Gesundheit : Wo die Wut bleibt

Tausende protestierten im Winter gegen die Sparpolitik – bald waren’s nur noch 50. Jetzt setzen sich die Aktivisten neue Ziele

Tilmann Warnecke

Die Berliner Studenten protestieren auch im neuen Semester. Zumindest im Fernsehen: Dort läuft im Offenen Kanal diese Woche am Dienstag und Donnerstag das Programm „UniWut – Streik TV“, in der Unermüdliche gegen Kürzungen im Bildungsbereich ansenden.

Ob die Sendung die Stimmung unter allen Studierenden widerspiegelt, ist allerdings fraglich. Heute beginnt das erste Semester nach dem Protest-Semester im Winter. Aber selbst die Aktivisten des Streiks scheinen erst langsam aus den Semesterferien an die Universität zurückzukommen. In der Streikzentrale der Freien Universität, die laut Internet noch besetzt ist, war in der vergangenen Woche niemand zu erreichen. An der Technischen Universität meldet sich ein Studenvertreter, sagt aber, dass bisher keine Aktionen zum Semesteranfang geplant seien. Und Peter Hartig vom Referentinnenrat der Humboldt-Uni erklärt: „Wir warten ab, was die erste Vollversammlung bringt.“

Also alles beim Alten? Vieles spricht dafür, dass in diesem Jahr Ähnliches geschieht, wie bei den großen „Streiks“ der Jahre 1988 oder 1997: In ein zweites Semester sind Studentenproteste bisher nie gegangen. Schließlich hatten auch die aktuellen Proteste gegen die Sparpolitik des Berliner Senats bereits zu Jahresbeginn ihren Zenith überschritten.

Das letzte Hemd

Im Dezember kamen Tausende zu den Vollversammlungen. An fast jeder Straßenecke konnten Passanten öffentlichen Vorlesungen lauschen. Kälteresistente Studenten ließen die Bildung in der Spree baden gehen oder gaben ihr letztes Hemd und rannten nackt über Weihnachtsmärkte. Schon im Januar schrumpfte die Zahl der Protestierenden auf wenige Hundert, Professoren und Studenten kehrten in die Vorlesungssäle zurück. Dass sich der Streik jetzt in der Phase der gedanklichen Aufarbeitung befindet, zeigt ein Beispiel von der Freien Universität: Dort hat Anfang Mai ein Theaterprojekt Premiere, dass sich mit den Studentenprotesten des Winters auseinander setzt.

„In den Semesterferien ist mehr passiert, als jeder gedacht hätte“, sagt dagegen HU-Vertreter Peter Hartig. Die PDS lehnte Anfang April auf ihrem Parteitag die Einführung von Studienkonten ab. Das Ergebnis findet Hartig „herrlich“, und dass sich die Studenten das Ergebnis auf ihre Fahnen schreiben, kann man auf der Protest-Webseite der Humboldt-Universität nachlesen: „WIR haben gesiegt!“, steht dort groß auf der Startseite. Die Studenten müssten jetzt „konsequent durchziehen“, fordert Hartig: „Unser neues Ziel lautet, die Viertelparität im Berliner Hochschulgesetz durchzusetzen.“ Der nächste Parteitag der Berliner SPD am 20. Juni müsse „dementsprechend von den Studenten begleitet werden.“

Wieder auf die Straße?

Auch die samstäglichen Demonstrationen der Studenten sollen wieder aufleben, kündigt TU-Physikstudent David Wunderlich an. Und zwar mit deutlich mehr als den 50 Teilnehmern, die es zuletzt waren. Unterstützung bekommen die Aktivisten aus Thüringen: Weimarer Studenten kündigten zum Semesterbeginn ebenfalls neue Proteste an.

Studentische Streikseiten im Internet:

www.streikzentrale.de

http://asta.tu-berlin.de/streik/streik.html

www.refrat.hu-berlin.de

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