Gesundheit : Wissensrückstand: Von der Geburt an für die Bildung sparen

Uwe Schlicht

Die Gesellschaft muss sich an den Widerspruch gewöhnen, dass die Zukunft der Arbeitswelt stark von Wissen und Qualifikationen bestimmt sein wird, aber die staatliche Bildungsfinanzierung zurück geht. An den neuen wissensbasierten Arbeitsplätzen ist der Rückstand der Deutschen im internationalen Vergleich Besorgnis erregend. Während andere Industrienationen schon 40 Prozent eines Jahrgangs auf die Hochschulen schicken, sind es in Deutschland nur 28 Prozent. Und von denen erreichen nur 16 Prozent auch den Hochschulabschluss.

Eine Finanzwende ist nicht in Sicht. Die einen fordern deshalb die Einführung von Studiengebühren, andere machen sich Gedanken, wie man das Engagement von Stiftungen und der Wirtschaft intensivieren kann. Auch von den Linken kommen jetzt Ideen, nicht mehr länger auf den Staat allein zu vertrauen. Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung propagiert neuerdings das Bildungssparen. Die Böll-Stiftung wird von den Grünen und dem Bündnis 90 getragen. Wie bereits kurz berichtet, hat am Freitag die einstige Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz das Konzept vorgestellt. Es greift Ideen auf, die schon die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung vor Jahren publiziert hatte, und verarbeitet Anregungen des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmannstiftung.

Als Grundsatz gilt: Für alle Bildungsangebote vom Kindergarten bis zum Abschluss der Sekundarstufe II - also bis zum Abitur und zum Ende der Berufsausbildung - soll alles frei von Gebühren und Entgelten bleiben. Aber danach, wenn es an die Hochschulen und in die Weiterbildung geht, müsste langfristig ein ausgewogenes System von Bildungssparen, Bildungskonten und Bildungsgutscheinen sowie von Bildungskrediten zum Zuge kommen.

Grundsätzlich sollen die Familien möglichst früh - am besten vom ersten Lebensjahr an - dazu veranlasst werden, für ihre Kinder ein Bildungskonto zu eröffnen. Es soll die späteren Kosten für Lebensunterhalt und mögliche Gebühren der Jugendlichen während der Ausbildung mit finanzieren. Das Konto können Eltern, Großeltern und Verwandte speisen. Geld statt Geschenke zum Geburtstag oder zur Konfirmation - lautet die Devise. Der Staat soll das Bildungssparen ebenso begünstigen wie das Bausparen.

Weil Jugendliche Nutzen aus der Bildung ziehen, sollen sie auch zahlen, aber abhängig von den persönlichen Möglichkeiten. Für sein Geld erhält der Jugendliche Bildungsgutscheine, die er an der Hochschule oder Weiterbildungseinrichtung seiner Wahl abgibt. Auf diese Weise sollen Bildungseinrichtungen privat teilfinanziert werden und nicht nur aus Steuern und Staatshaushalten. Die Bildungsgutscheine dürfen nur bei akkreditierten, das heißt öffentlich anerkannten Bildungseinrichtungen eingelöst werden. Das müssen nicht nur staatliche Hochschulen, sondern können auch Privatuniversitäten oder privat geführte Weiterbildungsunternehmen sein. Auf die Anerkennung und damit die Seriösität kommt es an.

Andererseits möchte die Böll-Stiftung den Staat nicht aus der Bildungsfinanzierung entlassen. Vielmehr sollen die Ausgaben der Länder für die Bildung eine Sonderstellung einnehmen und somit "eine Priorität für Bildung und Forschung setzen".

Die Böll-Stiftung greift die Idee des rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministers Jürgen Zöllner auf, der jedem Studenten für ein gebührenfreies Studium eine bestimmte Zahl von Semesterwochenstunden zubilligt. Zöllners Studienkonten reichen für ein Studium, das bis zu vier Semester über die Regelstudienzeit reicht - das sind 13 bis 14 Semester. Wer zügig studiert, kann in eine künftige Weiterbildung gebührenfreie Elemente hinübernehmen - wer ein Langzeitstudent ist, muss schon für sein Erststudium nach Überschreiten der Toleranzgrenze zahlen. Die Böll-Stiftung regt an, dieses Modell durch den Bund finanzieren zu lassen. Zur Kompensation könnte sich der Bund dafür aus der Gemeinschaftsfinanzierung des Hochschulbaus zurückziehen. Damit würde der Hochschulbau künftig allein Sache der Länder sein.

Der Bildungskredit wiederum soll dann zum Zuge kommen, wenn sich jemand in einer schwierigen Situation befindet. Diese vom Einkommen der Eltern unabhängige Sicherung des Unterhalts ist für die Böll-Stiftung ohnehin das Ziel einer künftigen Bafög-Reform. Denn das bisherige Bafög bleibe trotz aller Aufstockung durch die neue Bundesregierung ein Stück antiquierter Bildungspolitik. Studierende würden immer noch wie Vierzehnjährige behandelt, solange die Ausbildungsförderung sich nach dem Einkommen der Eltern richte und nicht elternunabhängig ist. Einen vom Einkommen der Eltern unabhängigen Sockelbetrag in Höhe von 400 bis 500 Mark jedem Studenten zu geben - diese Reformidee ist bisher am Widerstand von Bundeskanzler Gerhard Schröder gescheitert.

Der Bildungskommission gehören unter anderen Professor Jens Reich, der einstige GEW-Vorsitzende Dieter Wunder, Professor Wolfgang Edelstein vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Sybille Volkholz an.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben