und benachbarten Sozialwissenschaften gearbeitet. Vielleicht hat die Suchkommission mich dem Kuratorium vorgeschlagen, weil es günstig schien, jemanden zu nehmen, der keiner der hier vertretenen Disziplinen zu nah steht. Eine Außenseiterstellung bringt ja auch Chancen mit sich: Aus der Mischung von Vertrautheit und Distanz können neue Ideen entstehen.

Im WZB arbeiten überwiegend Soziologen, Politologen und Wirtschaftswissenschaftler. Sprechen Sie eine andere Sprache als Ihre Mitarbeiter?

Es stimmt, die Sprachen sind nicht dieselben. Es gibt in den Sozialwissenschaften eine erhebliche Neigung zur fachspezifischen Professionalisierung und eine Tendenz, die Unterschiede zwischen den Fächern auch in der Sprache zu unterstreichen. Das hat seine Berechtigung. Für die Verständigung zwischen den Disziplinen und mit der Öffentlichkeit kann es jedoch zur Barriere werden. Historiker stehen mit ihrer Sprache in der Regel näher an der gebildeten Alltagssprache. Auch insofern kann eine gewisse Historisierung der sozialwissenschaftlichen Fragestellungen und Ergebnisse helfen, Brücken zwischen Soziologie, Ökonomie und Politologie zu schlagen.

Das breite Publikum nimmt die Sozialwissenschaften kaum wahr ...

Leider! Die Feuilletons sind voll von Themen, die sozialwissenschaftlicher Art sind, aber die Sozialwissenschaftler sind in den öffentlichen Medien kaum präsent. Das ist eine merkwürdige Diskrepanz, denn es besteht ja ein Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Aufklärung - zum Beispiel über den Wandel der Arbeitswelt, den Zusammenhalt in modernen Gesellschaften oder den Rechtsextremismus.

Das WZB steht vor einem Generationswechsel, mehrere Abteilungsleiter werden in den nächsten Jahren ausscheiden. Wollen Sie eine, wie Sie sagten, "Historisierung der Fragestellungen" anstoßen?

Der Leiter einer so großen, starken, erfolgreichen Institution wie des WZB wird sich da keine Illusionen machen. Er kann Angebote machen, dazu beitragen, dass historische sozialwissenschaftliche Perspektiven vielleicht ein wenig wichtiger werden im WZB. Aber oktroyieren kann man das nicht. Das WZB hat in den letzten 15-20 Jahren einen Prozeß der Konsolidierung und Etablierung durchlebt. Den Wechsel an der Spitze und den Generationenwechsel sollte man dazu nutzen zu überlegen, was die großen und innovativen Forschungsthemen der Zukunft sein sollen. Da werden wir viele Diskussionen führen und ich kann keine Ergebnisse vorwegnehmen.

Das WZB ist 1969 von Bundestagsabgeordneten gegründet worden. Eine seiner Aufgaben war von Anfang an die Politikberatung. Welchen Stellenwert räumen Sie dem ein?

Das WZB hat immer seine Autonomie gegenüber den Regierungen gewahrt und ist auch von wechselnden Regierungen gefördert worden. Die Politikberatung hat in den letzten Jahren eher zugenommen; Kommunalverwaltungen, große Unternehmen, Ministerialbehörden arbeiten mit den Ergebnissen unserer Abteilungen. Vielleicht sollte das WZB jetzt, wo die Regierung vor Ort ist, stärker als ganzes in den Dialog treten.

Orientieren sich Politiker nicht stärker an Medien als an Forschungsergebnissen?

In den letzten Jahrzehnten hat in der Tat ein phänomenaler Aufstieg der Medien in ihrer Bedeutung für unser Leben und für die Politik stattgefunden. Auch innerhalb der Wissenschaft sind Medien viel wichtiger geworden, was den eigenen beruflichen Erfolg, die Sichtbarkeit, die Wirkungstiefe angeht. Das hat sich noch beschleunigt und radikalisert durch die Kommunikationsrevolution und die neuen Medien. Die Bilder von den Dingen werden immer wichtiger und lösen sich von den Dingen, die sie abbilden. Dies zum Thema zu machen und dabei gleichzeitig auf die Gestaltung und die Kritik der Bilder einzuwirken, scheint mir eine große Aufgabe für die Sozialwissenschaft zu sein.

Das WZB widmet sich den "modernen industriellen Demokratien", also im Wesentlichen Europa, USA, Japan. Das kommt einem heute fast altmodisch vor: die nicht-westliche Welt auszuschließen.

Das WZB ist kein spezielles Zentrum für die Erforschung der nicht-westlichen Teile der Welt, und wir werden keine Abteilung für Afrika-Forschung gründen. Aber man sollte das auch nicht rigide ausgrenzen. Es kommt auf die Fragestellung an: Will man etwa die Bedeutung des sozialen Kapitals für den wirtschaftlichen Erfolg erforschen, mag es günstig sein, in ein nicht-westliches Land zu gucken. Die Frage, wie wir die Geschichte des Westens mit der Geschichte der nicht-westlichen Welt und ihre jeweilige Zukunft zusammen sehen können, wie wir sie in unseren Analysen und Fragestellungen verknüpfen können, das ist eine der ganz großen Herausforderungen an unser sozialwissenschaftliches Denken.

Die Wissenschaftler am WZB sind überwiegend Deutsche, andere Europäer, Amerikaner ...

Auf diesem Gebiet könnte eine zusätzliche Internationalisierung dem WZB nur gut tun.

Sie bleiben Professor an der FU, aber Ihre Haupttätigkeit wird von nun an im WZB liegen. Haben Sie genug von der Uni?

Nein. Ich weiß, dass es eine Veränderung in meiner beruflichen Laufbahn bedeutet. Aber zu einer erfolgreichen Tätigkeit als wissenschaftlicher Leiter gehört auch die fortdauernde Bodenhaftung in wissenschaftlicher Hinsicht. Man darf nicht aufhören, ein aktiver Wissenschaftler in seinem Bereich zu sein, sonst hebt man ab und verliert aus dem Blick, was Wissenschaft eigentlich ist. Die Zusammenarbeit zwischen dem WZB und den Universitäten ist in den letzten Jahren stark intensiviert worden, darauf legen wir auch größten Wert. Am Anfang wurde das WZB von den Unis als eine Gegenuniversität scharf bekämpft; heute sitzen die Uni-Präsidenten im Kuratorium des WZB und unterstützen diese Einrichtung. Das ist eine fantastische Veränderung!

Sie haben schon Sozialgeschichte betrieben, als das innerhalb der Disziplin der Historiker noch umstritten war. Heute ist die Sozialgeschichte an den Universitäten etabliert. Betrachten Sie Ihre Aufgabe als erledigt?

Ich habe seit den sechziger Jahren immer das Programm einer historischen Sozialwissenschaft zu fördern versucht, also einer Variante der Geschichtswissenschaft, die aus der engen Kooperation von Geschichte und benachbarten Sozialwissenschaften lebt. Ich sehe daher mein jetziges Engagement nicht als Bruch und Beendigung, sondern teilweise als Fortführung dieser Arbeit unter neuen Bedingungen.

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