Gesundheit : Wo bleiben die neuen Altarbilder?

Tilmann Warnecke

Das Christentum unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von anderen monotheistischen Religionen: Es erlaubt prinzipiell die bildliche Darstellung der Gottheit. Wichtiger noch: Der fühlbare, sichtbare Leib Christi steht im Mittelpunkt des christlichen Heilsversprechen, denn laut christlicher Lehre ist in Christus Gottes Wort Fleisch geworden, also unmittelbar anschaubar.

Judentum und Islam dagegen verbieten ihren Gläubigen ein Abbild Gottes. Trotzdem ist das Verhältnis von bildener Kunst und christlicher Kirche immer das "problematischste" im Spannungsfeld Künste und Religion gewesen. Das meinte jedenfalls Hans Maier in seiner Guardini-Lecture, die er diesmal dem Thema "Bilderstreit - Bilderfrieden" widmete. Der Münchener Historiker und langjährige bayerische Kultusminister spielte auf das immer noch berühmteste (und gleichzeitig berüchtigste) Beispiel des konfliktreichen Verhältnisses an, den Bilderstreit im Byzanz des achten Jahrhunderts. Als der christliche Kaiser Leon III. dort 730 ein Bilderverbot erließ und kaiserliche Truppen religiöse Fresken und Mosaike mit Stangen und Brecheisen zerstörten, führte das zu einem erbitterten Bürgerkrieg zwischen Bildverehrern und Bildverächtern, der fast ein Jahrhundert dauerte.

Kunst als Zeigestock

Lange hatte sich die christliche Malerei auf die Abbildung symbolischer Formen wie den Fisch und das Kreuz beschränkt. Das begründete Maier mit der Verfolgung und Zerstreuung der christlichen Gemeinde in der frühen römischen Kaiserzeit sowie dem Wunsch, sich von der Bilderflut absetzen zu wollen, mit der ihre Peiniger verehrt wurden. Das änderte sich mit dem Übertritt des römischen Kaisers Konstantin zum Christentum. Jesus- und Marienmosaike waren der Beginn christlicher Ikonographie. Den endgültige Durchbruch schaffte das Konzil von Nikäa, das 787 den byzantinischen Bilderstreit zugunsten des Bildes beendet.

Zwei Richtungen zeigte Maier in der Entwicklung christlicher Malerei auf. Der orthodoxe Osten vervollständigte die Ikonographie in immer ausgefeilteren Formen mit dem Maler Andrej Rublew im 15. Jahrhundert als Höhepunkt. Der Westen dagegen benutzte das Bild als Zeigestock: "Werke wie die von Hieronymus Bosch sind nie nur schöne Kunst, sondern immer auch ein Programm zur allgemein verständlichen Darstellung der christlichen Lehre gewesen." Den "großen Bruch" sah Maier mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts. Damals beklagte sich nicht nur Martin Luther, dass sich jeder inzwischen an seiner eigenen Pseudo-Religion erfreuen könne ("Zwei Federn und ein Ei sind schon der Heilige Geist"), und blies deswegen erneut zum Bildersturm. Schon in der Renaissance begann sich die Malerei vom Christentum zu emanzipieren und die "Nachahmung des Naturschönen" (Kant) in den Mittelpunkt zu stellen - der Bilderfrieden wurde zur Gleichgültigkeit der Künstler gegenüber der Religion.

Die "Ästhetisierung der Kunst" führte, so Maier, in letzter Konsequenz zur Auflösung oder Verrätselung des Gegenständlichen in der Kunst des 20. Jahrhunderts: "Eine Kunst für Kenner ohne Verbindung zur Politik, der Kirche und der Öffentlichkeit." Quasi als Gegenbewegung sei eine christliche Kunst entstanden, die sich in der "herausfordernden Spannung zur Zeitkunst" aber immer schwer getan habe. Erste Anzeichen zu einer Rückkehr ikonographischer Elemente meint Maier in jüngster Zeit zu entdecken. PopArt, Dadaismus, Fotografie und Video seien da nur einige Beispiele. So unterschiedliche Künstler wie Francis Bacon oder Joseph Beuys pochten wieder auf die Gegenständlichkeit ihrer Kunstwerke: "Diese mögen banal sein, unverständlich sind sie aber auf alle Fälle nicht."

Projekte wie Christos Reichtagsverpackung deutete Maier als die Suche nach neuen monumentalen Formen. Damit schließe sich der Kreis: Mit dem "Drang zu einer neuen Ikonographie" müsste auch die Darstellung christlicher Inhalte wieder möglich sein. Maier: "Wo bleiben die neuen Altarbilder?"

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